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Volume 17. Januar 1885, Nr. 16

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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auch mich vor langen Jahren zu Christo dem Herrn bekannt 
habe! — Es ist erfreulich zu sehen, wie der neue Geist entschie 
dener Parteinahme für das Evangelium auch die Parochial Ge- 
meinde ergriffen hat! Und wenn in dem alten, unscheinbaren Hause 
der Segen Gottes so augenscheinlich sich ergoffen hat über das 
Volk, welches hcilsbegierig zu dieser geweihten Stätte gepilgert 
ist, — über Hoch und Niedrig, — über Fremde und Einheimische: 
er möge dann auch in Zukunft nicht fehlen den Besuchern der in 
neuer Schönheit erstehenden Parochial-Kirche! In ihr, der alten 
resormirten Stiftung hat es sich voll bewährt, daß die Union 
König Friedrich Wilhelms III. dem Sinne wahren Christenthums 
entsprach: vorwärts denn im Geiste der Bruderliebe und der 
Gottesfurcht, — in dem Vertrauen, welches diese Kirche einst ge 
baut, und in der Treue, die sie gehalten hat! — 
Die Memoiren eines Kaisers von Madagaskar. 
Herausgegeben von ®sfiac Sdhnrfirf. 
(Fortsetzung.) 
VI. 
Es war Hochsommer 1710. Venedig erschien unter dem Drucke 
der Hitze fast wie ausgestorben. Ich hatte mich völlig erholt und 
weilte, wie auch Linange, jetzt nur selten in der Stadt, auf deren 
Kanälen die Mittagssonne brütete, so daß deren Spiegel einem 
blitzenden, glühende Hitze von sich sprühenden Metallschilde glich. 
Am Lido und in Chioggia war jetzt unsere Stelle. Die Corsaren 
des Mittelmeeres hatten in letzter Zeit ihr Haupt kühner erhoben, 
als je zuvor; ohne Zweifel hatten sie es erfahren, daß wir soeben 
erst die letzte Hand an die Ausrüstung unserer Expedition anlegten 
und vorher noch nicht seetüchtig gewesen waren. 
Die Republick und Linange thaten Alles, um die Expedition 
zu beschleunigen. Endlich waren unsere vier großen Gallionen 
fertig. Wohlvcrsehen mit Proviant und Munition lagen der 
„Colleone," das Admiralsschiff, der „Dandolo," die „Argo" und 
die „Allccto" auf der Rhede von Chioggia. 
Mit Eifer hatte ich meine Studien gemacht; Linange war 
mit meinem nautischen Wißen und meiner Auffassung des Dienstes 
zur Sec wohl zufrieden. Ich kommandirte also zunächst nur die 
Mannschaft auf dem Kriegsschiffe „Colleone", auf welchem sich 
Linange als Kommodore befand. Unter mir standen die Schiffs- 
Lieutenants, die Steuerleute und Constabler nebst einer Mannschaft 
von etwa 200 Matrosen, welche ebenso wie die 100 Seesoldaten 
zum Waffendienste verpflichtet waren. 
Im Anfange des Juli hatten sowohl Linange, wie ich dem 
großen Rathe der Republik geschworen. Dem Grafen war angesichts 
der feierlichen Versammlung der Admiralsstab von Neuem über 
geben worden; mir wurde anstatt deffen der Degen umgegürtet, 
welchen ich für die Republik ziehen sollte. Hochfeierlich, aber ganz 
kurz war unser Eid. Wir schwuren: 
„Bei meiner Seligkeit gelobe ich's, zu meinem Amte stehen 
zu wollen, wie ein rechter Mann! Ich gelobe, eher Gut und Blut, 
Leib und Leben zu opfern, als daffelbe zu verlassen. Werde ich 
ungetreu, so falle mein Haupt." Dann lasen wir, — unter den 
Masten mit den Bannern der vier Königreiche, — den Matrosen 
und den Kriegern im Beisein der Herren von der Kriegskammcr 
den gestrengen Artikelbrief vor. Wie seltsam! Wir alle wußten, 
welch' gcwaltthätige Menschen diese wetterharten Männer waren, 
wie wenig sie vor einem Verbrechen zurückschreckten und welch' 
eine düstere Vergangenheit hinter den Meisten derselben lag I Aber 
dennoch wurde von dem Rathe der Republik neben dem unbe 
dingtesten Gehorsam den Leuten ein gottessürchtiger Wandel ein 
geschärft. Der Trunk und das Zanken, das Lästern und das 
Fluchen sollte schwere Strafen nach sich ziehen; wer aus der Wacht 
schlief, wurde dreimal unter dem Schiffskiele durchgezogen. Wer 
das Messer gegen einen Andern zückte, dem wurde die linke Hand 
an den Hauptmast genagelt. Im Kabclraume durste niemals 
Tabak getrunken werden; Karten, Weiber und Würfel sollten an 
Bord nicht geduldet werden. 
Der Patriarch von Venedig beschloß mit seinem Segen die 
ernste Feier: wir waren fertig, in See zu stechen! — 
Jetzt schwammen die Gallionen auf der spiegelnden See, welche 
bald wie flüssiges Gold, bald wie der tiefste Purpur uns entgegen 
leuchtete. Ich war, so schien es mir, gesundet an Leib und Leelc; 
gleichsam wie ein Heilung bringender Gottesathem, so wehte mir 
die Seeluft entgegen; Hoffnung und Selbstvertrauen waren wieder 
eingezogen in meine Brust! Was hatte ich gelitten! Und dennoch 
hatte die Macht des Unglücks meine Seele nicht zu beugen ver 
mocht! Wie der Landmann hoffend das Feld betrachtet, welchem 
er seine Saat anvertraut hat, so blickte ich erwartungsvoll auf 
das glitzernde Meer vor mir hin, das Schicksal befragend, was 
es nun endlich mir bieten würde. 
Wir zogen langsam unsere Bahn, scharf Ausschau haltend 
nach den Wölfen des Meeres. Wir mußten uns ziemlich nah' 
an der Küste halten, weil die Barbaresken und Corsaren die kleinen 
Häfen der Küste südlich von Ancona mit Vorliebe besuchten. Es 
war mir eine hochwillkommene Fahrt! Jetzt leuchteten die Zinnen 
des heiligen Hauses der Jungfrau von Loreto uns entgegen; — 
jetzt schimmerten, von Wolken umzogen, die Häupter des großen 
Felsens Italiens, eis- und schneebedeckt, zu uns hinüber; jetzt kam 
der gewaltige Monte Gargano in Sicht. Hier mußte nach aller 
Wahrscheinlichkeit uns eine harte Arbeit bevorstehen: denn der 
Meerbusen von Manfredonia und die Mündung des Aufidus galt 
seit alter Zeit als der bevorzugte Sammelplatz von Corsaren und 
allerlei gesetzlosem Gesindel. 
In Viesti gingen wir vor Anker. Von hier aus wollten wir 
die verdächtigen Orte Monte San Angelo und Manfredonia beob 
achten. Unser Plan war, die Corsaren in aller Sicherheit sich in 
diesen Häfen festsetzen zu lasten, dann aber die Bucht von Man 
fredonia mit unserm Geschwader zu schließen, jene Häfen anzugreifen 
und die Piraten zu vernichten. 
Es war ein seltenes Glück, welches unser Vorhaben begünstigte. 
Es mußte auf dem offenen Meere gerade in diesem Sommer eine reiche 
Ernte zu finden gewesen sein; denn wir vernahmen durch unsere 
Späher, daß sich fast tagtäglich Sceräuberschiffe an der Küste von 
Apulien einfanden, um Lebensmittel einzunehmen. Gewöhnlich über 
ließen die Seeräuber sich dann eine Woche lang dem zügellosesten 
Genusse in einer jener Hafenstädte. Das, was der „Pflüger des 
Meeres" sucht auf der „Terra Firma," fand sich ja auch in diesen 
abgelegenen Städten vollauf: tolle Lust und wilder Genuß. Nicht 
fehlte es an wunderschönen, aber feilen Weibern und an Wein! 
Darauf hatte Linange seine Berechnungen gegründet! 
Wir lagen also zunächst in Viesti still. Es war eine hohe 
Freude für uns, daß ein Galeere des Ordens St. Johann vom 
Spitale mit dem achteckigen Johanniterkreuze in der Flagge nach 
einigen Tagen zu uns stieß und uns die Gewißheit gab, daß 
unsere Voraussetzungen die Wahrheit völlig getroffen hatten. Aber 
sie selbst war zu schwach gewesen, allein die Piraten anzugreifen. 
Da wir indessen nun eine sehr wichtige Verstärkung Seitens des 
ritterlichen Ordens gefunden hatten, so zögerten wir nun keinen Tag 
mehr, an die Ein chließung der Corsaren in den beiden Häfen, und 
zwar zunächst in Monte San Angelo zu gehen. 
Es war uns gemeldet worden, daß demnächst wieder einige 
sehr bedeutende Prisen der Corsaren in den Hafen von Manfredonia 
eingeschleppt werden sollten; selbst die Zeit und die Stunde des Ein-
	        
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