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Periodical volume 10. Januar 1885, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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zu erzürnen, würde ich dann mit meinem Rathe nicht zurück 
halten. Doch das weiß ich schon jetzt, daß mein königlicher 
Herr selber, sobald nur der Krieg beendet ist, die alte Münz 
währung wieder einzuführen befehlen wird." 
„Weiß Er das? — Er scheint gewaltig klug! Was weiß 
Er noch weiter?" 
„Daß die Noth im Lande groß ist und daß cs Unrecht 
ist, Euer Majestät dies zu verhehlen. Der Hauptstadt allein 
hat die russische Belagerung und die erste Kontributionszahlung 
über eine Mllion gekostet und eine zweite Million ist vor 
Jahresschluß zu zahlen." 
„Die Lebensbedürfnisie sind aufs Aeußerste eingeschränkt; 
doch das Leben will erhalten sein; so ist für Entbehrliches 
für lange auf keinen Absatz zu hoffen." 
„Er malt zu schwarz! — Indeß verarmen soll meine 
Hauptstadt nicht! Ich selber werde die zwei Millionen her 
geben. Wie sie zu beschaffen sind, darüber wird Rath werden. 
Erst muß die Resolution aus Petersburg eingetroffen sein." 
„Majestät! Die große unverdiente Huld! . . ." 
„Still! Er prunkt damit, schweigen zu können: Schweig' 
Er! Es darf Niemand erfahren, was ich ihm soeben gesagt 
habe " 
„Es wird mir schwer fallen, meine Mitbürger, als deren 
Abgesandter ich hier vor meinem Könige stehe, nicht Theil 
haben zu lasten an dem heißen Dankgefühl, das mich bewegt 
über eine so große unerhoffte Gnade! Wolle Gott unsern 
königlichen Herrn schützen und ihn zu ferneren Siegen leiten!" 
„Daß uns die Feinde doppelt heimzahlen müssen, was 
sie unserm Lande geschadet haben! — Und nun, wie denkt Er 
über die Fabrik?" 
„Daß, wie ich mich in meinem Könige, auch dieser sich 
nicht in mir getäuscht haben soll, daß ich selber den Kontrakt 
unterzeichne und, wills Gott, bald kein Thaler für fremde 
Porzellane mehr aus unserm Lande gehen soll! 
„Der Boden, der die Meißner Erde trägt, ist in meines 
Königs Hand; das Geheimniß," er hält begeistert den Kontrakt 
hoch, den er mit schnellem Federzuge unterzeichnet hat, „halte 
ich in der meinen! 
„Habt Dank, Majestät, die Reise ins Meißener Land 
war eine gesegnete!"- - 
„So zwecklos wenigstens nicht, als die ins russische Lager!" 
verabschiedet ihn der König. „Ein redlicher Patriot aber ein 
Schwärmer!" wendet er sich, dem Abgehenden nachblickend, 
zu dem eintretenden Marquis d'Argens, der seinen hohen 
Freund selbst auf seinen Kriegszügen begleiten darf. „Die 
treibende Kraft für alle großen Unternehmungen erfaßt sie 
das Räderwerk, das diese Schwärmer selbst in Schwung ge 
setzt und nun meinen, allein durch ihren Willen lenken zu 
können, nur zu oft und zieht sie in den Abgrund hinab." 
„Um ihn wäre es schade!" sagt d'Argens ernst. „Wie 
sein königlicher Herr ihn den treuen Patrioten, nennen seine 
Mitbürger ihn den Krösus von Berlin. . . ." 
„So mag wie Jener, vielleicht auch Er erfahren, daß 
vor seinem Ende Niemand glücklich zu preisen ist," antwortet 
der König leicht verletzt. „Ein Weiser dünkt er sich und böte 
ich nicht die rettende Hand, er sollte sein eigenmächtiges Unter 
handeln mit den Russen, wie seine unbedachte Gutsage schnell 
bereuen! 
„Schwärmer sind allezeit gefährlich d'Argens, die Begierde 
nach Ruhm ist eine tolle Leidenschaft, die Jedem den Kopf 
verdreht. . . 
„Er hat sich uneigennützig für die Hauptstadt geopfert, 
keine Gefahren gescheut. . . 
„Was gelten dem Ehrsüchtigen Gefahren, was sind ihm 
Sorgen int Vergleich mit dem Ruhme? Der Mann krankt 
am Größenwahn! Das ist's! — Vielleicht meint er, wie 
jetzt in den Zeitungen, seinen Namen einst in der Geschichte 
neben dem meinen zu lesen! — Ich weiß ihn zu schätzen 
und will ihn halten, so lange ich kann, aber — ganz frei 
in seinem Gewiffen fühlt sich der Mann schon jetzt nicht!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Memoiren eines Kaisers von Madagaskar. 
Herausgegeben von ©stur SrfuneDrC. 
(Fortsetzung.) 
V. 
Auf die Insel Madagaskar also waren unsere Hoffnungen 
und Pläne gerichtet. Hier zeigte sich uns ein Eldorado, welches 
dem Muthe und der Beharrlichkeit nicht unerreichbar schien. 
Schon die phönizischen Kaufleute, welche mit den Schiffen der 
Könige Hiram und Salomo durch das „Höllenthor" in den weiten 
Ocean gefahren waren, hatten die Reichthümer Madagaskars auf 
gefunden und erfreuten ihre Herrscher durch Berichte von uner 
schöpflichen Schätzen. Auch Ptolemäus und Plinius hatten von 
einer großen, glücklichen Insel Menuthias oder Cerne gesprochen, 
auf welcher die Fülle aller Güter zu ernten sei; auch die Araber 
hatten die Schätze Phombalons und der Mondinsel gekannt. 
Marco Polo, der berühmte Venetianer des 13. Jahrhunderts, hatte 
viel von Magastar gehört und von dem Riesenvogel Rukh, der 
auf der Insel Hause. Fernando Soarez, der kühne Gefährte des 
Don Franzisko de Almeiva, hatte am 1. Februar 1506, von 
Ostindien zurückkehrend, die Ostküste der Insel Madagaskar wieder 
aufgefunden; Joao Gomez d'Abreu, Rodrigo Percira Cuntincho 
hatten im Westen und Süden des gewaltigen Eilandes ihre Anker 
auswerfen können. Wie ein Blitzstrahl war damals die Nachricht 
durch die Welt gegangen, das verlorene Paradies sei wiederum 
entdeckt. Glühend farbenreiche Schilderungen der üppig reichen, 
in der verschwenderischen Pracht der seltensten Formen und Ge 
stalten prangenden Insel veranlaßten Tristan da Cunha, dies Land 
der Seligen zu besuchen. Man fand eine Bevölkerung vor, welche 
in paradiesischem Frieden still dahin lebte. Unter Heinrichs IV. 
Regierung erschienen auch unsere Landsleute auf Madagaskar. 
Auch sie und die Engländer waren entzückt von diesem Eilande, 
dessen erste fromme Entdecker dasselbe dem Schutze des herligen Lorenz 
unterstellt hatten. Sie verkündeten: „Die Einwohner dieser wunder 
baren Insel besitzen noch die Unschuld der ersten Menschen; deshalb 
beut ihnen die Natur freundlich all' ihre Schätze dar, und alle 
Kreatur dient hier gern dem Menschen, wie es vor dem Sünden 
falle war." Der Alles wahrnehmende, ruhelose Kardinal Richelieu 
hatte seinen Blick auch nach diesem gesegneten Lande gerichtet; 
— am St. Johannistage 1642 hatte König Ludwig XIII. die 
Insel für ein Besitzthum Frankreichs erklärt; Missionare, Krieger, 
Abenteurer waren in Menge nach Madagaskar oder Sankt- 
Laurentius gegangen. Auf den Kaps im Süden, im Süd osten 
und auf der Insel im Osten Madagaskars, auf Kap St. Marie, 
bei Port Dauphin und auf St. Marie vor der Mündung des 
Tangtang, hatten sich französische Forts und Faktoreien erhoben. 
Aber so reiche Ausbeute auch das Land lieferte, — der Goldgier 
der Eroberer war Alles zu wenig; unbarmherzig hatten sie die
        
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