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Periodical volume 17. Januar 1885, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 11.1885

Fast am Ende des Waldes ein alter Herrenhok, „Biesow" genannt. 
Welcher Name uns deutlich den Charakter der Gegend offenbart, 
denn mit „bis" (wovon Bistereis) bezeichnete der Wende eine ab 
gelegene, dunkle Gegend. Nehmen wir nun noch die wüsten Dorf 
stätten „Dobberkow" und „Czuelsdorp" hinzu, Stätten, 
welche entweder der schwarze Tod oder die Kriege im vierzehnten 
Jahrhundert geschaffen, und denken wir uns über dies Alles eine 
Stille, eine unendliche Stille ausgebreitet, welche nur hin und 
wieder durch die Arbeiten des Spechtes oder das Schreien eines 
Wasservogels, bei Nacht auch wohl durch das Bellen eines Fuchses 
unterbrochen wird, — und wir haben das Bild des „Blumendal". 
Wohl spricht schon das Karolinische Landbuch von 1375 von 
einem „Blumendal", zu welchem eine Feldmark von 50 Hufen ge 
hörte, davon die Pfarre 4 besaß. Ein Ullrich Crossen hatte 
25 Hufen unterm Pflug, den Ueberrest ein gewisser Berckholz, 
und beide waren zu Vasallendiensten verpflichtet, doch erfahren wir 
über die Lage dieses „Blumendal" weiter nichts, als daß es zu den 
Dörfern des „Distriktes Straußberg" gehört hat. Daß diese 
Vasallenhöfe im heutigen „Blumendal" befindlich gewesen sind 
und nach ihrer, wahrscheinlich durch die Hussiten erfolgten Ver 
wüstung der Gegend umher den Namen gegeben haben, ist wohl 
unzweifelhaft; daß sie aber auf der sogenannten „Stadtstelle" ge 
standen, ist eine bloße Vermuthung. Es ist eher anzunehmen, 
daß diese Höfe die Stelle der heutigen Försterei am Blumendal- 
See eingenommen habm. 
Aber was ist es mit dieser geheimnißvollen „Stadtstelle" hier 
mitten in dem einsamen Forst, dem „Blumendal". Woher dieser 
Name? Ja, das weiß Keiner zu sagen. Die Leute, die da herum 
auf dem „Lettin", dem „Heidekruge", der Schäferei und der 
Försterei wohnen, erzählen uns wohl von Kobolden, Geistern und 
Wassernixen, welche dort Nachts im Felde, Walde und Waffer ihr 
Wesen treiben und die Leute foppen sollen, sie sprechen auch von 
einer untergegangenen Stadt im Blumendal-See, der eine viertel 
Meile von der „Stadtstelle" entfernt liegt, wo man um Mitternacht 
zuweilen einen Kasten auf dem Wasser schwimmen sehen könne, der 
demjenigen Tod und Verderben bringe, der ihn herausziehen wolle. 
Man läßt auch auf dem Latsee um die Geisterstunde einm Kasten 
schwimmen und aus dem tiefen Grunde des Wassers eine die 
Sinne bezaubernde Musik herauftönen. Auch eine Frau ist da, 
welche in mondhellen Nächten weißes Linnenzeug an Leinen über 
dem See aufhängt; und die Schäfer wissen von einem uralten 
Eichenstubben zu erzählen, aus dem man allnächtlich einen Groschen 
liegen sehen kann, den aber Niemand fortnehmen dürfe, wenn er 
nicht Kopf und Kragen verlieren wolle. Auch der wilde Jäger 
spielt eine Rolle und als eine Hauptperson dabei der wilde 
Hans von Uchtenhagen, der seine Güter hier herum gehabt und i 
auch bei Freienwalde gehaust habe. Kurz, dieser „Blumendal" 
ist so voller Sagen, wie keine andere Gegend der Mark. 
Wie aber der einsam gelegene Fleck, die „Stadtstelle" zu 
seinem Namen gekommen, was die Mauerreste, die Steinlager 
daselbst zu bedeuten haben, das vermag uns Niemand zu sagen. 
Die alten Chroniken, die Archive der nächsten Städte und 
der alten Geschlechter auf dem Hohen Barnim, die Verfaffer ein 
gehend durchforscht, wissen nichts von einer „Stadtstelle". Dieser 
Name taucht erst im Anfange des 18. Jahrhunderts auf, bis 
dahin man die Forst zum großen Theil die „Czielsdorfische Heide" 
nannte. Im Jahre 1689 wurde die Stelle von dem um die 
märkische Geschichte verdienten Bürgermeister ans Cremmen, Grave l, 
untersucht, der noch Mauern aus Geschieben aufgeführt und von 
Mannshöhe über der Erde fand; und Beckmann, der Geschichts 
schreiber der Mark, war in der Mitte des 18. Jahrhunderts im 
Stande, einen Grundriß von den Ruinen aufzunehmen. Die ver 
fallenen Mauern waren nach Fischbach noch im Jahre 1785 
vorhanden, auch selbst ein Graben und die Ueberreste eines Walles, 
auf welchem alte Eichen standen, die nach dem Urtheile forstver 
ständiger Männer Merkmale eines sehr hohen Alters an sich trugen. 
Sie können an dieser „Stadtstelle" nicht gleichgültig vorbei 
gehen. Es ist ein geheimnißvolles Etwas, das uns näher zieht. 
Wir denken sofort daran, daß hier vor einem Jahrtausend jedenfalls 
1 auch diejenigen Stellen mit Eichen und Buchen bewachsen gewesen 
; sind, über welche heute der Pflug geht und auf die wir unseren 
Fuß setzen. Und 
Die Sagen werden lebendig, 
Die grauen Zeiten jung. 
Könnten die alten Eichen und Buchen, die uns aus dem 
nahen Walde zuwinken, könnte die knorrige Kiefer erzählen, die da 
unweit der Schäferei einsam auf dem Berge gegenüber der Stadt 
stelle wohl schon Jahrhunderte steht und noch mehrere stehen wird, 
ohne ihr Aussehen zu verändern — wir würden dann nicht so 
! im Dunkeln bleiben. 
Da stoßen wir auf dem Wege, von der Schäferei kommend, 
i an dessen linken Seite Stein auf Stein gethürmt ist, auf einen 
unscheinbaren Pfuhl, der seinem Aussehen nach nur zur Regenzeit 
größere Dimensionen anzunehmen scheint, früher aber, als die 
' ganze Umgegend noch bewaldet gewesen ist, gewiß einen bedeu 
tenderen Umfang gehabt hat. Der Pflug hat um ihn herum die 
Erde aufgewühlt; wir spähen umher, denn wir kennen die Ge 
wohnheit unserer Vorfahren, ihren verstorbenen Angehörigen eine 
Ruhestätte an kleinen Teichen oder Seen zu geben, und siehe da, 
wir finden Urnenscherben, von graublauem Thon, endlich immer 
mehr, erkennen an dem srischaufgeworfenen Ackerboden schwarze 
Stellen, Orte, wo man die Todten verbrannt und deren Merkmale 
ein Jahrtausend nicht zu verwischen vermocht hat, und wir zweifeln 
nicht mehr, daß wir uns auf einer heidnischen Begräbniß- 
stätte befinden, ob der Deutschen oder der Wenden, darüber 
bleiben wir im Ungewissen; vielleicht der beiden. 
Wir gehen weiter — der Führer zeigt uns den sanft an 
steigenden Berg gerade hinauf, an dem wir weiter nichts Besonderes 
bemerken, als einige einsam stehende Bäume. „Das sei die alte 
Straße, welche nach dem Marktplatze geführt habe", hören wir. 
Rechts von derselben zeigt uns unser Freund einen Haufen Steine, 
durchwachsen von wildem Gestrüpp. „Hier hat der Ziehbrunnen 
gestanden!" Wir treten näher an diese Stelle heran — der Mann 
scheint Recht zu haben, denn ein Loch, in welches man die vielen 
großen und kleinen Steine hineingewälzt, ist ziemlich erkennbar. 
Höher hinauf zur Linken der Straße, in der Längsrichtung von 
Ost nach West (bezeichnend für alle Kirchen) werden wir auf ein 
Fundamentlager aufmerksam gemacht, das sich nur unwesentlich 
über den Erdboden erhebt; bei näherer Untersuchung finden wir 
Kalkmörtel und Steine, und sind überzeugt, daß hier einst ein Ge 
bäude und zwar ein ziemlich großes, gestanden hat, denn die Funda 
mente zeigen eine Stärke von 7, eine Länge von 50 und eine 
Breite von 32 Fuß. Unser Führer bezeichnet den Platz als einen 
solchen, den eine Kirche eingenommen. Wir lassen dem Manne 
Recht und gehen weiter. Links und rechts den Berg hinauf immer 
noch Bodenerhebungen, welche sich bei näherer Untersuchung als 
Fundamente von Gebäuden erkennen lassen?) Auf dem Kamme 
des Berges treffen wir auf einen Granitblock von viereckiger Form, 
seine oberen Kanten wie durch Menschenhände abgerundet, aus dem 
Erdboden etwa 2'/- Fuß hervorragend, 8'/- Fuß lang und breit. 
„Das sei der Marktstcin und ringsherum der Marktplatz gewesen!" 
sagt uns der Führer. Wir stehen nun stille, wenden uns um, 
überschauen die stille, ringsum vom Walde umsäumte Gegend vor 
*) Alle diese Beobachtungen und Untersuchungen wurden 1870 ge 
macht. Im Jahre 1880, bei einem wiederholten Besuch der Stadtstelle, 
fand der Verfasser sämmtliche Fundamente ausgehoben und die Stellen 
zum Acker gezogen. Kalkmörtel war in großer Menge noch zu sehen.
        
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