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Periodical volume 10. Januar 1885, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Fabian, Leonhardt (für Geldspinden), Rennebarth für 
kunstvolle Schlüssel, Möhring für galvanoplastische Arbeiten u.s. to. 
König und Königin, ebenso die Prinzessin Wilhelm besuchten wieder 
holt die gelungene Ausstellung, die für Industrie und Gewerbe 
manche segensreiche Anregung gegeben hat. P. W. 
Äie Parochialkirche ju Berlin. 
In einem neuen Gewände, welches die alte Schönheit des 
Baues leuchtend und energisch wird hervortreten lassen, wird sich 
demnächst die Berliner Parochialkirche in der Klosterstraße dem 
Besucher derselben darstellen. Man liebt in unserer großen Stadt 
dies Gotteshaus von Alt-Berlin: Die Gemeinde der Parochial 
kirche, welche über die ganze Residenz zerstreut ist, gehört zu den 
jenigen, in welchen ein reger kirchlicher Sinn niemals erloschen 
ist! Und jedes echte Berliner Kind kennt und verehrt die „Singuhr", 
das aus dem Thurme der Parochialkirche befindliche Glockenspiel. 
Hell, rein und feierlich klingen besonders zur Nachtzeit, wann endlich 
die Stimmen des geräuschvollen Tages verklungen sind, diese 
Glockentöne hin über die stille Stadt! Selbst der ruhelose Kranke 
der Vorstädte vernimmt bei klarer Luft dann die gläubigen, be 
ruhigenden, mahnenden und tröstenden Weisen des Glockenspiels. 
Indessen, — trotz dieser Sympathien für die Kirche weiß man in 
Berlin nur wenig von ihrer erhebenden Geschichte, nur wenig von 
ihren Denkmälern! Nur eine Volkssage über den Thurm des 
Gotteshauses ist in der Stadt verbreitet. Seine mit Kupfer ge 
deckte Pyramide wird bekanntlich von vier sandsteinernen Löwen 
getragen. Man will nun wisien, daß, von dem Uhrwerke ge 
trieben, diese Löwen einstmals die volle Stunde „abgebrüllt" haben! 
„Allein", — so erzählt man, — „die Bürger waren mißtrauisch 
gegen den Meister, welcher das Kunstwerk verfertigt hatte, und 
blendeten ihn, damit er nicht anderswo ein noch künstlicheres Opus 
verfertigte! Da hat er sich denn noch einmal nach dem Thurme 
fuhren lasten. Ein Griff nur in den künstlichen Mechanismus des 
Werkes, und die Löwen schwiegen für immer!" — Es ist dieselbe 
Sage, welche von der Münsteruhr zu Straßburg, von dem Glocken 
spiele aus dem Prager Hradschin und von her astronomischen Uhr 
des Meisters Hans Düringer zu Danzig erzählt wird, — eine 
Volksiiberliefcrung ohne jedweden Grund! — 
In die Geschichte dieses merkwürdigen Gotteshauses nun etwas 
näher einzuführen und die schönen, großen Erinnerungen der 
Parochialkirche zu sammeln, ist Zweck der nachstehenden Zeilen. — 
Es war im Jahre 1694. Die reformirte Gemeinde von 
Berlin-Kölln, welche bei ihrer Stiftung in den Wcihnachtstagen 
1613 nur 55 Personen gezählt hatte, war überraschend angewachsen. 
„Wie ein Palmbaum am frischen Master" war auch sie aufgeblüht 
unter dem Schutze ihres durchlauchtigsten Gideon, des großen Kur 
fürsten, welcher sich den geborenen „Champion dieser Martyrerkirchc 
der Reformation" zu nennen pflegte. Der Dom, das einzige 
Gotteshaus der deutschen Reformirte», reichte bereits seit langer 
Zeit nicht mehr für die Bedürfnisse der Gemeinde aus. Unter dem 
23. Mai 1694 bat daher das Aeltesten-Kollegium derselben den 
Kurfürsten Friedrich III., das vormals dem Kammerdiener Kunkel 
von Löwenstern ungehörige, nun aber leerstehende Haus in der 
Klostcrstraße ankaufen zu dürfen, um einen Bauplatz für eine 
weitere Kirche dcutsch-reformirten Bekenntnistes zu gewinnen. Jenes 
Haus war ein altes, weitläufiges Gehöft, ursprünglich eine De- 
pendenz des alten Gutshofes Berlin und darum auch kurfürstliches 
Eigenthum. Ueber der kleinen, mit schönen Renaistance-Ornamenten 
geschmückten Thür befand sich das Bildniß eines Mannes und 
einer Frau in runden Medaillons. Meiner Vermuthung nach muß 
es der kurfürstliche Rath Speckwagen mit seiner Ehehälfte ge 
wesen sein, welcher sich aus diese Weise verewigt hatte; denn die 
Terrakotten der Thürumrahmung trugen die Jahreszahl 1540. 
Damals aber war Speckwagen Besitzer des Grundstücks gewesen; 
später war das Haus der Landesherrschaft wieder anheimgefallen. 
Die Antwort aus diese Bittschrift war eine äußerst gnädige. 
Der große westfälische Freiherr Eberhard von Dankelmann und 
die Geheimen Räthe Georg von Berchem und Johannes Skultetus 
von Unfriede erhielten den Befehl, „sich dieses Geschäftes mit aller 
Sorgfalt anzunehmen." Es wurden in Folge dessen für die Summe 
von 6385 Thalern das Kunkelsche Grundstück, sowie zwei daneben- 
belegene „Buden", — eines Schneiders und eines Schuhmachers 
Haus, — von dm Reformirte» Berlins erworbm. Fromme Wittwen, 
j eine Frau von Mandelsloh, eine Cosselt, eine Cantius, sowie die 
Beamtmfamilien Wieg, Schmidt, Friedeborn, Westarps schienen die 
Kaufgelder aufgebracht zu haben; denn ihre Namen finden sich auf 
dem Kaufkontrakte. 
Unverzüglich begann der Kirchenbau. Freilich waren die Re- 
formirten zu Berlin hauptsächlich auf milde Gaben angewiesen; 
aber dieselben flössen auch reichlich genug. Der Kurfürst schmkte 
10 000, seine Gemahlin l 000 Thaler zum Baue; die Stadt Berlin 
und ihre Einwohnerschaft brachte der „Gemeinde der Fremden," — 
denn aus solchen bestand die Anhängerschaft Calvins zu Berlin 
fast durchweg, — wenige, dem Hose angehörige Adelsfamilien 
wie die Brand, Kalckreuth, Schardius, Dohna ausgenommen, — 
ungefähr die gleiche Summe von 11 000 Thalern bar. In allen 
Hauptsitzen der Reformirtcn aber wurde kollektirt; Bremen sandte 
1064, die Schweiz 1240, Frankfurt am Main 400, Hamburg 252. 
Preußen 336 Thaler, Magdeburg, Nürnberg, Breslau, Halle 
gleichfalls bedeutende Summen ein. Kam auch wohl einmal eine 
Zeit der Noth: die Aeltesten verzagten nicht und stärkten sich mit 
der Losung ihrer Heldenkirche: dem 91. Psalme! Am 15. August 
1695 konnte der Grundstein zur Parochial-Kirche gelegt werden! 
Wir besitzen über die Feierlichkeit einen ausführlichen Bericht. 
, Demselben entnehmen wir, daß der Grundriß sowie der Prospekt 
der Kirche in Kupfer gestochen und eine Medaille aus die Feier 
geschlagen worden war. Die Herborner Bibel in Quart, der Hei 
delberger Katechismus in Octav waren kostbar gebunden worden, 
um in den Grundstein versenkt zu werden. Auf dem Festplatze 
waren Zelte für den Hof und die Vornehmsten der Gemeinde auf 
gerichtet worden; unter einem derselben stand der Prcdigttisch. 
Der Oberst von Hacke umstellte den Platz mit der kurfürstlichen 
j Garde. Wie schimmerten die prächtigen Uniformen in der hellen 
Augustsonne! — Von 8 bis 9 Uhr Morgens wurde nun dreimal 
vom Dome geläutet, zuletzt mit der größten Glocke, dem Erbe der 
h. Blutskirche von Wilsnack! Am Eingänge zu dem Festplatzc aber 
harrte der Hoiprediger des Kurfürsten, der Kurländer Benjamin von 
Bär, des Festzuges. Der letztere brach jetzt beim dritten Läuten 
der Glocke des Doms, in folgender Ordnung vom Schlosse auf: 
! Voran ging der kurfürstliche Hoffourier, Herr Johannes Gerhard. 
Dann folgten Paar an Paar die kurfürstlichen Lakaien, die Trom- 
petcr und die Pauker, die Possauncr und die Pagen mit ihren 
Hofmeistern, die Kavaliere Seiner Durchlaucht und die kurfürstliche 
Familie. Die letztere saß in einer „Staats-Kutsche" beisammen, 
von einer Kompagnie Trabanten mit ihren Hellebarden begleitet. 
Als man an den wohl vorbereiteten Platz gelangt war, hoben der 
Oberkämmerer Oberst von Dönhoff, der Obermarschall Freiherr von 
Lottum, der Oberstallmeister von Schwerin den König aus der 
Kutsche. Friedrich begab sich zu seinem Zelte. Es muß eine 
hochfeierliche Stunde gewesen sein: — die alten Berichte rühmen 
allzumal die lautlose Stille, welche während des Gottesdienstes 
herrschte, vr. Ursinus oder Bähr predigte über das Wort: 
„Aus diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde." Es war 
eine gesalbte Rede, trotz aller Sonderlichkeitcn der damaligen Pre- 
, digtweise! Denn natürlich hinderte die Anwesenheit des Kurfürsten
        
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