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Volume 24. Januar 1885, Nr. 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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darüber denken. Er steht auf einsamer Höhe, ein Baum, der 
nur festwurzelt durch eigene Kraft; während seine Unter 
thanen, den Bäumen des Waldes gleich, ihre Aeste und Wur 
zeln Aneinander schlingen und Schutz und Halt in einander 
suchen müssen. In diesem Sinne ist mein Thun nicht so 
selbstlos, wie es scheinen mag. Wolle mein königlicher Herr 
mein keckes Wort verzeihen und seine Gnade mir nicht ent 
ziehen, die meinem Leben nothwendiger ist, als dem Baume 
das Sonnenlicht!" Er neigt sich mit ehrfurchtsvollem Gruße 
vor dem Könige, der ihn mit leichtem Winke der Hand ver 
abschiedet. 
Der laute Jubel, der ihn umdrängt, als er den im 
Rathssaale seiner Harrenden die kaum erhoffte Gnade des 
Königs verkündet, verwischt nur langsam den befangenen Ein 
druck, den er diesmal aus seiner Unterredung mit dem König 
heimnimmt. 
Vom Leipziger Magistrate kam bald nach der Audienz 
Gotzkowsky's ein formelles Dankschreiben an denselben an- 
„Demnach Sr. des Königs von Preußen Majestät dem 
Rath der Leipziger Kaufmannschaft und den Vermögensten 
der Bürgerschaft eine extraordinäre Kontribution von 1 100 000 
Reichsthalern auferleget, und der Rath sowohl als die Kauf 
mannschaft mit Arrest beleget gewesen, so hat Herr Johannes 
Gotzkowsky, angesehener Bankier zu Berlin, auf darum ge 
schehenes Ansuchen sich ins Mittel geschlagen, von dem Rath 
und der Kaufmannschaft schriftliche Versicherungen lind Wechsel 
angenommen und dagegen an des Königs von Preußen Ma 
jestät nicht nur seinen Wechsel von 800 000 Reichsthalern 
abgegeben, sondern auch die Loslassung der Kaufmannschaft 
bewirket. 
Wie dadurch dem Rath und der hiesigen Kaufmannschaft 
nun ein besonderer Liebesdienst geschehen, können wir 
nicht umhin, des Herrn Gotzkowsky als eines wahren 
Menschenfreundes edle Denkungsart und uneigennützige 
Assistenz öffentlich zu rühmeir, erbieten uns auch zu allen 
möglichen Gegengesälligkeiten, nicht zweifelnd, daß die 
hies. Kausmannschast mit uns gleiche Gesinnung hegen und 
sich dem Herrn Gotzkowsky zu allen nur ersinnlichen Dienst 
leistungen verbunden erachten werde. 
Leipzig, den 26. Januar 1761. 
Der Rath zu Leipzig.*) 
Auch vom Könige von Polen und Sachsen trifft aus 
Warschau ein persönliches Dankschreiben für Gotzkowsky ein, 
worin er denselben „zur Erkenntlichkeit für die so uneigen 
nützig der Stadt Leipzig geleisteteil Dienste" zu seinem ge 
heimen Kominerzienrath ernennt. 
Denkt auch Gotzkowsky nicht daran, schon aus Rücksicht 
für den König von Preußen, von solchem Trtel je Gebrauch 
zu machen, so freut ihn doch, daß jenes Schreiben meldet, 
der König von Polen und Sachsen habe durch seinen Ge 
sandten, den Herrn von Leibnitz, der russischen Generalität 
verinelden lassen, daß der Kaufmann Gotzkowsky fortan unter 
seinem persönlichen Schutz und Protektion stehe, und er er 
warte, daß man ihm auch russischer Seits denselben überall 
angedeihen laffe. 
Dieses Schutzes mag er bald nöthig haben- Vom 
russischen Hofe ist durch den Gesandten Mlissiil Muschkin statt 
*) Wörtliches Dankschreiben der Stadt Leipzig. 
an ihn, an die Herren Splittgerber und Daun adressirt, ein 
geharnischtes Drohschreiben eingetroffen: „Roch immer laffe 
die Restzahlung für den ausgestellten Wechsel auf sich warten, 
und bei den bisher geschehenen Zahlungen habe sich die Ber 
liner Kaufmannschaft in ehrenrührigster Weise benommen, 
daß voll eineiil ferneren Vertrauen keine Rede sein könne- 
Die nominell gezahlten 150 000 Thaler seien nur 57 487 
Rthlr. werth, da ein Drittel der Sunime statt in den aus 
bedungenen alten Dukaten ü 4 Rthlr. Goldwerth, in schlechten 
sächsischen Dukaten gezahlt sei, wie solche anzunehmen in 
Preußen, — obgleich man sehr wohl wiffe, daß der König 
selber sie habe durch seinen jüdischen Münzmeister prägen 
lassen, allen königlichen Kaffen verboten sei." 
Gotzkowsly's stolzes Antwortschreiben weist alle Be 
schuldigungen als unwahr zurück. Er habe ohnehin in War 
schau zu thun und bitte, diese Angelegenheit persönlich mit 
dem Herrn Gesandten ordnen zu dürfen. So sieht er sich, 
obgleich seine Gegenwart in Berlin dringend geboten scheint, 
vor der Nothwendigkeit, zum dritten Male die Reise ins 
russische Lager zu machen. 
In seinem Hause scheint er sich bereits ein Fremder ge 
worden. Ein unablässiges Gehen und Kommen ihm fremder 
Gestalten überrascht ihn- Seine Frau scheint offenes Haus zu 
halten für Jeden, deffen Namen sie nur in Verbindung mit 
irgend einem schriftstellerischen Versuche hat nennen hören. 
Die Karschin ist täglicher Gast im Hause und nur durch sie 
können die übrigen Gäste eingeführt sein- 
Er versteht kaum, wie seine bisher so schüchterne, zurück 
haltende Frau an diesem lebhaften Verkehr Gefallen finden mag. 
Für ihn hat sie bei seinem Kommen und Gehen kaum 
eine oberflächliche Frage nach seinem Ergehen gehabt. Das 
herzliche Vertrauen, das sie trotz aller Vorwürfe in jener un 
glücklichen Nacht von ihm erbeten hat, scheint sie nicht mehr 
zu begehren — noch zu entbehren. 
Er ist gern zufrieden, sie also beschäftigt zu sehen; von 
den Sorgen, die ihn bedrücken, könnte er ihr doch nicht 
reden. 
Jrie's Bild steht unablässig vor ihm, und die Sorge um 
sie läßt ihn nicht zur Ruhe koinmen. 
Hat er wirklich denn so arg gefehlt, daß er ihr durch 
seine Sorge um sie seine Liebe verrathen hat? Er hat doch 
nur verrathen, was sie selber längst hat fühlen müssen, daß 
er sein ganzes Vermögen, sein halbes Leben hingeben könnte, 
um jenen Schritt ungeschehen zu machen, der ihn und sie an 
eine Andere, einen Anderen band. Wenn nicht ein Wunder 
geschieht, oder eine höhere Macht das Band löst, — er wie 
sie sind gebunden für iinmer; für ihn giebt es keine Scheidung 
und sie? — Würde sie bei ihrem reinen hoheitsvollen Denken 
das Band lösen wollen, das sie an den Vater ihres Kindes 
kettet? Er versteht sie nicht, wie sie sich an einen Mann, der 
sichtlich so tief unter ihr steht, sich gebunden fühlen kann; er 
versteht sich selber nicht, wie er um Clara hat werben, sich an 
eine Frau hat ketten mögen, die sein Denken und Fühlen so 
gar nicht versteht, wie er das Sehnen seines Herzens hat zu 
rückdrängen können, nur um einem zufälligen Winke seines 
Königs zu gehorsamen. 
Hätte er damals das Leben gekannt, wie jetzt, keine 
äußeren Einflüffe hätten ihn bestimmen sollen. 
Ueber das Urtheil der Menge fühlt er sich längst hinaus.
	        
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