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Periodical volume 7. Februar 1885, Nr. 19

Full text: Der Bär Issue 11.1885

Herr von Madagaskar!" — Noch heute klingt der Nachhall dieser 
Rufe durch meinen Geist, — durch meinen Kerker! — Allein es 
ist doch schön, solch' einen Ruf einmal gehört zu haben! — 
(Fortsetzung folgt.) 
Ein böser Brauch aus -er guten alten Zeit. 
Als die Tage des Faustrechtes längst vorüber waren, und in 
den Streitigkeiten der Fürsten untereinander die Geschicklichkeit ihrer 
Juristen den Ausschlag gab, erhielten sich doch vielfach an den 
Höfen die älteren kraftvollen Gebräuche, über die hin und wieder 
noch berichtet wird. Wer im sechszehnten Jahrhundert ein tüchtiger 
Hofmann sein wollte, der mußte auch an der Tafel seinen Mann 
stehen, vor Allem mußte er — im wahren Sinne des Wortes — 
seinen Stiefel trinken können. Bei den Besuchen der Fürsten unter 
einander ging es bei allen Mahlzeiten hoch her; und ein ordentlicher 
Rausch bildete für Herrn und Diener bei solchen Gelegenheiten die 
Regel. Nach dem Turnier von 1581 gab Johann Georg vor 
dem Aufbruch seinen sächsischen Gästen einen Morgenimbiß und 
geleitete persönlich den Kurfürsten von Sachsen zum Thore hinaus. 
Das Volk, so heißt es darüber, stand gaffend in den Straßen und 
freute sich über die gute Laune der sächsischen Herren, welche aus 
ihren Pferden bald vorwärts, bald rückwärts, bald zur Seite 
schwankten und die deutlichsten Zeichen von sich gaben, daß ihnen 
der Abschiedstrunk herrlich geschmeckt habe. Als 1590 Johann 
Georg sich nach Dresden begab, um dort die neuen Festungswerke 
zu besichtigen, befand sich in seiner Begleitung der Graf Lhnar 
der selbst sich den Gelagen ferne hielt, in seinem Tagebuch aber 
mehrmals hintereinander einzutragen hat, daß die Herren weidlich 
gezecht haben, und daß es nicht ohne einen großen Rausch ab 
gegangen. Die großen Jagden begünstigten sehr den übertriebenen 
Cult des Bachus, dem aber bis in das vorige Jahrhundert hinein 
alle Regenten huldigten. Der Kurfürst Georg Wilhelm von 
Brandenburg, ein eifriger Jäger, der einst einen tüchtigen Jagd 
hund mit siebentausend Thalern bezahlte, hatte das Schloß Neu 
hausen bei Königsberg zu seinem Hauptjagdschloß in Ostpreußen 
erkoren. Er stiftete dort im Jahre 1627 eine silberne Muskete 
nebst Pulverhorn, die zum Willkommen mit Wein gefüllt zu werden 
pflegte. Förster — in dem Leben Friedrich Wilhelm I. — giebt 
an, daß die Muskete VI* Quart und die Pulverflasche I V- Quart 
gehalten habe, und daß Jeder, der zum ersten Male auf dem Schlosse 
erschien, diese beiden Gefäße leeren und alsdann einen Reim mir 
seiner Unterschrift in ein dazu bestimmtes Buch eintragen mußte. 
Von der Wirkung einer solchen „Ladung" zeugt beispielsweise 
das, was ein Herr von Kalecin in das Stammbuch trug: 
„Uff Gnädigsten Ihre Churf. Durchlaucht anordnung undt 
befehl habe ich Unten benanter die mir von dem Hauptmann 
Christoff von Nettelhorst präsentirte Musquet und Pulverflasch 
zum Wilkum ausgetrunken, da dan die gar zu stark geladene 
Musquet mir einen solchen Stoß gegeben, daß ich in 4 Stunden 
nicht wiederumb aus dem Bette, darinnen ich gefallen, aufstehen 
können. Zu wahren gezeugniß dessen habe ich mein Hand und 
Rahmen hinter mir verlassen wollen, zu Newheusen den 
4. Januari 1639." Albrecht von Kalecin. 
Schon iin nächsten Jahre hielt sich der Kurfürst mit dem Kur 
prinzen zur Jagd dort auf. 
Es findet sich der auf die Leistungsfähigkeit des Schreibers 
im Trinken ein merkwürdiges Licht werfende Spruch: 
„Was bei Abendt Ungelück 
Ist alle Morgen mein frühstük." 
„Bei Präsentirung der Muskel und pulverflasche, so ich aus 
Schuldigkeit ausgetrunken den 18. Mai 1640." 
Hans Ernst von Rippen. 
Der Stifter der gefährlichen Muskete, Georg Wilhelm, 
starb bald nach dem vorstehenden Datum noch in demselben Jahre 
zu Königsberg; aber auch unter seinen Nachfolgern blieb die Be 
stimmung, den „Willkomm" betreffend in Kraft. Aus der Zeit des 
Großen Kurfürsten stammt folgender Vers des Andreas Bernhard 
von Königseck am 1. Februar 1649: 
„Wer in daß Amt Newhausen kombt 
„Den Verordneten Wilkomb bekombt, 
„Der muß entweder tapfer saufen 
„Oder aber zum Thor hinauslaufen." 
Am 9. September 1714 besuchte Friedrich Wilhelm I. das 
Jagdschloß Neuhausen zum ersten Male und leerte ebenfalls Muskete 
und Pulverflasche. Er und sein Gefolge trugen sich mit kurzem 
Spruch in das Buch ein: 
„Vivat Preußen." 
Friedrich Wilhelm. 
„Ultra posse nemo obligatur.“ 
Graf Dohna. 
„Getreu bis in den Thott." 
Leopold F. zu Anhalt. 
„Bene vivere et letari.“ 
Graf von Finkenstein. 
„Des Königs Vergnügen ist unsere Glückseligkeit." 
Dönhoff. 
Aus Sparsamkeit wurde unter Friedrich Wilhelm I. statt des 
Weines das Neuhäuser Bier zur Füllung benutzt, wie aus einem 
im April 1723 eingeschriebenen Gedichte hervorgeht: 
„Mein großer König lebt, ihr Musen fteuet Euch, 
Denn sein geschärftes Schwert schützt Helicon und Reich, 
Wo Friedrich Wilhelm herrscht, da kann man mit Vergnügen, 
Die bitt're Traurigkeit durch bitteres Bier besiegen. 
Ihr Zeiten dringet doch mit neuem Glück herein 
Laßt alle Waffen doch, wie diese silbern sein. 
So wird auch Preußen einst, anstatt der Gerste Reben 
Der Trauben süßen Saft den matten Musen geben." 
Den 11. April 1723. Joh. Georg Bock. 
Friedrich Wilhelm hatte in Wusterhausen ein ähnliches Trink- 
geräth in Gebrauch, das ihm wenige Tage vor dem Hubertusfeste 
des Jahres 1728 ein Kammerdiener Augusts II. von Polen aus 
Dresden überbracht hatte. Es war dies ein schwerer als Geschütz 
brauchbarer Feuermörser aus Silber nebst einer silbernen ver 
goldeten Granate. Aus dem Mörser konnte man, wie der Hof 
narr Morgenstern erzählt, auch Gesundheiten trinken und er 
ging derohalben aus die Gesundheit Seiner Majestät des Königs 
von Polen wacker herum. 
Die Muskete des Schloffes Neuhausen, das später in den 
Besitz des Grafen Bülow von Dennewitz kam, befand sich zuletzt 
in der Königlichen Kunstkammer, von wo sie vermuthlich in eine 
der öffentlichen Sammlungen gelangt ist. Sie könnte wohl 
Manches erzählen von den verwilderten Sitten des dreißigjährigen 
Krieges, da der tapfere Oberst von Burgsdorf sich rühmen 
durste, an der kurfürstlichen Tafel bei einer Mahlzeit 18 Maaß 
Wein getrunken und für derartige Leistungen mehr wie ein Gut 
als Lohn erhalten zu haben. Tempi passati! Der „augen 
blickliche Massekonsum" ist jetzt nur noch eine Spezialität der 
studentischen Kneiptafel, und im Kommersbuch erinnert noch daran 
die ältere Variante eines bekannten Liedes: 
Lu Angleterre nous irons 
Chercher la guerre sans f'ayon 
:,: Cest pour la Prouve de l’artillerie :,: 
Brave soldatesca, tirez! tirez! 
Ali ce brave Compagnon, 
Qui sait tirer son Canon! 
— W.
        
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