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Periodical volume 3. Januar 1885, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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bei einem Aufstande gegen ihren Erzbischof Burchardt im Jahre ' 
1314 für diesen einen ähnlichen Kasten in Bereitschaft hatten. 
Ein ferneres Bedenken des Oberpfarrers von Lichen, daß es 
kaum glaublich, die Magdeburger hätten den Markgrafen aus sein 
Wort freigelassen, „welches er, wenn er einmal aus freien Füßen 
gewesen, kaum zu halten Lust gehabt habe, und wozu die Härte ■ 
der Gefangenschaft ihm Entschuldigung genug hätte an die Hand 
geben können," klingt frivol und zeugt von Unkenntniß mittel 
alterlicher Zustände. Das „Einreiten" — freiwillig sich zur Haft 
stellen für fremde oder eigene Schuld — war Ehrensache für den 
ritterlichen Mann und unser Markgraf, wie leichtfertig er auch ! 
sonst sein mochte, denkt nicht daran, sich auf diese Weise aus der 
Affaire zu ziehen. 
Einigermaßen schon könnte das Bedenken gerechtfertigt er 
scheinen, warum Markgraf Johann am äußersten Ende seiner Marken 
den Schatz niedergelegt habe. Wäre Tangermünde, wie etwa 
fünfzig Jahre später unter Kaiser Karl IV., bleibende Residenz 
der Markgrafen gewesen, dann dürfte ein solches Bedenken gerecht 
fertigt erscheinen. Sinn wissen wir aber, daß die Markgrafen an 
Tangermünde sich keineswegs gebunden haben. Die Regierungs 
geschäfte machten sie, wie wir aus den Verhandlungen sehen, an 
Ort und Stelle ab. Die Urkunden in dieser Zeit (Johann und 
Otto III.) sind datirt von Angermünde, Schwedt, Vierraden, - 
Greiffenberg, Grimnitz, Werbellin, Oderberg, Freyenwalde re. Bei 
der damaligen Schwierigkeit der Vernehmung von Zeugen, Sach- 
kundigen, Betheiligten hatten diese Art der Verhandlungen etwas 
sehr Bequemes; der Fürst, welcher die Verhandlungen selbst leitete, 
begab sich mit seinem Bureau, Sekretarius re. an Ort und Stelle, 
nahm in dem benachbarten Schlosse — Markgräfliche Schlösser 
waren, wie die Verhandlungen zeigen, an jedem Ort vorhanden — 
für die Zeit seinen Aufenthalt, die Betreffenden aus dem Stande 
der Edlen, Geistlichen wurden hinzugeladen, welche schließlich als j 
Zeugen, beziehungsweise Bürgen unterschrieben. Run war außer 
dem die Stolzer Voigtei, der Bezirk zwischen der Welse und Finn 
bevorzugter Lieblingsaufenthaltsort, besonders der Markgrafen 
Johann und Otto, wie sie denn auch in der von ihnen gegründeten 
und reich ausgestatteten Cisterzienser Abtei Chorin im Tode zu 
ruhen angeordnet hatten. 
Darum ist gar nicht auffallend, wenn Markgraf Johann beim 
Bau der neuen St. Marienkirche in dem neugegründeten Anger 
münde auf den Bau eines festen Gewölbes für den hier nieder 
zulegenden Schatz Bedacht nahm — auch ein Zug seiner weisen 
väterlichen und auch landesväterlichen Fürsorge, wie sie aus seiner 
ganzen Regierung wohlthuend hervorleuchtete. Eine Linde, nördlich 
von der Kapelle, diente zur Bezeichnung der Stelle. Erst zu Anfang 
dieses Jahrhunderts ist der Baun, morsch und altersschwach vom 
Sturm umgebrochen, ein Stück davon wird im Schloß Stolpe 
aufbewahrt. 
Dem Markgrafen Johann konnte die Neigung seines Sohnes 
Otto zur Pracht und Verschwendung, welche bei seinem Leichtsinn, 
bei Unbesonnenheit und Starrköpfigkeit verderblich werden mußte, 
nicht verborgen sein. Darum hatte er dem Sohne geheißen, allezeit 
dem alten von Buch zu folgen, und gerade der Schatz blieb das 
Band zwischen Beiden, als es einmal zum ernstlichen Bruche ge 
kommen war. 
Die Aussöhnung ist eine gründliche und nachhaltige gewesen, 
wie aus den Verhandlungen der nachfolgenden Jahre ersichtlich 
ist, bei welcher Johann von Buch in erster Linie überall betheiligt 
ist. Dabei tritt die landesherrliche Würde augenscheinlich in den 
Vordergrund. 
Bei den Verhandlungen über die außerordentliche „Bed" 
(Landessteuer) in den Jahren 1279 bis 1282 wird nach allseitiger 
Uebereinkunst festgesetzt, daß von der bis dahin üblichen Prinzessinnen 
steuer (Ausstattung bei Verheirathung) Abstand genommen und 
dieselbe „auf den einzigen Fall der Lösung des Markgrafen aus 
der Gefangenschaft" sich zu beschränken habe. 
Die Angelegenheit wurde geordnet durch Johann von Buch, 
Gerhard von Kerkow, Beteko von Buz, Thiedemann von Osterburg. 
Was nun schließlich den Einwand betrifft: „die altmärkifche 
Stadt wird auch Angermünde geschrieben", so beruhet dieser auf 
der Annahme, daß dem Markgrafen die altmärkische Stadt näher 
gewesen sei. Nachdem aber eben urkundlich nachgewiesen, daß und 
Warum die uckermärkische Stadt ihnen viel näher gewesen, so wird 
jener Einwand an sich schon entkräftet. 
Zum Ueberfluß wollen wir nach diplomatischer Quelle uns 
danach umsehen, was es mit der Benennung „Angermünde und 
Tangerinünde" für eine Bewandtniß habe. 
Ich habe viel Zeit und Mühe verwendet, mehr als hundert 
Urkunden darauf angesehen. Das Ergebniß ist folgendes: 
1. Die altmärkische Stadt hat ihren Namen von der Tanger», 
Tongera, Tonagra, Angera, Anger, an deren Ausfluß in die Elbe 
sie liegt. Heute noch Schloß und Familie Angern. 
Die Kaiserliche Kanzlei schreibt 1136 — Ermäßigung des 
Elbzolls: Angcrmünde. Hier scheint die Quelle zu suchen zu sein 
für die Schreibweise Angermünde, altmärkisch, wo sie, aber nur 
vereinzelt, später noch vorkommt, meist noch näher bezeichnet, wie 
1305 Angermünde upper Elven, ebenso 1337. Kaiser Karl lV. 
baut wieder das Schloß von Anghermünde 1373; in dem Ver 
trag zwischen Herzog Erich von Pommern mit Markgraf Albrecht 
1472: Angermünde ohn der Elbe. Ebenso im Berliner Schöffen 
recht-Stadtbuch von Berlin: Heren karner tu Angermünde Up der 
Elven. In allen diesen vereinzelten Fällen ist eine Beziehung zu 
den Registern der alten Reichskanzelei erkennbar. 
Sonst wird von der Mitte des 12. Jahrhunderts in allem 
amtlichen und außeramtlichen Verkehr die altmärkische Stadt Tanger 
münde geschrieben: Theodorium de Tanghermünde 1145 — 
castrum Tangermunde 1271 — Johannes von Buch, Voigt 
von Tanger«. 1269 — militares, burgenses in advocacia 
Tanghermunde 1320. 21. — Der Schutzbrief der Fürsten zu Anhalt 
für die Städte der Mark Brandenburg bezeichnet mit Tangermündc 
die altmärkische, mit Angermünde die uckermärkische Stadt, 1349. 
j Ebenso in dem Register der Provinzen der Mark Brandenburg 
j vom Jahre 1373: in antiqua Marchia: civitus Tangermund, in 
provincia Ukera: civitus Angermünde. Ebenso in der Glosse 
zum Sachsenspiegel: in dem Gericht und Fürstenthumb Tanger 
münde — in des rykes Kamerers Kamer, dat is tho Thanger- 
munde, incolae in territoriis antique Tangermunde, sonst auch 
Tangermunde uff Elven, uff der Tanger, secundum Magde 
burg. 
2. Die uckermärkische Stadt heißt seit der ersten Gründung 
Angermünde: Heinrich von Angermünde, so viel ich weiß älteste 
Urkunde von 1263 (Verhandlung zwischen dem Nonnenkloster zu 
Stettin und Kloster Walkenried) — Walterus, prefectus in Angcr 
münde, 1277. Markgraf Otto und Conrad verhandeln in Anger 
münde 1284. 86. 87. Hermannus de Angermünde 1292. Der 
Rath: civitati nostrae nove Anghermünde, so im alten Raths 
und Propsteisiegel. Der Convent des Minoritenklosters: Guardianus 
Angermundansis 1358. 
Nur ein ganz vereinzeltes Beispiel finden wir, wo der Bischof 
Gieselbrccht von Bremen dem Guardian von Nova Tangermünde 
den gegen den Markgrafen von Brandenburg ausgesprochenen Bann 
notificirt. 
In der völlig zuverlässigen, nach Berichten von Augenzeugen 
abgefaßten Schöppenchronik von Magdeburg von 1250 steht ge 
schrieben: „Johann von Buch führte den Markgrafen in die 
Sakristei von Angermünde, zeigte ihm einen großen mit Eisen be 
schlagenen Kasten k. ganz in Uebereinstimmung mit dem heutigen 
Befunde. Wäre die altmärkische Stadt gemeint gewesm, so hätte
        
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