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Periodical volume 17. Januar 1885, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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unsern Prisen zurück! Von dem vierten Schiff war freilich nichts Venedig ein ehrenvoller Empfang wartete, deffen konnten wir gewiß 
zu retten gewesen; — welche Reichthümer aber zeigten sich uns aus sein. Doch der Name Candia sollte sich noch mit unverlöschlicher 
den drei andern! Erst jetzt begriff ich, daß das Gewerbe eines See- Flammenschrist in unser Gedächtniß eingraben, 
räubers so verlockend sein könne, und daß es alle Kräfte der Es war am Ende des September 17l0; ein balsamischer 
Seele, den verwegensten Muth und die schneidigste Thatkraft, ent 
flamme! Als die Mittagssonne des nächsten Tages leuchtete, 
hielten wir in Viesti Gericht. Von Erbarmen gegen diese ein- 
geteufelten Verbrecher konnte keine Rede sein, namentlich da die 
jenigen, welche sich uns ergeben hatten, vorher noch die Scheuß 
lichkeit begangen hatten, ihre Gefangenen zu ermorden. Nur 
ein Schweizer Söldner, Namens Müller, war dem Blutbade ent 
ronnen; ich nahm ihn, da er der Schrift mächtig und ein ange 
nehmer Mensch war, als Kammerdiener zu mir; er hat mich aus 
Dankbarkeit, daß ich ihn einst aus den Fesseln der Corsaren errettet 
habe, bis heut noch nicht verlaffen. 
Als die Mittagssonne leuchtete, hielten wir also Gericht! 
Wir konnten uns nicht damit befassen, an 30 Gefangenen die alt 
übliche Strafe des Seeräubers, die Kreuzigung, zu vollstrecken; ich 
ließ die Corsaren, zehn zu zehn, füsiliren. Eine gemeinsame Gruft 
nahm sie auf. 
Nachdem wir die Beute vertheilt und unsere Prisen, sowie 
den Kapitain, welcher beharrlich seinen Namen verschwieg, mit ge 
ringer Bedeckung nach Venedig geschickt hatten, ginge» wir daran, 
die geringen Beschädigungen auszubessern, welche unsere Schiffe 
im Kampfe erlitten hatten. Nun aber galt es, die weitere Straße 
von Venedig nach der Levante zu säubern. 
Wir wußten, daß die Gewässer der Insel Candia von Piraten 
wimmelten. Unser Freund, der Johanniter-Komthur, welcher den 
„Aubuisson" befehligte und reichen Antheil an unserer Beute er 
halten hatte, rieth uns, vom Hafen von Hierapetra aus durch die 
See südlich von Candia zu kreuzen. In der That konnten wir 
nichts Besseres thun. Und merkwürdig — während der Dienst 
auf dem Festlande mir nichts eingetragen hatte als Undank und 
Gefahren: meine seemännische Laufbahn schien sich reich zu belohnen! 
Wir brachten nach und nach gegen zwanzig Barbaresken auf, 
die wir bis auf Weiteres im Hafen ließen, nachdem wir die 
Ladungen, welche zum Theil äußerst werthvoll waren, in den 
Magazinen der venetianischen Festung gedachten Namens ge 
borgen hatten. — 
Es war die Herrlichkeit des antiken Lebens, welche mir auf 
Candia in ihren trümmerhasten Resten glänzend ausging. Lorbeer» 
und Myrthen unten am Gestade und darüber die Landschaft, 
terrassenartig sich erhebend, bis sie in den blauen und violetten 
Höhen des Jda-Gebirges, in leuchtenden, schneebedeckten Berges 
spitzen unmuthig und gigantisch zugleich abschloß! — Und in 
der Tiefe, welch' ein dunkles, gesättigtes Grün! Dasselbe bedeckte 
die schimmernden Reste alter Tempel, — die verfallenen Landhäuser 
der großen, künstlerisch so reichbegabten Gewalthaber des klassischen 
Alterthums, die hier geweilt hatten! Wenn wir am Lande waren, — 
wir sahen dann wohl Mädchengestalten zu den verfallenen Cisternen 
wandeln, deren sonncndurchleuchteter Teint, deren wunderbarer 
Wuchs uns die im Alterthume für weibliche Schönheit so allgemein 
herrschend gewesene Begeisterung als etwas durchaus Selbstver 
ständliches erscheinen ließen. 
Und wenn die Dichter der alten Welt das leise Gemurmel 
der Liebe zur Dämmerstunde und das silberne Lachen beim Weine 
so verführerisch gefunden hatten; — sollten wir unempfänglich sein 
gegen die Reize der Schönheit und der Lebensfreude? Das Glück 
hatte uns ja verschwenderisch bedacht! Mit freigebiger Hand ver 
mochten wir der Liebe goldenen Lohn auszutheilen, und gewiß, 
derselbe wurde freudig angenommen! 
Es war ein Traum von Glück, welcher uns an der Küste 
von Candia monatelang umfing! Jetzt aber nahte der Herbst; wir 
mußten den Hafen von Hierapetra wieder verlassen. Daß unserer zu 
Wind wehte vom Lande dem Meere zu. Wir saßen in der Abend 
stunde noch bei Tisch an Bord des „Colleone"; die Offiziere der 
anderen Schiffe hatten uns besucht; drei griechische Schönheiten 
spielten uns zur Laute! Eben wollten die Gäste aufbrechen, als wir 
auf den unteren Schiffsgängen Lärm und Getümmel vernahmen. 
Plötzlich stürzte ein Kajütenjunge athemlos zu uns herein und rief 
uns zu, in einem der Räume unter dem Bugspriet und unter der 
ritterlichen Gestalt unseres Namensheroen sei Feuer ausgebrochcn; 
der Junge des Hochbootsmanns habe dasselbe soeben entdeckt! 
Linange erbleichte; aber er sammelte sich schnell; er sprang auf und 
begab sich nach dem gefährdeten Raume. Wir Alle folgten. Zu 
unserm Entsetzen fanden wir das Tauwerk, welches in jenem Raume 
aufbewahrt wurde, schon in hellen Flammen stehen. Es war eine 
tiefe Koje mit nur sehr schmalen Zugängen; es war daher dem 
Brande auch nur sehr schwer beizukommen! Ich habe Linange 
an jenem Tage bewundern gelernt; ernst und sehr gemessen, aber 
fest und entschlossen, gab er seine Befehle. Er ließ zunächst soviel 
Wasser, wie irgend möglich, auf die Gluth gießen. Dennoch wurde 
die Gewalt des Feuers immer stärker; die Menge hier aufge 
stapelter, getheerter Taue bot eine ebenso entzündliche, wie nach 
haltige und die Gefahr verbreitende Nahrung für das entfesselte 
Element ab. Bald waren die gesammten Eingeweide des Schiffes 
von der Flamme ergriffen; ein dicker Rauch wälzte sich über das 
Berdeck. Ein Glück war's, daß die drei andern Schiffe, „Dandolo", 
„Argo" und „Allecto", weiter draußen auf der Rhede lagen. 
Unsere Leute arbeiteten unablässig und heldenmüthig an der 
Dämpfung des auf ganz unerklärliche Weise entstandenen Brandes; 
auch meine Soldaten thaten ihr Möglichstes. Dennoch mußten 
wir uns endlich, da unsere Kräfte sich zusehends erschöpften, nach 
Hülse umsehen; wir lösten die Kanonen und ließen das Nothsignal 
ertönen. Aber schon schlug die helle Lohe aus den Schiffsluken 
heraus; es war bei der reißenden Schnelligkeit, mit welcher sich 
der Brand fortpflanzte, nicht mehr möglich, uns zu nahen. Wohl 
umringten uns Boote genug, aber es kam Niemand aus denselben 
mehr an Bord; unsere Genossen mußten das Losgehen der allezeit 
geladenen Kanonen befürchten; sie konnten es außerdem jeden 
Augenblick erwarten, daß die Pulverkammer vom Brande ergriffen 
werden würde und daß dann unser unglückliches Schiff sammt 
allen dasselbe umringenden Fahrzeugen in die Lust gesprengt werden 
mußte. In der That war das Feuer der Pulverkammer bereits 
sehr nahe; es war nicht mehr möglich, bis zu ihr hindurch zu 
dringen oder die Pulvervorräthe ins Meer zu versenken. Linange, 
überall thätig, ließ durch Spritzen und Schläuche die Zugänge zur 
Kammer unter Wasser setzen, um die furchtbare Gefahr wo möglich 
zu ersäufen. Auch ich stellte meine Soldaten zu dieser Arbeit an, und 
wirklich, sie thaten, was schwachen Menschen nur irgendwie möglich 
war. Während dieser Zeit hatte indessen die Mehrzahl der Matrosen 
die große Schaluppe losgemacht, sie in's Meer hinabgelassen und 
bemannt. Ein solcher Aufruhr der Elemente löst alle Bande der 
Zucht und Disciplin! Vergebens rief Linange den Matrosen aus 
dem Kajütenfenster den Befehl zu, augenblicklich zurückzukehren; 
vergebens beschwor er sie, das Schiff retten zu helfen; sie stießen 
ab und überließen meinen wackern Soldaten die übermenschliche 
Arbeit. Dieselben waren halb erstickt vom Rauch, halb versengt 
von der furchtbaren Gluth; hier tappten wir in Finsterniß; dort 
wurden wir von der Tageshelle des Brandes geblendet; immer 
aber kämpften wir vergebens gegen die reißenden Fortschritte der 
nicht mehr zu bewältigenden Flammen an. Zwar machten wir 
dem Feuer jeden Zoll Bodens streitig; dennoch wurden wir mehr 
und mehr zurückgedrängt. Und jetzt traten die Offiziere vor Linange
        
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