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Periodical volume 3. Januar 1885, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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eigenhändigem Schreiben vom Graf Tottleben alle Sicherheit 
für seine Hin- und Rückreise zugesichert sei, er werde, und 
wenn es sein Leben koste, sich gegen seinen Willen nicht von 
hier fortschaffen laffen. 
„Monsieur scheinen nicht zu wißen, daß wir bereits 
unterrichtet sind, wie Ihr König seiner Hauptstadt hat be 
fehlen lasten, diesen Ihren Wechsel überhaupt nicht zu be 
zahlen, überdies zu vergeffen, daß unsere allergnädigste Czarin 
sehr wohl die Mittel in Händen hat, sich drei- ja zehnfach 
bezahlt zu machen," antwortet Fermore strenge. „Was sind 
das überhaupt für Kaufleute, als deren Abgesandter Monsieur 
zu mir kommt? Alle Welt muß wünschen, mit Unterthanen 
nichts zu thun zu haben, denen ihr eigener König befehlen 
kann, zu Schurken zu werden und die Unterschrift unter den 
von ihnen ausgestellten Wechseln für nichts zu achten!" 
„Mein Ehrenwort, daß ich von solchem Befehle meines 
gnädigsten Königs nicht das Geringste weiß, ihn überhaupt 
für unmöglich, für eine Berläumdung halle," erwiderte Gotz- 
kowsky stolz. „Ich glaube, meine Gegenivart beweist, daß 
die Berliner Kaufmannschaft wohl gewillt ist, ihre Wechsel 
einzulösen und bescheidentlich nur einen Erlaß oder doch 
einen späteren Zahlungstermin erbitte. Zum Beweise bin ich 
bereit, sofort einen Wechsel von meiner eigenen Hand und 
Unterschrift über 150 000 Reichsthaler in Abschlag auf die 
noch schuldige Million auszustellen; eine Staffelte Euer Ex 
cellenz mag solchen Wechsel direkt von hier nach Hamburg an 
die Bankiers Stenglin und Kompagnie zur Acceptation über 
bringen. Es ist mein ganzes Vermögen, und Excellenz mögen 
daraus ersehen, daß ich für meine Person schwerlich solche Ver 
bindlichkeiten eingehen würde, wenn ich nicht völlig von der 
Grundlosigkeit des häßlichen Verdachtes gegen meinen könig 
lichen Herrn und den redlichen Willen unserer Stadt über- ! 
zeugt wäre, allen übernommenen Verbindlichkeiten nachzu- 
kommen." 
„Wenn der Preußenkönig viele Männer, wie den in 
seinem Reiche hat," wendet sich Ferinore in russischer Sprache 
zu den Generälen „werden wir es schwer finden, ihn und das 
Land für immer zu unterjochen. 
„General Tottleben hat Unrecht gethan," wendet er sich 
an Gotzkowsky „sich statt drei der angesehensten Kaufleute, 
wie ich ihm befohlen, mit drei Kaufmannsdienern als Bürgen 
zu begnügen, um die sich kein Teufel in der Hölle kümmern 
wird. Monsieur hätte er mitnehmen sollen, da hätten die 
Berliner alle Ursache gehabt, ihren Verpflichtungen nachzu 
kommen; die Stadt und Ihr König würden bald gemerkt 
haben, wie viel sie an Monsieur verloren haben." 
„Vorläufig bin ich nur in meinem Hause und Geschäfte 
schwer zu entbehren" erwidert Gotzkowsky, Jrie's Warnungen 
eingedenk, trotz seines Erschreckens äußerlich seine Ruhe be 
wahrend. „Ich bitte daher, mich gleich jetzt bei Euer Excellenz 
verabschieden zu dürfen, um ungesäumt dem Berliner Ma 
gistrate den ablehnenden Bescheid Euer Excellenz zu über 
bringen." 
„Hierbleiben wird Monsieur," ist Fermore's schnelle Ant 
wort „schon um beim Oeffnen und Auszählen der Geldfässer, 
die von Berlin gekommen sind, gegenwärtig zu sein. An 
unterschiedlichen Fäffern haben bereits ansehnliche Posten an 
dem angeblichen Inhalte gefehlt!" 
„Herr Graf beleidigen mich" fährt Gotzkowsky auf „und 
die Männer, die mit dem Amte betraut waren, die Gelder 
anzunehmen und abzusenden." 
„Die Juden?! O, man weiß auch in Rußland sehr 
wohl, daß die ganze preußische Münzverwaltung in die 
Hände der Israeliten gelegt ist. Ich glaube, das sagt 
genug . . . ." 
./Richt genug, uin Euer Excellenz Mißtrauen zu recht 
fertigen," antwortet Gotzkowsky, trotzdem ihn bange Furcht 
beschleicht, ob Ephraim, wenn nicht aus Eigennutz, doch viel 
leicht um ihm bei den Rüsten zu schaden, die Verpackung nicht 
sorgfältiger habe überwachen lasten. 
„Ich bin weder vom Berliner Magistrat, als deren Ab 
gesandter ich komme, beauftragt, als Aufseher die Ablieferung 
und Auszählung der Kontributionsgelder zu überwachen, noch 
fühle ich selber irgend welche Verpflichtung dazu." 
„Es genügt, daß ich Monsieur damit beauftrage." 
„Zu solchem Auftrage fehlt cs an jedem Grund, wenn 
ich mich, wie ich hiermit thue, bereit erkläre, jeden etwa feh 
lenden Thaler aus eigenem Vermögen zu ersetzen." 
„Um so besser," lacht Fermore spöttisch „um so nöthiger 
wird Monsiem's Gegenwart sein! Hier Papier und Feder, 
um Monsieur Gelegenheit zur Ausstellung des offerirten per 
sönlichen Wechsels über 150 000 Thaler, auf die noch restirende 
Million zu geben, falls Monsieur nicht gleichfalls, wie die- 
Stadt, als deren Abgesandter er uns kommt, uns mit hoch 
tönendem Worte abzuspeisen denkt." 
„Keineswegs!" ist Gotzkowsky's stolze Antwort und in 
wenigen, schnell hingeworfenen Zeilen verpfändet er gekränkt 
sein Vermögen und sein Ehrenwort. 
„Und dort, Monsieur," nimmt Fermore den unterschrie 
benen Wechsel aus seiner Hand „der Ordonnanzoffizier" er 
winkt demselben, sich bereit zu halten „der Monsieur zur Wache 
geleiten tvird, damit er durch nutzloses Umherirren seine k o st - 
bare Zeit nicht versäume." 
Längeres Widerstreben kann seine Lage nur verschlimmern. 
Unwillig folgt Gotzkowsky dem begleitenden Offizier in die 
enge Wachtstube, in der zwanzig Rüsten die Böden der Fässer 
einschlagen, daß oft genug die Münzen über den schmutzigen 
Fußboden rollen, von dem gleich unsaubere Soldatenhände 
sie aufheben und unter plumpen Scherzen in langen Reihen 
aufzählen. 
Herzlich langsam nur geht die Arbeit vorwärts, da die 
derben Hände, solcher Beschäftigung ungewohnt, dieselbe oft 
genug unterbrechen, um heimlich die Flasche zum Munde zu 
führen oder die von Ungeziefer gequälten Körpertheile zu be 
dienen. 
Drei Tage bereits hat Gotzkowsky, dessen verfeinerten 
Sinnen der erzwungene Aufenthalt in dem engen, schinutzigeir 
Raume in so abstoßender Gesellschaft eine Holle däucht, trotz 
aller Sorge um Jrie und sein Heim ausdauern müssen, ohne die 
geringste Kunde von ihr erhalten zu können, als ein Offizier, 
derselbe, der ihn von Ebersivalde hierher begleitete, in Fer 
more's Auftrage die ersten 100 000 richtig abgezählten Reichs- 
thaler in Empfang zu nehmen und zu bescheinigen kommt. 
„Nur eine Chicane halt mich hier fest," sagt Gotzkowsky 
ihm „an keinem Beutel hat bisher ein einziger Thaler ge 
fehlt; ich zahl' Ihnen für jeden Beutel, über den Sie un 
gezählt als richtig quittiren, einen Thaler; der Aufenthalt 
hier macht mich krank."
        
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