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Periodical volume 17. Januar 1885, Nr. 16

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Ja, schau mich nur recht an, Oheim," sagt eine ju 
gendfrische Stimme, als Ephraim, aus seinen hochfliegenden 
Plänen aufgeschreckt, sich zornig umschaut, „ich bin's, der 
Ephraim Kuh, Eurer Schwester Sarah Sohn, der aus Bres- 
Icui gekommen ist, um die Verwandten hier kennen zu lernen! 
— Die Großmutter sagte mir, daß ich den Oheim hier finden 
würde." 
„Der Sarah Sohn?" begrüßt ihn der Münzmeister mit 
überraschender Herzlichkeit. „Sei willkommen in des Ephraim 
Haus!" und er blickt, nach wohlbekannten Zügen suchend, 
ihm prüfend ins Gesicht. „Ja, es ist der Sarah Sohn! Wie 
stehl's daheim? — Nach Vater und Mutter darf ich nicht 
fragen; sie sind nicht mehr. Aber im Geschäfte steht es gut, 
nicht wahr?" 
„Ich meine doch!" antwortet der junge Mann. „Die 
Brüder haben es übernommen." 
„Und du?" 
„Ich arbeite im Komtoir bei ihnen und wenn ich frei 
bin . . . ." 
„Dann?" 
„Sitze ich bei meinen Büchern, wie ich c; bei des Vaters 
Lebzeiten gethan habe." 
„Die Kontobücher sind die besten, über denen es sich zu 
sitzen lohnt!" murrt Ephraim. „Beim Studiren und Verse 
machen kommt Nichts heraus." 
„Doch! Die Gedanken kommen heraus, die sonst, ein 
todtes Kapital, uns selber quälen und Niemand Nutzen schaffen 
würden!" 
„Der Nutzen!" spöttelt Ephraim. „Wenn ich könnte 
machen Verse, wär's allein auf das hier!" und er deutet mit 
gekrüminten Daumen auf die umherliegenden Goldhäuflein. 
„Damit klingt dir alles zusammen. Auf Geld reimt sich die 
Welt" lacht er wohlgelaunt, „'s ist der schönste Reim. 
Probir's mal, vielleicht weißt auch 'neu Vers darauf!" 
„Noch ist's nicht ausgemacht, was häßlich ist, was schön," 
reinrt der junge Mann lacheird. 
„Für Schönheit hält der Indianer schwarze Zähn', 
Ein Afrikaner liebt die plattgedrückten Nasen 
Und ein Japaner wünscht sich Ohren eines Hasen; 
Mein Oheim meint, das Schönste in der Welt, 
Vom Nordpol bis zum Südpol, sei — das Geld!" 
„Pack ein, wenn du nichts Beff'res weißt" murrt der 
Münzmeister, „'s ist eine brodlose Kunst und 'ne Schand, 
wenn sie treibt Einer, der's nicht braucht! Für 'ne Hand voll 
Thaler kauf ich mir die Versmacher 'ner ganzen Stadt und 
jede Tugend, die ich will haben, dichten sie mir an!" 
„Wirklich?" lacht der junge Mann .... 
„Pfui denn, Reichthum! Weh dir, Tugend, 
Merke schon, wo's Geld gebricht. 
Achtet man der Tugend nicht! 
Hat man Geld, so hat man Tugend, 
Hat Verstand, hat Witz und Welt — 
Um Vergebung, liebes Geld!" 
macht er, eh' er dem vorauffchreitenden Ephraim folgt, eine 
drollig-spöttische Verbeugung zu den geldbesetzten Tischen zurück. 
„Solltest hier bleiben" nickt der Münzmeister, der iilir die 
letzten Worte verstanden hat, „wollten dir die dummen Schnurr- 
pseifereicn hier schoit austreiben." 
„Hierbleiben?" horcht der junge Mann hell auf. „Ich 
bliebe gern hier; ich habe mir längst gewünscht, in Berlin 
mit den großen Denkern so nahe leben zu können. Aber i 
nein" setzt er schnell entschlossen für sich hinzu, „dazu müßte ich 
frei sein und in des Oheims Hause wäre ich es nicht. Wo ist 
Jrie?" fragt er, als er mit Ephraim und Frau Sarah am 
wohlbesetzten Tische sitzt, den diese schnell für den Gast hat 
decken lassen, und sie Vergangenes und Gegenwärtiges in 
schneller Frag' und Antwort, wie solches unter Verwandten, 
die einander lange nicht gesehen, wohl meist geschieht, mit 
einander austauschen. 
„Weiß ich's?" murrt Ephraim in plötzlich verändertem 
Ton, denn er hat soeben seiner früh verstorbenen Frau mit 
warmer Herzlichkeit gedacht, seit deren Tode die Mutter wieder 
die Oberaufsicht im Hause führt; auch Frau Sarah blickt be 
trübt vor sich nieder, daß der Gast wohl merken muß, wie er 
ahnungslos ein Gesprächsthema berührt hat, das Allen gleich 
unlieb ist. 
„Geh" schickt die Großmutter den kleinen Burschen, der 
seit des Oheims Eintritt, ohne am Mahle Theil zu nehmen, 
still im Nebenzimmer gespielt hat, mit einem Aufträge hinaus. 
„Es ist Jrie's Kind, ihr Einziger" sagt sie „und braucht nicht 
zu hören, was der Beitel von seiner Mutter sagen möcht." 
„Der Jrie Kind?" zieht der Gast den Knaben, wie er 
an ihm vorübergeht, zu sich heran, um ihn zu liebkosen. Ja, 
lauf zur Mutter und sag ihr, der Vetter Ephraim Kuh aus 
Breslau sei da und komme gleich zu ihr." 
„Ja, weißt du denn, wo ich sie find'?" fragt dieser, von 
dem Glase aufblickend, aus dem Kuh ihn von seinem Weine 
nippen läßt. „Sonst wenn sie fort war, fand ich sie in dem 
schönen Haus an der Breitenstraße. Jetzt ist sie nicht mehr 
da und auch der Herr nicht, der immer so freundlich 
ivar. . . ." 
Ein zorniges Aufstampfen Ephraims macht den Knaben 
entweichen. 
„Da hörst du's! — An den Gojim hat sic sich gehängt 
und mit ihm ist sie gegangen auf und davon in der Nacht, 
nachdem sie schon mit ihm gehalten, als seine Frau lag 
todtkrank." 
„Den Vater wollt sie holen, hat sie gesagt" ruft der 
Knabe durch die Thüre zurück und tritt, als ob er ahne, daß 
j seiner Mutter eine Unbill geschehe, trotzig vor Ephraim hin; 
„die Mutter will nicht, daß Einer lügt." 
Zornig hat Ephraim die Hand zum Schlage erhoben, als 
Ben Abraham, der Frau Sarah zu suchen kommt, beit Knaben 
fortreißt. 
„Hast Recht, die Mutter kann nicht lügen," zieht Kuh 
das Kind zu sich empor, um mit ihm das Zimmer zu ver 
lassen. „Sie kommt mit dem Vater zurück." 
„Aus dem Hause soll mir der Bub'!" tobt Ephraim, 
„und die Wölffin sollen sie ausstoßen aus der Gemeind'. 
Hörst du's. Ras, ich beantrag', daß die Wölffin werd' aus- 
gestoßen aus der Khille" 
„Wenn es wahr ist, wie sie sagen, wird sie selber nicht 
mehr wollen drin bleiben" sagt der Alte mit traurigem Blick 
zu Frau Sarah hinüber. „Aber nein, es kann nicht wahr 
sein! Der Menschen Zungen sind scharfe Schwerter und schießen 
eitel Lügen." 
„Wer nicht selber falsch ist, hört nicht auf falsche Zunge!" 
„Ich komme dich zu fragen, Beitel Ephraim, wohin du 
hast gesandt den Daniel Zacharias Wolff, daß er noch immer 
fehlt am Schabbes-Abcnd in unserer Synagoge?
        
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