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Periodical volume 17. Januar 1885, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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und kurze Zeit darauf folgte ihm seine geliebte Henriette. Sie 
erkrankte, während sie, im Begriff nach Venedig zurückzukehren, 
auf Corfu Quarantaine halten mußte, Nach ihrer letztwilligen 
Bestimmung wurden ihre sterblichen Reste hier in der Parochial- 
kirche beigesetzt. Die Fäden vielverschlungener Schicksale, — sie 
endigen in düstrer Weise hier in dieser ©ruft t — 
Und hier treten wir an den Sarg Johann Kasimirs von Kolb, 
des Reichsgrafen von Wartenberg. Auch er ließ sich durch testa 
mentarische Bestimmung, nachdem seine Seele vom Körper ge 
schieden war, dahin zurückbringen, wo seines Glückes Stern 
einst so leuchtend gestrahlt hatte: nach Berlin! Wir wollen hier 
in der Gruft nicht richten über den einst allgewaltigen Premier- 
Minister! Auch heut noch wird der Graf von Wartenberg von der 
Unwissenheit und Rohheit einer gewissen Klasse von volksthümlichen 
Skribenten und Vortrags-Professionisten in geradezu unerhörter 
Weise geschmäht! Wir müßen die Herren doch bitten, sich die 
Dinge ein wenig näher anzusehen. Dann wird sich auch die 
Schuld dieses Mannes in anderm Lichte darstellen. Er mag 
ein Verschwender gewesen sein, wie sein Herr; — er mag schwach 
gewesen sein, daß er sich nie von den Fesieln der Biedekopf be 
freite; — er war indessen weder schlecht, noch eigennützig, noch 
verrätherisch! Ein Kind der Welt durch und durch, fand er doch, 
als das Unglück über ihn hereinbrach, in der angeborenen Geistes 
größe Halt und Trost. Ein wahrhaft ritterlicher Zug aber zieht 
sich durch seine letzten Tage. Tief dankbar gedenkt er seines Herrn 
und bietet ihm den Pavillon von Monbijou, den Park daselbst 
und sein schönes Porzellan-Kabinet zum Geschenke an, um nur ein 
klein wenig der Erkenntlichkeit seines Herzens zu genügen! „Sire, 
— Ihnen verdanke ich ja Alles!" schreibt er von Frankfurt aus, 
den Tod bereits im Herzen tragend. Mit Hoffnungen durfte 
sich Graf Wartenberg wahrhaftig nicht mehr schmeicheln; — es 
war nur eine tiefe, treue Anhänglichkeit, welche sich hier, wie in 
dem Wunsche aussprach, in der Parochialkirche beigesetzt zu werden! 
So wurde denn auch seine Leiche im Jahre 1712 nach Berlin 
zurückgebracht, um hier die letzte Ruhestätte zu finden. 
Graf Colb von Wartenberg war der erste Obervorsteher des 
Presbyteriums der Parochialkirche gewesen; — cs folgten ihm in 
dieser Würde nur Männer, welche zu den Verdienstesten des 
Vaterlandes gehören. Es sind lauter hochberühmte Namen, die 
ich nenne: 
Staatsrath Eusebius von Brand, 
Staatsrath Freiherr von Bartholdi, 
Minister Graf zu Dohna, 
Staatsrath von Kamecke, 
Minister von Marschall, 
Minister Graf von Finkenstein, 
Staatsrath Wilhelm von Humboldt, 
Oberbürgermeister von Gerlach. 
Seit 1813 wurde die Stelle eines Vorsitzenden des Presbyteriums 
nicht mehr besetzt. — Ob auch diese Obervorsteher hier ruhen? — 
Bartholdi gewiß, Brand wahrscheinlich, — alle übrigen aber sicher 
lich nicht! — 
Wir verlaffen nunmehr das Gewölbe und durchstreifen den 
hinter der Kirche liegenden Begräbnißplatz. Der Schmerz, der 
hier geklagt hat, — die Hoffnung und der Trost, welche aus den 
Jnschriiten dieser Monumente zu uns sprechen, sie gehören dem 
größten Theile noch der Gegenwart an und sind noch nicht zur 
Geschichte geworden. Es sind freilich die Getreuesten der Parochial- 
Kirche, die hier ruhen, — Gemcindemitglieder, welche auch nach 
dem Eintritte der Union den alten, reformirten Eifer um das 
Haus des Herrn beibehalten haben! Ruhen sie sanft unter dem 
Schatten der Kirche, in welcher ihnen soviel an Lehre und Stär 
kung für die Aufgaben des Lebens gespendet worden ist! — Es 
weilt sich gut hier unter den den schlichten Denkmalrcihen und 
’ unter den wohlgepflegten Gräbern, namentlich im Frühling, wann 
hell die Sonnenstrahlen durch das Dach des Flieders und durch 
die zarten Akazienwedel auf diese leuchtenden Buchstaben, diese 
goldenen Worte der Denkmalsinschristen und auf die dunklen 
Hügel fallen! Dort drüben aber an der Kirchenmauer ist Epheu, 
der treu und liebevoll noch alte Monumente überzieht! Dort 
erhebt sich eine Urne mit dem Wappen der Ankenhein; — dort, 
halb in der Erde versteckt, zeigt sich der Schild der Schardius' 
mit den drei Rosen, dort, an dem Kirchhofspfeiler, die ritter 
liche Zier des Rathes Julius von Pehnen, welcher den Hohen- 
zollern lange treue Dienste geleistet hat, und dort blickt der 
Helmschmuck der Kalkreuth, die schwarz- und weiße Jungftau 
mit den rothen Stäben, durch die Ranken wilden Weins hervor. 
Aber noch haben wir auf diesem Friedhofe an ein verrostetes, 
einfaches Kreuz heranzutreten! Die Inschrift lautet einfach: „Hier 
ruhet Friedrich Philipp Wilmsen, Diener des göttlichen Wortes." 
Darunter die Data, „geboren zu Magdeburg 1770, gestorben 
am 4. Mai 1831 zu Berlin." — Wie unendlich viel an 
Segen hat Wilmsen's „Kindersreund" verbreitet in Schule und 
Haus, in Dorf und Stadt! Wohl dürfen wir dem von langem 
Leiden durch den Tod sanft Erlösten hier an seinem Grabe nach 
rufen: „Ilaveto, tu anima pia!“ — 
Es erübrigte wohl noch, ein Wort zu sagen Von den Geist 
lichen der Kirche; — allein ich muß fürchten, den Leser zu lange 
schon in Anspruch genommen zu haben. Eine gute Geschichte der 
Parochial-Kirche wird hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten 
lassen. Es liegt ein reiches Material vor, und nicht allein in 
den Kirchen-Akten! So genüge denn hier nur ein Wort über die 
Geistlichen der Parochialkirche. Sie zeigen eine scharf ausgeprägte 
Individualität und stehen fast sämmtlich auf voller Höhe ihres 
Berufes, in älterer Zeit fteilich wissenschaftlich hochhervorragend 
Vor den späteren, schlichteren Gottesgelehrten! Charaktere ferner sind 
sie fast allzumal; so dieser vr. Jeremias Sterky aus dem Canton 
Bern, ein „theologus Oxoniensis" und ein großer Lateiner, der 
seine Predigten lateinisch concipirte und sie in deutscher Sprache 
dann der Gemeinde vortrug! So Johann Daniel Schmidtmann, ein 
Pfalz - zweibrückischer Flüchtling, ein rechter „teutscher Hiob," auf 
welchen ich in diesen Blättern noch einmal zurückkommen möchte, — so 
der Sachse Or. Jakob Elsner, unter welchem anno 1722 bis 1750 
der Klingelbeutel selbst Nachmittags nicht unter 20 Thaler Ein 
nahme hatte, — Vormittags, am 9. November 1749, sogar 
einmal 264 Thaler, welche mindestens einer Sunnne von 1200 Tha 
lern unseres Geldes entsprechen. An einem schlichten Sonntage! 
Und da schilt man über das alte, rationalistische Berlin! Welche 
Wohlthätigkeit konnten damals die besuchteren Kirchen ent 
falten! 
Vom Prediger Reinhardt haben wir noch nicht gesprochen. 
Auch dieser Mann war 59 Jahre hindurch von 1751 bis 1811, 
eine Zierde dieser einfachen Kanzel der Parochialkirche, welche der 
Meister Döbel dem Gotteshause einst geschenkt hatten. Allein auch 
er war ein „tbeologug in cribro Satanae versatus,“ wie unter 
dem Bilde Paulus Gerhardt's steht. Und doch trotz aller Schmerzen 
ein Dichter, — ein Mann, stets bereit zu helfen, — selber arm, 
— aber doch reich in Allem! — Wiederum tritt uns hier ein 
Charakterbild entgegen: der von Schmerzen furchtbar gequälte, 
von zahlreichen lärmenden, — leider des Vaters beraubten Enkeln 
umgebene, fast erblindete Prediger dichtet! Und — ist er einmal 
allein. — dann zieht er wohl den Vorhang von einem mächtigen 
Bücherreale zurück, — er tastet und fühlt: ja, dort unten steht 
sein Sarg! Mehr als 50 Jahre lang hat der erst im 93. Lebens 
jahre verstorbene Geistliche dies „Memento mori I" in seiner Amts 
wohnung vor sich gehabt. — 
Doch ich muß schließen! Wie könnte es anders geschehen, als 
mit einem Segenswunsche für die theure Stätte, an welcher ich
        
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