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Periodical volume 17. Januar 1885, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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das Leben und kühne Thatkraft uns bleibt!" Er erhob sich. „Wir 
wollen bei Morea vor den Syrien und vor den Nilmündungen 
kreuzen! — Vielleicht gelingt cs uns, den Schaden wett zu machen! 
Doch vorerst lassen Sie mich ein Gericht halten; — es ist noth 
wendig!" 
Wenige Schritte von uns lagerten düsterblickend die Matrosen, 
welche den brennenden „Colleone" zuerst verlassen hatten. Die 
Soldaten hielten sich grollend von ihnen fern. Soeben kam ein 
Nachen an, welcher die entbehrlichsten Offiziere der drei anderen 
Schiffe zu Lande brachte. Sie erkundigten sich nach den Befehlen 
des Commodore. Linange war ganz wieder der eherne Mann 
geworden, welcher er sonst war. „Bitte, meine Herren," sprach er, 
„ich habe Ihnen jetzt nichts Weiteres zu befehlen! Ich ersuche Sie 
nur, mir zu folgen! Langallery, — ich bitte. Sie auch!" 
Linange trat mit uns auf den Haufen der Matrosen zu. 
Ehrerbietig erhoben sich dieselben. „In Reih' und Glied!" donnerte 
seine Stimme. Sie gehorchten. 
Linange zählte ab, — eins, zwei, drei — bis zehn. So that 
er zehnmal. Dann hieß er die zehn Leute vortreten, tvelchc das 
Loos getroffen hatte. 
»Feige Hunde seid Ihr," sprach Linange in furchtbarem Groll, 
„nicht ehrliche Seeleute! Wäret Ihr an Bord geblieben, vielleicht wäre 
es möglich gewesen, dem Feuer Einhalt zu thun und den „Colleone" 
zn retten. Ihr habt die höchste Pflicht verletzt, welche sowohl fin 
den Schiffer wie für den Soldaten gilt: den Gehorsam und 
chie Treue in der Gefahr! Ihr wißt, was mein Wille ist! — 
Beugt Ihr Euch demselben?" 
Finster, aber vernehmlich erwiderte der erste der Ausgezählten 
ein „Ja!" 
„Dann also drei Pelotons zu je 20 Mann vor!" rief Linange 
den Soldaten zu. „Und Ihr Andern, gebet Raum!" 
Es wäre ein fürchterliches Schauspiel gewesen, tvclches Linange 
auf dem Strande Eretas die Absicht hatte auszuführen. Allein er 
wurde von zwei Seiten bestürmt und um Milde gebeten. Die 
Griechin Eustochion trat aus dem Zelte vor und tvarf sich ihm zu 
Füßen. „Harter Mann!,, rief sie leidenschaftlich. „Nie wieder 
ruhst Du an meinem Busen, wenn Du diese Männer nicht be 
gnadigst!" Linange War furchtbar empört; er wollte sich losmachen. 
Da ging ich auf ihn zu. „Herr Gras", sprach ich, „trotz unserer 
Berluste hat der Himmel uns Gnade erwiesen; — wollen wir 
allein unbarmherzig strafen?" 
Allein er verharrte in seinem düstern Schweigen. Ich aber 
ließ nicht ab. „Ueber die Gewehre dieser Männer gebiete ich," 
fuhr ich fort, „und nie werde ich dulden, daß Matrosen erschossen 
werden, welche anscheinend tiefe Reue darüber bezeugen, daß die 
Größe der Gefahr und der schreckliche Anblick der empörten Elemente 
sie einmal bestürzt und feige gemacht hat. Noch können sie im 
Dienste der Republik sühnen, was sie verschuldet haben! Commo 
dore, — unser Tagewerk ist noch nicht zu Ende; — wir können 
jeden Mann gebrauchen und gewiß, — die Bereuenden werden unsere 
treuesten Helfer sein!" 
Es schien, als hätten die zuletzt vorgebrachten Gründe Linange 
erschüttert. Jetzt trat auch der alte Seemann vor. 
„Ja, das wollen wir und treu werden wir sein, Commodore!" 
sprach er ernst. „Doch gleichviel, wie Ihr entscheidet!" 
Auch ein Soldat nahte sich dem Flottenführer. „Erlaßt cs 
uns, Commodore," so bat er, „das tödtliche Blei in die Brust 
unserer Brüder zu jagen, nachdem San Marco so viele der Unsrigcn 
den Wellen geweiht, — so viele zum Leben erhalten hat! Wir 
verbürgen uns für die Treue unserer Brüder!" 
Linange schöpfte tief Athem! „Wohlan denn", sprach er end 
lich; „es sei ihnen verziehen!" — Nun aber schleunigst fort von 
dieser Unglücksstätte! Wir vertheilen uns auf die drei anderen 
Schiffe! Bis heute Abend Rast; — dann aber ivcrde ich die Befehle 
1 ausgeben! Und die „Allecto" wird Admiralsschiff! Möge sie ihrem 
! Furiennamen Ehre »rachen bei unsern kommenden Expeditionen!" — 
So Furchtbares wir erlebt hatten: es ward doch ein froher 
j Tag, dieser letzte, welchen wir am Strande von Hierapetra ver 
brachten! — 
(Fortsetzung folgt.) 
Der Slumenthal. 
Von JU. Sfmifirdi. 
Wer die an Naturschönheiten wahrlich nicht arme Mark Bran 
denburg kenne» lernen und sich an ihnen erquicken will, der folge 
nur den Wegweisern, die ihm in den Chroniken geboten werden 
und er wird selten fehlgehen. Er folge den Fußtapsen der ersten 
christlichen Priester, die, als sie zur Hcidenbekehrung hier erschienen, 
überall ihre Schritte muthig dahin lenkten, wo sie das Heidenthum 
an seiner Wurzel anfassen konnten, um es auszurotten. Das waren 
die heiligen Opferstätten tief in dunkeln Wäldern, Stätten, welche 
durch ihre natürliche Erhabenheit, verbunden mit dem mystischen 
Gepränge der Priester, auf das wilde und trotzige Gemüth der 
heidnischen Deutschen und Wenden Eindruck zu machen geeignet 
waren. 
Wer solche ihm durch Sage und Geschichte bekannt gewordenen 
Stätten betritt, der wird wohl ausnahmlos zu stillen Betrachtungen 
kommen, wenn sonst sein Gemüth empfänglich ist für das, was in 
grauer Vorzeit unsere Altvorderen an solchen Orten veranlassen 
konnte, sich vor ihren Göttern in den Staub zu werfen, ihnen hier 
an aufgerichteten Altären Opfer aller Art zu bringen. Ob es 
Deutsche oder Slaven gewesen, welche hier ihren Religions-Cultus 
geübt, ob man hier den Odin oder den Triglaff angebetet, ist gleiche- 
gültig. Es zieht uns dorthin, weil wir wissen, daß es mit dem 
Germancnthum in der Mark Brandenburg nicht allzuweit her ist, 
daß in unseren Adern ein gut Theil slavisches Blut quillt. 
Von einer solchen heiligen Stätte soll hier die Rede sein. 
Mitten im „Hohen Barnim", fast auf dem Plateau desselben, 
erstreckt sich ein nur hin und wieder durch kurze Strecken zur Acker 
kultur gebrachten Landes unterbrochenes bewaldetes Terrain von 
einigen Quadratmeilen Größe, kurzweg seit Jahrhunderten „der 
Blumendal" genannt — ein echtes und rechtes Stück märkischer 
Erde. Hier uralte Eichen, Buchen und Tannen, weitverzweigtes 
Unterholz, das mit Farrn, Schlinggewächsen und üppig sprossendem 
anderen Grün einen Urwald bildet, dort ein eintöniger Kiefernwald 
mit von der Sonne verdorrten Moosen zu seinen Füßen, auf 
welchen jeder Tritt einen knirschenden Ton hervorbringt; hier hohe 
und steile bewaldete Berge und Thäler, zu letzteren sich ziehende, 
von Wasserfluthen zerklüftete, mit Baumstämmen, Steinen und 
Geröll aller Art bedeckte Abgründe und tiefe Furchen, an den 
Wegen, auf den Scheitlingen, an den Grenzmalen aufgeschichtete 
Steine, oft von immenser Größe, dort zwischen den Bergen an 
den Ufern mit Rohr und Schilf bewachsene Sümpfe und sich lang 
hinziehende Seen, deren ruhige spiegelglatte Fläche dem einsamen 
Wanderer durch das dunkle Grün des Waldes entgegenleuchtet; 
hier an dem aufgewühlten Waldboden die Kennzeichen, daß wilde 
Schweine zu der Bevölkerung des „Blumendals" gehören, dort 
eine verlassene Köhler- oder eine mit Moosen bedeckte Jägerhüttc; 
hier die uralte breite Heerstraße, an welcher der „Heidekrug" und 
einige bis übers Dach mit Epheu berankte kleine Häuser stehen, 
dort am sagenreichen „Blumendalsce" eine Försterei, weiterhin eine 
Schäferei, am Fuße der sogenannten Bienenberge ein kleines Wald 
dorf, der „Lettin", deffen Name uns daran erinnert, daß wahr 
scheinlich schon zur Slavenzeit hier die Lehmhütten der Beutner 
(Butner, Büdner, auch Zeidler — Bienenwirthe) gestanden hrb:n
        
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