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Periodical volume 31. Januar 1885, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Allecto", Bord an Bord zu meinem Schiffe, dem „Phönix", 
heran. Der Graf Linange erhob an Bordes Rand ein volles 
Glas, aus die Schultern der schönen Griechin sich stützend. — 
„Quo nos cunque köret melior fortuna parente!“*) — 
Laut rief er mir diesen, dem Horaz entlehnten Abschiedsgruß 
hoffender Seefahrer entgegen, wie er es überhaupt sehr liebte, seine 
überlegene klassische Bildung mir aus Schritt und Tritt zu zeigen. 
Und nun segelten wir wieder auseinander, den Wundern der Fremde 
entgegen! — 
Ich wage es nicht, den Leser lange mit dieser lang' währenten 
Seefahrt nach Madagaskar aufzuhalten. Es genüge, daß ich einiges 
Wenige anführe. Mir schien es damals in der That, als sei nun 
endlich jener harte, vom Schicksale über mich verhängte Bann ge 
brochen. Alles ließ sich auf's Glücklichste an; ich fühlte mich völlig 
frei auf hoher See, auf welcher kein Feind, — nur friedliche 
holländische oder englische Schiffe, — dann und wann vielleicht 
auch eine kurbrandenburgische Fregatte uns begegneten. Portu 
giesen und Spanier grüßten zuvorkommend den Löwen von San 
Marco; — das Lilienbanner Frankreichs aber begegnete uns nicht 
mehr; wir hatten daher auch keine Gelegenheit, unsere, kein Er 
barmen kennende, nur Berderbcn drohende oder uns selbst Ver 
derben bringende Flagge mit dem Todtenkopfe noch einmal auf 
zuhissen. 
Die Frühlingspassate waren vorüber! Fast ohne Unfall voll 
zog sich die Fahrt. Nur vor Sierra Leone, ehe wir anlegten, 
mußten wir drei Mann, mit Steinen beschwert, in's Meer hinab 
senken : es waren italienische Matrosen, welche uns durch Hitzschlag 
und das Fieber entrissen worden waren. Die Böller donnerten 
über die See, — guten Kameraden zu letztem, ehrendem Gruße! 
Im Uebrigen war die Stimmung unserer Mannschaft eine 
vortreffliche. So oft wir ein paar Boote nach dem Lande schickten, 
fanden sich Tauschhändler in Menge ein. Allein wir sahen, daß 
jede Urspünglichkeit und Naivetät von diesen anscheinend so gut 
müthigen Schwarzen bereits völlig gewichen war. Ihre Cabiren 
oder Cabusiere, d. i. Häuptlinge, glichen auf ein Haar jenen viel 
gewandten, listigen und betrügerischen Händlern aus Griechenland, 
welche die Hafenstädte des Mittelmeeres so arg heimsuchen. Wir 
hielten deshalb, da wir für unsere Jntereffen keinen Vortheil 
sahen, mit unsern Waaren zurück, bis wir an die Golbküste ge 
kommen waren. — 
„Goldküste!" — Welch' glückverheißender, jedes nur irgendwie 
irdischen Hoffnungen zugewendete, irdischem Glücke schlagende Herz 
zu höchsten Erwartungen schwellender Name! Grade diese Gold 
küste beim Cabo de tres Puntas aber sollte mich zuerst in meinen 
Voraussetzungen über den schwarzen Erdtheil grimmig enttäuschen! 
Wir hatten vor einer wohlgelegenen Bai die Anker ausge 
worfen. Vor uns befand sich eine halbkreisförmig in's Meer sich 
erstreckende Landzunge, welche einen natürlichen Hafen bildete. Am 
Lande erhoben sich mehrere, anscheinend wohlhabende Weiler, und 
über ihnen lag auf einem Berge ein offenbar verlaffenes Fort. 
Wir mußten hier zu landen versuchen, um Wasser einzunehmen, 
welches uns bei der langen Fahrt ziemlich knapp geworden war, 
und wollten zugleich unser Glück im Tauschhandel versuchen. Be 
fanden wir uns doch auf der Goldküste! Erfahrene Seeleute zwar 
warnten uns, hier an das Land zu gehen; denn gerade hier seien 
die Neger verschmitzter und hinterlistiger als irgendwo anders. 
Dennoch konnten Linange und ich der Versuchung nicht widerstehen, 
das Land des Goldes zu sehen, um so mehr, als es in der That 
eine dringende Nothwendigkeit für uns war, frisches Wasser ein 
zunehmen. 
Wir setzten demnach die Boote aus und fuhren wohlbcwaffnct 
*) Mag uns das Schicksal hinführen, wohin es will; gütiger wird 
dasselbe stets fein, als unser Vaterland! 
zu Lande. Wie aber erstaunten wir, als wir die weiten, umfang 
reichen Ansiedlungen leer und ganz offenbar von Kriegsstürmen 
verwüstet vorfanden! „Das Land des Goldes!" sprach der Haupt 
mann Godremetz sarkastisch zu mir. — „Sie sehen, Herr Marquis, 
— auch hierher ist die Göttin der Zwietracht und des Ver 
derbens bereits vorgedrungen! — Wir haben jenes Eiland der 
Seligen noch nicht erreicht, in welchem ein ewiges Glück und be 
ständiger Friede herrscht!" — Ich konnte ihm nichts antworten, 
denn in demselben Augenblicke stießen wir auf zwei hülflose, greise 
Männer, welche allein in der zerstörten Niederlassung zurückgeblieben 
zu sein schienen. Unsere Schiffer fragten sie aus Portugiesisch nach 
dem Verbleib der anderen Einwohner des Ortes. Sie wiesen nach 
den fernen Wäldern hin und nach dem verlassenen Fort dort oben. 
Wir beschlossen, zu dem letztern emporzusteigen. 
„Goldküste!" In welch' ironischem Gegensatze stand dieser 
Name zudem, was wir dort oben vorfanden! „Goldküste!" Reihen 
von Schädeln bezeichneten den Weg nach oben. Und dort, in den 
zerbröckelnden Ruinen einer alten, europäischen Niederlassung barg 
sich der Rest der Bevölkerung dieser chimärenhaften, von phan 
tastischen Reisenden mit Glück und Wohlstand ausgeschmückten 
Ländertrakte! Als wir aufstiegen, donnerten uns Kanonen entgegen; 
aber, — wir sahen es sofort ein, — man hatte oben keine Munition 
und versuchte nur, uns auf eine wahrhaft kindische Weise zu er 
schrecken, indem man bloße Allarmschüsse abgab. Als wir trotz 
derselben in guter Ordnung auf dem steilen Wege weiterzogen, 
wurde oben eine weiße Flagge aufgehißt. Man verstand also dort 
die europäische Sitte und wollte sich ergeben! Wir antworteten in 
gleich versöhnlicher Weise, und wenige Minuten darauf traten wir 
in den Umkreis eines verfallenen, aber, wie ich sofort bemerkte, 
höchst geschickt angelegten Forts ein. 
Daß ich es sogleich sage: es war das trefflich gelegene,, nun 
i aber verwüstete brandenburgische Fort Groß - Friedrichsburg, 
welches wir, nachdem daffelbe von seinen Gründern verlassen war, 
im Besitze eines Negerstammes vorfanden, welcher mit den Holländern 
im Kriege lag. Man empfing uns freundlich genug, als wir durch 
einige der portugiesischen Sprache mächtige Matrosen den Cabiren 
oder Cabusieren der Neger unser friedlich Kommen und unsere 
redlichen Absichten hatten ankündigen lassen. Wir fragten nach 
Gold. Bei den Göttern, — man hatte das edle Metall seit 
langen, langen Jahren hier auf der Goldküste nicht mehr erblickt! 
— Der geringe Vorrath des Littorale selbst war ausgenutzt, — 
das Hinterland aber war noch nicht erschlossen! Wir fragten nach 
Elfenbein! Nur durch sehr schwierige, zudem äußerst zeitraubende 
Jagden war dergleichen zu erhalten! Wir mußten froh sein, gegen 
unsere, freilich ziemlich werthlosen Schmuckgegenstände, gegen Wein 
und gegen alte Flinten wenigstens Wasser und Cokusnüsse ein 
tauschen zu können! 
Das an der Goldküste von Afrika! — 
Ich fühlte, daß meine Erwartungen von dem Eldorado im 
Südwesten des Erdtheils sich fast in allzu schnellem Zeitmaße herab- 
j stimmten! 
Doch nein! Es konnte nicht sein! Diesmal durfte ich keinem 
Phantome nachgeeilt sein! — Mein Leben ging, das fühlte ich, 
wohl bald der Rüste zu; — ich durste mich nicht getäuscht haben! 
Muthig also geblickt in die Ferne! — 
Die Neger an dieser Küste gehörten einem Volksstamme an, 
dessen Kraft bereits gebrochen wir; sie waren mit europäischer Sitte 
völlig vertraut und bezeigten uns, nachdem sie eingesehen hatten, 
daß wir keineswegs zu plündern gesonnen waren da, wo nichts 
zu plündern war, auch guten Willen. Sie brachten uns Er 
frischungen, und wir blieben auf Groß-Friedrichsburg, bis der 
Abend sich über Meer und Land zu breiten begann. Die Scenerie 
der Landschaft war eine großartig schöne. Dort die feurig zur 
Ruhe gehende Sonne und das weite, unermeßlich weite, theils
        
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