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Volume 11. October 1884, Nr. 2

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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„Italien blickt in Bezug auf Kunst und Kunstfertigkeit 
schon auf eine lange ruhmreiche Vergangenheit zurück . . . 
„Und unser Reich, meint Er, steckt auch darin noch immer 
in den Kinderschuhen?" 
„Es hatte nöthigeren Bedürfnissen des täglichen Lebens 
Befriedigung zu schaffen. Der Himmel lacht nicht so blau 
und sonnig über unserm Lande. Kraft und Zeit waren 
nöthig, uns schützende Gebäude und warme Kleidung zu 
. schaffen, durch gründliche Bestellung unseres Bodens uns die 
Erzeugniffe zu reifen, die dem Italiener fast mühelos zu 
wachsen. — Indeß habe ich schon selber daran gedacht, ob 
nicht, wenigstens in unserer Hauptstadt, ein Versuch gelingen 
möchte, uns solche Gewebe, soweit wir sie bedürfen, selbst zu 
fertigen." 
„Bedürfniß und Verbrauch wachsen mit der eigenen Pro 
duktionskraft! — Nur frisch versucht! Bei dem ewigen Denken 
und Planen komint wenig 
heraus. Greift die Sache an; 
auf die Bestellungen des Hofes 
dürst Ihr rechnen." 
„Nicht der Muth und 
gute Wille — die Mittel 
fehlen, Hoheit . . . 
„Wenn Ihm sie fehlen, 
'o haben Andere sie; für rechte 
'wecke heißt es nur die 
rechten Leute finden! Solche 
zu finden wissen, das ist die 
rechte Kunst!" 
„Zunächst müßten ge 
schickte italienische Weber zur 
Uebersiedelung in unser Land 
bewogen werden, und allzu- 
lcicht dürsten sie nicht zu ge 
winnen sein, ihr sonniges, 
fröhliches Heimathland mit 
unsern rauhen Wintern zu 
vertauschen. Tausend, ja fünf 
zehnhundert Thaler möchte die 
Uebersiedelung einzelner, besonders kunstfertiger Familien kosten, > 
und die gesammte Einrichtung einer solchen Fabrik dürfte leicht 
fünfundzwanzig bis dreißigtauscnd Thaler zu stehen komm«"',- 
und das, Königliche Hoheit, ist eine für unser- und Stadt 
schwer wiegende Summe- Und wenn dann die Gewebe, wie ! 
es für die -rstx.. Fahre allzuleicht möglich, die Konkurrenz 
mit den vom Ausland eingeführten Sammetstoffen nicht er 
tragen könnten, dann . . . ." 
. . . .„Verbieten wir für Preußen einfach die Einfuhr. 
Voila. Das Alles sind kein- Gründe! Am nöthigen Unter 
nehmungsgeist nur fehlt es! Ich wette, wenn ich morgen 
einem Franzosen, ja, selbst einem deutschen Juden meine 
Protektion für solch' Unternehmen zusagte, er wüßte Mittel 
und Wege zu finden!" 
„Zur oberflächlichen schnellen Einrichtung vielleicht, — 
zu dauerndem, erfolgreichen Betriebe schwerlich. Königliche 
Hoheit thun Ihren guten Brändenburgern Unrecht! Sie 
mögen schwerfällig sein, dafür aber sind sie ausdauernd und 
treu. Für eine Sammelfabrik bedarf es außer dem nöthigen 
Kapital und Unternehmungsgeiste noch Mancherlei, für das 
Qas Einsehen der bemalten 
Bilder aus der Königin 
wir beim Auslande die nöthigen Anleihen machen müßten. 
Nur Eines zu erwähnen: wir bedürfen für Sammetgewebe der 
Seidenfädcn und Seide ist ein kostbarer Artikel, den unser 
Land vorläufig nicht zu produziren vermag." 
„Doch Maulbeerbäume vermag cs zu tragen, — unser 
Land hat geschützte sonnige Strecken, so gut wie ein anderes. 
Schon mein königlicher Vater hat solche Anpflanzungen ver 
sucht, und ich sehe nicht ein, warum nicht so gut, wie ein 
zopfiger Chinese oder ein mittelalterlicher italienischer Mönch, 
nicht auch ein preußischer Schulmeister seine Freistunden nützen 
könnte, Maulbeerbäume und Seidenraupen zu ziehen? Nur 
angelernt und angehalten müssen die Leute dazu werden; und 
sie „sollen" es tverden, genau so gut, wie zum Anbau der 
Kartoffel und der Tabackspflanze, die sie zuerst auch ein 
„Teufelskraut" schalten und nun sich schon ganz trefflich 
munden lassen. 
„Also, überleg Er's, 
Monsieur! Ich erachte Ihn 
für einen wohldcnkcnden ver 
ständigen Menschen, der vor 
wärts will und der mit dem 
weiterschauenden Blick" — ein 
kurzer Wink der Hand ver 
abschiedet Kammerherrn und 
Diener — „den ich längst an 
ihm erkannt habe, auch zu 
überblicken vermag, wie viel 
er neben dem eigenen Vor 
theil auch Seinem Lande nützen 
würde. Einem guten Patrio 
ten kann es nicht gleich sein, 
ob Handel und Gewerbe im 
Lande blühen, oder ob das 
Land, — und unser Land ist 
nicht reich — sein Geld für 
fremde Produkte in's Aus 
land schickt!" 
„Hoheit sollen mich nicht 
umsonst einen treuen Patrioten 
genannt haben. Wenn von Vaters Seite auch polnischen 
Geblütes, bin ick der preußischen Grenze ge 
botn, und sür unser Preußenland und Eure Hoheit Gut 
und Blut!" 
Der junge Kaufherr hat sich in ehrlicher Bewegung auf 
die Hand des Kronprinzen niedergebeugt, sie zu küssen. 
„Nicht doch!" — wehrt ihm dieser, „bin kein Freund 
so unterwürfiger Huldigungen! — Er hat mein Wort, Mon- 
sieur, daß ich Ihm in all seinen Unternehmungen fördernd 
zur Seite stehen und nie vergessen will, daß ich es war, der 
Ihn dazu gedrängt hat. Celä suffit! — Ich fürchte" — 
Blick und Stirne des jungen Fürsten verrathen wieder die 
frühere müde Bedrückung, — „es mag nicht allzulange mehr 
währen, und ich sehe mich selber an die Spitze eines Staates 
gestellt, den mein königlicher Vater zu vergrößern und mir in 
geordneten Finanzverhältnissen zu hinterlassen sein Leben lang 
gestrebt hat, da heißt es auch weiter bauen, was er begonnen 
hat! Meines Vaters Briefe sind eingehender und herzlicher, 
als ich sie von jeher empfangen habe; und wenn es in einem 
so starren, kräftigen Baume so linde zu rauschen beginnt, pflegt 
Gegenstände in dir Muffel. 
. Porzellanfabrik. 4.
	        
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