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Periodical volume 3. Januar 1885, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 11.1885

dieser von den Vorfahren gehabt hatte. Der Alte scheidet vom 
Hofe, mit schwerem Herzen und düsteren Ahnungen. 
Markgraf Otto sammelte ein großes Heer, darin Böhmen, 
Polen, Pommern, führt es bis Frosche an der Elbe vor Magdeburg. 
Am nächsten Tage soll gestürmt werden. Im Lager zu 
Frosche" vorrnat Ke ick dummeliken, he wolde die andern 
Dages syne perde stallen laten in den dolini to Magdebouroh“. 
Noch an dem Abend schickt der Markgraf Kundschafter nach der 
Stadt. Diese berichteten, es wäre alles still in der Stadt, Niemand 
lasse sich sehen, alles Volk verzagt. In der Morgendämmerung 
schickt er abermals. Der Bericht lautet anders: die ganze Stadt 
sei in Bewegung, alle in Waffen. Der neue Erzbischof hat die 
Fahne des h. Mauritius, des Schutzpatrons, vorgeholt, die Stadt 
durchzogen; alles Volk folgt begeistert, bereit zum Streit. 
Der Markgraf wird gefangen mit vielen Edlen und Knappen, 
nach Magde 
burg geführt, in 
Ketten gelegt 
und schließlich 
in einen Kasten 
von starken Boh 
len eingesperrt, 
den man auf 
dem Neuen 
Markte aufge 
stellt. Der 
Chronist bezeich 
net die Stelle 
genau; „in des 
van Querforde 
hove," da wo 
nun die St. Ni 
kolaikirche steht. 
Dies ge 
schah am St. 
Paulstage, 4 
Tage nach dm 
„Zwölfen" — 
!»- Januar Haube aux trois ordres remis 1789. 
1278. ^ 
Schmählich 
zur Schau ge 
stellt, büßte der Markgraf seine Frevel am Gotteshause. 
In seiner Bedrängniß schickt er zu seiner Gemahlin Heilwich: 
sie soll Rath schaffen, mit seinen Räthen sprechen, vor allem mit 
dem alten von Buch. Die Frau macht sich auf, thut einen 
schweren Gang. Was wird der Alte sagen, was thun?! „Myn 
here heft my verdrehen und verlaten uth syne rade; myn 
raden dockt om nicht.“ — Die junge Frau weint, bittet flehent 
lich: Mein Herr soll alles wieder gut machen! — Nehmet, was 
irgend vorräthig an Geld, gehet nach Magdeburg, bringet heimlich 
Gabe einem jeden Domherrn und Dienstmann des Gotteshauses," 
dem Einen Hundert Mark, dem Andern fünfzig, inehr oder weniger." 
— Und so geschah es. Als nun das Kapitel zur Berathung zu 
sammentrat, da war Alles zur Milde gestimmt. „Man soll den 
Markgrafm los geben, binnen vier Wochen soll er ein Lösegeld 
von vier tausend Mark bereit halten oder wieder einleiten (sich 
wieder zur Haft stellen)." 
„Viertausend Mark herbeischaffen", woher? Die Räthe sahen 
sich rathlos an. Sie wußten keinen Rath, als daß man aus den 
Gotteshäusem die goldenen und silbernen Gefäße nehme und von 
den Städten entleihe, so viel man irgend könne, damit nur der 
Markgraf nicht wieder „einleiten" müffe. 
Als von Buch dies gehört hatte, sprach er: „Ja, das wäre 
wohl ein Weg; aber ich weiß einen besseren, den ich rathe» wollte, 
wenn mein Herr mich bei meinem Rechte beließe." 
Nachdem der Markgraf dies feierlich gelobt und zugesagt, 
daß er ihm nie mehr Unrecht thun werde, nahm er den Mark 
grafen und deffen Bruder (Konrad) allein, ging mit ihnen in die 
„Gerkammer" (Sakristei) zu Angermünde, zeigte ihnen einen großen 
mit Eisen beschlagenen Stock voll Goldes und Silbers und sprach: 
„Dies Gut hat euer Vater gelassen. Da löset euch ab! Dies 
vertraute er mir und darum hatte er euch geheißen, daß ihr immer 
nach meinem Rathe thun solltet. Nun habt ihr wider meinen 
Rath „georloget" (gefehdet) wider das Haus zu Magdeburg." 
So hatte der Markgraf reichlich Mittel, um sich zu lösen. 
Kaum ist er aus der Klemme, so ist der alte Uebermuth wieder da. 
„Herr Bischof, bin ich los?" — „„Ja!"" „Ihr verstehet es 
gar nicht, einen Markgrafen zu schätzen. Gy scheiden mek 
up eyn ross 
hebben gesät 
mit upgerich- 
teter glevien 
(Lanze) und mit 
gold nnd silver 
hebben begey- 
ten (begießen, 
überschütten) la 
ten. So hedde 
gy mek recht 
beschatted." 
Dem Erz 
bischof blieb die 
Untreue seiner 
Domherrennicht 
verborgen. Er 
dankte ab. „Gy 
sint sunte mau- 
riciound Juwen 
godeshuse un- 
truwe, ick wil 
Juwe bisschop 
nicht syn.“ 
Einzelne neu 
ere Chronisten 
haben Bedenken 
gegen die Erzählung erhoben. Buchholtz, der weiland Oberpfarrer 
zu Lichen, geht darin so weit in seiner Geschichte der Churmark Bran 
denburg, Bd. II S. 221 fg., daß er, nachdem er die Geschid)te in 
seiner Weise erzählt, zu dem Schluß kommt: „Das ist nun der Roman 
von Johann von Buch und dem Kirchenstock zu Angermünde, der 
viel zu unwitzig aussieht, als daß er sollte wahrscheinlich sein." Er 
hält also die ganze Geschichte für eine Fabel, und zwar aus inneren 
Gründen der Unwahrscheinlichkeit. 
Es sei nicht glaublich, daß der ritterliche Erzbischof, Gras 
Günther von Schwalenberg, eine so schmähliche Strafe — Zurschau 
stellung an dem belebtesten Orte der Stadt — über den Markgrafen 
hätte verfügen können. Wer das Mittelalter kennt, dem wird 
solche Behandlung der Kriegsgefangenen gar nicht auffallen. Milde 
gegen den Gefangenen kennt man nicht, am allerwenigsten gegen 
Fürsten und hohe Herren. Vergleiche Klöden, die Quitzows und 
ihre Zeit Bd. II S. 236 fg.: die Gefangenschaft des Herzogs 
von Mecklenburg bei Johann von Quitzow auf Schloß Plauen. 
Die schauerlichen unterirdischen Räume des „Bergfried" sind redende 
Zeugen roher Barbarei, gegen welche das menschliche Gefühl sich 
sträubt. Im Betreff des eisenvergitterten Kastens, in welchem 
der Markgraf bei seinem Unglück dem Hohn der schaulustigen 
Menge preisgegeben war, wird berichtet, daß die Magdeburger 
Text s. Seite 223. 
Haube au glohe 1789.
        
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