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Periodical volume 31. Januar 1885, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Sommernächte, in welchem wir marschiren konnten, die Morgen- 
und die Abendstunden! Allein bei Tag und Nacht offenbarten sich uns 
die Wunder der Schöpfung in einer märchenhaften Schönheit oder 
in der bizarrsten Gestalt. Tausende von goldigen, buntschillernden 
Vögeln belebten das gewölbegleiche Dach des pfadlosen Urwaldes 
über uns, und in der Pflanzenwelt, — welch' ungemeine Reich 
thümer lagen in ihr nicht für werbende Hände verborgen! Diese 
Massen edler Hölzer in den Wäldern! — O, es mußte eine Freude 
sein, hier zu schaffen und zu wirken, — waren nur erst die Funda 
mente eines geordneten Staatswesens gelegt! Wir trafen auf 
unserem Marsche viele malagassische Weiler an. Ueberall herrschte 
in ihnen der tiefste Frieden; das Uebel des Krieges schien man 
hier noch nicht zu kennen. Oft begegneten uns, wenn wir am 
Abende einer Ansiedelung näher kamen, die goldbraunen Weiber 
der Malagaffy, den Wasserkübel auf den Häuptern tragend und 
zu frischen Quellen wandelnd, „da sich der Tag geneigt hatte!" 
Ich duldete es nicht, daß ihnen etwas Uebles geschah, obwohl die 
Begierde unserer Krieger nach diesen hohen, schlanken und elastischen 
Gestalten eine fast unbezähmbare war. Linange kümmerte sich 
jetzt um unsern Zug nicht mehr; — er jagte nur. Ich aber 
mußte unter der vortrefflichen Anleitung des düstern Gaston von 
Fröjus jetzt Alles anordnen, was wir zu thun hatten. Ich ließ 
des Vormittags die Lager aufschlagen; — ich ordnete des Abends 
den Zug, so gut ich es vermochte und so weit ich den Umständen 
Rechnung tragen konnte. 
Es war uns in dieser Region des Waldgürtels, welcher sich 
um die ganze Insel hinzieht, ihren mittleren Theil von ihren 
Rändern trennend, doch manch' ein Mal zu Muthe wie den 
Träumenden! Wir aber brachten, das wußten wir, Tod und Ver 
derben in diese friedliche, großartig schöne Einsamkeit! Konnten 
wir da auf die Gnade des Himmels hoffen? — Wir suchten das 
Land des Goldes! — Ja, — aber die Malaaassy sagten uns, 
daß dasselbe bis jetzt unauffindbar gewesen war. — Waren wir 
die Prädestinirten, denen jedes Gut der Erde mit der Entdeckung 
der verschütteten Minen von Madagaskar zufallen sollte? 
Gleichviel! Ich hatte damals kaum einen Zweifel an der 
Verwirklichung meiner kühnsten Träume. Die Insel war so aller 
Wunder voll, daß sie auch uns die Erfüllung des ersehnten, 
höchsten Wunders bringen konnte! — 
Doch wir drangen weiter vorwärts! Der Waldesgürtel war 
durchschritten; wir näherten uns den steinigen und felsigen, den 
höher gelegenen Regionen der Mitte, dem Lande der dunklen 
Betsileo. Schon hatten wir, wie unsere eingeborenen Begleiter 
und der ernste Herr von Frejus uns gesagt hatten, mehrere, fteilich 
friedlich reisende Angehörige des kriegerischen Betsileo - Stammes 
auf der Fahrt angetroffen. Ich werde diese Gestalten nicht ver 
gessen. Ihre malerische Tracht erinnert an die Gewandung der 
Griechen und Römer. Ein langes Stück weißen Stoffes, Simbu 
genannt, umhüllt mit seinem Faltenreichthum die Schultern und die 
Arme, ein zweites, das Sadik, wird um die Hüften geschlungen. 
Ein breitrandiger Strohhut bildet die Kopfbedeckung; — die Beine 
und die Füße sind unbekleidet. Langes, schwarzes Haar umrahmt 
in einer Menge von Locken den schönen, bronzefarbenen Kops, bei 
Männern wie bei Weibern. Die ersteren scheinen zum Kampfe 
und diese zur Liebe geboren zu sein! 
Schon hatten wir die Grenzen des Betsileo - Landes über 
schritten. Unter einem Waldesrande rasteten wir. Vor uns lag 
eine allmählig ansteigende Ebene, welche mit Dörfern des wilden, 
kriegslustigen Stammes besäet war. Einzelne derselben erschienen 
wie ausgestorben, — aus andern aber stieg Rauch auf. Ei» Ueber- 
fall der friedlich im Abendscheine vor uns sich ausbreitenden Dörfer 
wäre keine Heldenthat gewesen; zudem war ein solcher bei dem 
weit ausgedehnten Terrain und bei der geringen Anzahl unserer 
Krieger auch kaum möglich. 
Wir hatten demnach andere Wege einzuschlagen, um die 
Betsileo in Abhängigkeit von uns zu versetzen. 
Noch auf dem Boden Frankreichs hatte ich an jenen wunder 
baren Eindruck gedacht, welchen das Aufsteigen schimmernder, 
farbiger Feuerwerkskörper auf Wilde auszuüben pflegt. Wir 
hatten dergleichen daher in Menge mitgenommen. Wir warteten 
also ruhig an dem Waldesrande, bis die Dunkelheit das weite 
Thal verschleiert hatte. Bemerkt mußten uns die Betsileo bereits 
haben; — sie beobachteten uns, — das wußten wir! Dieser 
kriegerische Stamm war einem Kampfe mit uns gewiß nicht ab 
geneigt; — hatten wir doch die erschreckende Macht unserer Kanons, 
Feldschlangen und dergleichen noch gegen keine Eingeborenen an 
gewendet! Man muß mit seinen Mitteln ja wohl haushalten; — 
noch ahnte Niemand, wie mächtig wir waren! 
Nachdem die Dunkelheit schnell nach dem Untergange der 
Sonne sich über Wald und Gefilde gebreitet hatte, stiegen unsere 
künstlichen Meteore farbenprächtig und funkensprühend auf. Was 
wir erwartet hatten, geschah denn auch nach kurzer Frist: unter - 
Vortritt ihrer Zauberer und ihrer Andrianen, d. h. der Abkömm 
linge ihrer edlen Geschlechter, erschienen die Krieger der Betsileo 
vor uns; — sie waren zu Tode erschrocken. 
Der Herr von Frejus führte die Verhandlungen mit den jetzt 
ganz nachgiebigen Wilden. Jetzt beugten sie sich gern der Autori 
tät jener Fremdlinge, die sie verachtet hatten, als man im Fort 
Dauphin einst so großen Mangel litt. Sie gelobten^ unsere Felder 
zu bebauen, unser Vieh zu hüten, unserer Feinde Feind und unserer 
Freunde Freund zu sein. Wir waren mit dem Erfolge unserer fast 
theatralisch eingefädelten Schaustellung daher sehr wohl zufrieden 
und nahmen gern die Unterwerfung der Betsileo an. Ich fragte 
mich fteilich sofort, ob ein so plötzlich und unvermittelt empfangener 
Eindruck seiner Natur nach ein dauernder sein könne. Frsjus be 
ruhigte mich zwar darüber; aber auch er sprach: 
„Alles in Allem genommen, sind diese Malagassen unbe 
rechenbar!" 
Die Betsileo versprachen uns auch Tribut zu zahlen und uns 
die Erzeugnisse des Landes auf schweren Ochsenkarren in reicher 
Menge zuzuführen. Es war mir das das Wichtigste. Denn 
ich hatte Linange endlich davon überzeugt, daß wir, wenn unser 
Staat bestehen sollte, auch eine produktive Thätigkeit entfalten 
müßten. Zwei unserer Schiffe sollten, so hatte ich es beabsichtigt, 
stets auf der Fahrt sein, um die Produkte Madagaskars auf den 
besten europäischen Märkten, d. h. auf denen Holland's abzusetzen. 
Wir mußten ferner auf der Rhede von Fort Dauphin große 
Waarenlager errichten, um den Handel hierher zu ziehen, und mußten 
darauf bedacht sein, einige Kriegsschiffe zu erwerben, um der schönen, 
vereinten Flagge der Linange und der Langallery auch Achtung zu 
verschaffen. Ich dachte ferner an den Abschluß von Staats-Verträgen 
mit europäischen Mächten. Natürlich konnte ich dabei nur die 
Feinde Frankeichs, Holland und England, im Auge haben. 
(Fortsetzung folgt.) 
Serliner Carnevalslustlmrkeiten vor hundert Jahren. 
Mitgetheilt von Ferilmainl ül-yer. 
Unser Gewährsmann, dem wir die nachfolgenden Schilderungen 
entnehmen, ist der Herausgeber der „Chronik von Berlin oder 
Berlinischen Merkwürdigkeiten", aus denen die Nachkommen einiger 
maßen überzeugt werden sollten, welche Stärke ihre Vorfahren in 
Rechtschaffenheit und in schlechten Streichen besaßen und daß sie 
weder Schlafmützen noch Dummköpfe waren, vielmehr in den un 
bedeutendsten Dingen vielen Witz und Scharfsinn blicken ließen —: 
„Tlantlaquatlapatli."
        
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