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Periodical volume 24. Januar 1885, Nr. 17

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Denn noch lag mir eine wichtige und gefahrvolle Pflicht ob. Ich 
hatte noch nach Marseille zu segeln; ich hatte noch aus meinem 
schönen Vaterlande, welches mich so schnöde einst verstoßen hatte, mein 
Theuerstes zu retten, meine Söhne Philipp und Philipp Ludwig, jene 
theuren Pfänder, welche mir von der Liebe meiner unvergessenen Mar 
gerite und der hochsinnigen edlen Marquise von Simianez ge 
blieben waren. Der Graf Linange, desse aufmerksame Liebe sich jetzt 
wiederum der Griechin Eustochion zugewendet zu haben schien, sollte 
unterdessen unserer Verabredung gemäß nach Westen weitersegeln 
und mich im Hafen von Cöuta erwarten. Vielleicht fand sich für 
ihn während meiner Abwesenheit von der Flotille Gelegenheit, die 
goldenen Schätze, welche wir mit uns führten, noch durch Auf 
bringung von ein paar Korsaren erfreulich zu vermehren. 
Mit jenem unserer Schiffe also, welches völlig das Aussehen 
eines venetianischen Kauffahrers hatte, segelte ich nach Nordwesten, 
während die bis an die Zähne bewaffnete „Allecto" ihren Kurs 
nach der Küste von Spanien nahm, geleitet von den anderen 
Schiffen. Ich muß es offen gestehen: es überkam mich ein eigen 
thümliches Gefühl, als wir uns jetzt von einander getrennt hatten. 
Wie wenn Linange, bei welchem sich fast all' unsere Waffen und 
all' unsere Schätze befanden, mich verließ? — Konnte dem leiden 
schaftlichen Manne nicht der Gedanke kommen, das Glück für sich 
allein in der Ferne zu suchen? — Doch ich schämte mich dieses 
Argwohns sofort, nachdem er in mir aufgestiegen war! Auch jener 
französische Priester, welcher während meiner schweren Krankheit in 
Venedig mich getröstet und gepflegt hatte, und welcher jetzt es sich 
nicht hatte nehmen lassen, mich auf meiner waghalsigen Reise nach 
dem Schlosse Tonnay in meiner Heimath zu geleiten, beruhigte 
mich. „Der Graf," so sprach er zu mir, „ist jeder leidenschaftlichen, 
ja jeder grausamen Handlung fähig, — einer Verleugnung des 
gegebenen Wortes aber nie!" — Pater Etienne hatte einen scharfen 
Blick! 
Wir ließen unser Schiff in Marseille unter der Obhut unseres 
italienischen Steuermannes zurück; ich selber nahm die bedeutend- 
sten Bestände meiner kleinen Schiffskasse an mich und zog die ! 
Kapuze der Benediktiner-Ordenstracht über mein Haupt. Ich sollte, ! 
so hatten >vir es verabredet, bei unserer Reise durch Frankreich 
als ein geistlicher Bruder des Pore Etienne gelten, um ungefährdet 
nach meiner Heimath, dem Engoumais, zu gelangen. Der in Mar 
seille zurückbleibende Steuermann sollte unterdessen unser Schiff 
mit Waaren beladen, wie dieselben zu einer afrikanischen Ex- i 
pedition allein brauchbar sind: mit jenen glänzenden Nichtig- 
leiten, mit jenem werthlosen Tand, für welchen die Eingeborenen 
dieses Erdtheils ihre Kostbarkeiten dahinzugeben gewohnt sind, 
und außerdem mit jenen unheilvollen Getränken, den gebrannten 
Wasiern Südsrankreichs, welche die Kraft der Negerstämme wirkungs 
voller entwaffnet haben, als Pulver und Blei dies zu thun ver 
mögen. 
Auf Saumthieren begaben wir uns, der verehrungswürdige 
Pore Etienne und ich, so schnell wie wir nur irgend vermochten, 
nach dem Engoumais, meiner verlorenen Heimath. Unsere Ver 
kleidung war gut, ja vortrefflich gewählt. Denn wer erblickte 
reisende Benediktiner damals nicht auf den Straßen Frankreichs? 
Man hatte also keine Ursach, uns zu beargwohnen! Wer konnte 
auch glauben, daß jener Philippe de Gentil, der in Frankreich zum 
Galgen verurtheilt worden war, je freiwillig in seine schöne Hei 
math zurückkehren werde? Meine ärgste Feindin, jene Franpoise 
d'Aubigne, die Frau von Maintenon, jetzt die heimliche Gemahlin 
des dem Tode zuwelkenden Königs, hatte durch die Ehrfurcht vor 
den Geistlichen aller Orden, welche ihr Beispiel verbreitet hatte, 
selbst dafür gesorgt, daß unsere Reise unbeanstandet blieb. 
Sv kamen wir schnell über die Cevennen in die düstere Au 
vergne mit ihren ausgebrannten Vulkanen, ins Pörigord und nach 
dein Engoumais! Wie lebendig steht diese Reise mit ihren bald l 
finstern, bald freundlichen Bildern vor mir! — O diese Land 
schaften, ihre friedlichen Dörfer, ihre alten Städte mit den herr 
lichen Domen, — wie hatte ich sie einst so heiß geliebt, — wie 
liebte ich sie heiß noch heut! In der Einsamkeit der Wälder, in 
der erhabenen Stille der Kirchen, welche wir meist nur zur Nacht 
zeit betraten, wann in dem Dunkel nur die ewigen Lampen ftommer 
Stiftungen brannten, hätte ich oft mich niederwerfen mögen auf 
den kalten Estrich und weinen und klagen: „O mein verlor'nes, 
heißgeliebtes Vaterland!" 
Es war um die Mitternachtsstunde, als wir dem. Schlosse 
Tonnay an der Charente nach einem äußerst anstrengenden Ritte 
uns näherten. Es war eine uralte Sitte unseres Geschlechtes, auf 
der Zinne des höchsten der vier Wartthürme ein immerwährendes 
Feuer zu unterhalten. Dasselbe sollte Winter und Sommer in's 
Land leuchten, so lange noch ein Mitglied unserer Familie vor 
handen war, welches den uralten Stamm der Gcntils de Langallery 
fortzupflanzen fähig war. 
Der Hohlweg vor uns hatte sich geöffnet. Ich kannte die im 
Mondenscheine vor mir ruhende Landschaft; — ich kannte Weg 
und Steg und Oertlichkeit und Richtung ganz genau! Ich sah 
in der Ferne das Schloß Tonneaux wenigstens in dunklen Um 
riffen vor mir; — das ganze Gebäude aber war unerleuchtet, — 
eine finstere Masse, so ruhte dasselbe inmitten der von silbernem 
Scheine übergossenen Landschaft; — das Feuer auf dem Wart- 
thurme war erloschen! — 
Wer beschreibt meine Herzensangst und die Verzweiflung, 
welche mich übermannte! Ich rief dem ehrwürdigen Pater zu, so 
schnell wie möglich mit mir in das Thal der Charente hinabzu 
sprengen; — er folgte unverzüglich den rasenden Sätzen meines 
Rosses! Denn Pore Etienne war nicht umsonst ein Krieger einst 
gewesen in seiner lang' entschwundenen Jugendzeit! 
Schaumbedeckt kamen unsere Roffe vor dem Thor des Schlosies 
an. Die Zugbrücke der Burg Tonnay war niedergelaffen; — 
man hatte in dem beruhigten Frankreich unter dem herrlich großen 
Paare, welches jetzt seine Geschicke in Händen hielt, ja keine Bürger 
kriege mehr zu erwarten! Der Thorweg war offen; — aus der 
Wohnung des Kastellans, meines alten Dieners, aber schimmerte 
etwas wie ein rother, verlöschender Lichtschein uns entgegen. 
Schnell wie der Wind war ich aus dem Sattel. Ich hatte 
die Kapuze abgerissen und stand vor meinem alten Diener. Er 
aber kniete, nachdem er mich erkannt hatte, weinend vor mir nieder 
und umschlang meine Hüsten. 
„O die heilige Jungfrau sei gelobt! Sie kommen, Herr, grad' 
noch zu rechter Zeit, doch fast schon in der letzten Stunde! Gott 
sei gelobt, — Gott und der Schutzgeist der Langallery!" 
„Um Gott, — die Kinder?" 
„Noch sind sie oben wohlbehalten! Aber sie schlafen in der 
Burg der Ahnen heut zum letzten Male! Man will sie morgen 
Mittag holen!" 
„Und wer erkühnt sich, mir mein Theuerstes zu nehmen?" 
„O Herr, — die Frau von Maintenon! Die beiden kühnen 
Knaben sollen Priester werden in St. Omer de Rouen!" 
„O ich kenne meiner Feindin Geist! Sie will vor jeder Rache 
des Geschlechts Langallery sich schützen! Doch sag', — warum 
brennt nicht die Lebensflamme der Gentils auf diesem Schlosse?" 
„Sie ist erloschen, muß erloschen sein! — Also befahl's die 
Frau von Maintenon!" 
„So war sie hier?" 
„Ja, vor zwei Tagen! — Das Schloß ist konfiszirt, — das 
Letzte uns genommen!" 
Verzage nicht, mon bon Martin!" rief ich ihm zu. „Doch 
schleunigst führe mich zu meinen Kindern! — Und dann Ihr drei 
zu Roffe, — Ihr folgt uns! — Wir müffen weit hinweg sein, 
eh' der Morgen aufsteigt!"
        
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