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Periodical volume 27. Dezember 1884, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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die Lanze noch im 16. Jahrhundert für Grenzberichtigungen maß 
gebend. Die Breite der Heerstraße bei Salzhausen wurde im 
Jahre 1577 gemessen: so fern als ein Hofmann auf einem Pferde 
sitzend und mitten im Wege haltend, mit einer globigen Staken 
(Gleve, Lanze), welche 14 Schuh lang ist, ablangen kann auf 
beiden Seiten. Soweit gehörte das Straßengericht dem Herrn der 
Straße, damals dem Bischöfe von Verden. Auch das alte Rechts 
buch der Vehmgerichte schreibt über die Messung der Königsstraßen 
Aehnliches vor: Da soll der konnynck eder sin ambesait (am- 
basadeur, Gesandter) op eyme perde eder ossen sitten inde 
nemen eyne gleven von XVIII voeten vor op den sadel. Man 
sieht, wie hier der König selbst noch als eigentliche Rechtsquelle 
in Anspruch genommen wird, wie denn auch die Ackerbreiten der 
Langobarden gemessen wurden nach König Liutprands Fuß, wovon 
14 auf die Stange (Ruthe) gingen. 
In einem Holzungs-Gerichtsprotokolle vom Jahre 1503 in 
dem Lüneburgischen Amte Bleckede an der Elbe, soll das Maß 
eines Waldweges dadurch erwiesen werden, daß die Knechte des 
Ansprucherhebenden „mögen nehmen ehre lüchter (linken) Oer in 
de rechtere Hant und stecken den lüchteren Arm twischen den rech 
teren Arm unde dem lüchter Oer dorch: so ferne se nach sodanne 
Wyse van dem Wege mit einer Plochbarden (wohl Pflugschar) 
können werpen, so Verne unde nicht wider". — Von einem andern 
Orte im Lüneburgischen stammt ein Weisthum aus dem Jahre 
1590, das einem Müller gewisie Gerechtigkeiten zuertheilt. Da 
heißt es: Wenn nun der Müller steht auf seinem Mühlenbalken, 
soferne er dann in der Höhe gegen den Strom kann mit der Hand 
werfen, so der Müller berechtigt mag sein über die Fische, und so ferne 
er niederwärts mit dem Strome kann werfen, ist er auch berechtigt. 
So lebte das alte deutsche Wurfrecht in Niedersachsen gewiß 
bis ins 17. Jahrhundert hinein, aber so sinnvoll und gerecht es 
auch den Zeitgenosien erscheinm mochte, verdeckt zeigte es doch das 
Recht des Stärkeren; nothwendig mußte dabei der Schwächere oder 
Kranke mit seinen Rechtsansprüchen zurücktreten. 
Im Wiesener Lagerbuche finden wir in Bezug aus die Hoheit 
über Gewässer das Wurfrccht nicht mehr angezogen. Der Herzog 
von Lüneburg war Herr der Elbe, deren Südufer sein Land be 
rührte, trotz der Ansprüche, welche die freien Hansestädte erhoben, 
„und wird vom Elbstrom den Städten Lübeck und Hamburg nichts 
weiter von der Nordseite zugestanden, als nur ein Pferd beim 
Zügel hineingelassen oder woselbst ein Schwan mit dem Halse oder 
Schnabel gründen kann." 
Bei Lüneburg hatte der Herzog einen Thiergarten mit einem 
Wildzaune umgeben. Die Strafen bei Verletzung desselben waren 
außerordentlich streng, und höchst wahrscheinlich gehörte es wie bei 
den Angelsachsen zu den Lasten der Bauern, den Zaun zu halten. 
Dort, wie in Niedersachsen, hatte nur der König und der hohe 
Adel das Recht der hohen Jagd, und der tegn (Degen, niedere 
Adlige) durfte nur greyhounds 10 Meilen rund um den Wild- 
zaun halten, wenn er ihnen ein Bein lähmen ließ. 
In der Elbmarsch hing das Wohl und Wehe aller Gemeinden 
von der Sicherheit der Dämme ab, alles Eigenthum war gefährdet, 
wenn die Wässer einbrachen. Die Gemeindeglieder waren daher 
verpflichtet, nach gewissen obrigkeitlichen Anordnungen die Dämme 
zu bewahren. Darum erkannte im Jahre 1537 das Deichrccht 
auch die grausamsten Strafen für Vernachlässigung. Der nach 
lässige Deicher sollte in 16 mal 60 Mark verfallen, weil er das 
Deichrecht „verschmadet" hatte; daneben sollte, wenn der Deich 
wieder gemacht wurde und man ihn überkommen könne, man 
„ehn den ersten pal durch das lib schlan, nha dickes recht.“ 
Weiter im Gerichte der Bleckeder Marsch wird 1563 gefunden: 
Wenn ein Hauswirth seinen Elbdeich macht, daß er keine Erde 
mehr bekommen kann, sondern nimmt seinen Feuerheerd und fährt 
ihn auf seinen Deich und wenn der Deich aber dann noch aus- 
' läuft oder einbricht, so kann der Hauswirth darum nicht beschuldigt 
j werden. Also das Heiligste, den Feuerheerd, das heißt sein Alles, 
! mußte der Einzelne hingeben zur Sicherung des Eigenthums Aller, 
„aber wenn es doch geschehe durch Bersäumniß (daß der Deich 
j bricht) so ist sein Recht, daß man dem Hauswirthe einen Pfahl 
! durch den Leib stoße in dem Brackwasser, wo es ausgelaufen ist." 
Andererseits fehlt es manchen Vorschriften zur Sick)ernng und 
j Bestimmung des Eigenthums nicht an einem gewissen trockenen 
Humor. In den Holzungen des Nonnenklosters Medingen gehörte 
j den Holzungsleuten das „was die Kreye abtritt" und daneben 
j jedem noch ein Weißbaum. Auf die Anklage, daß Gänse im Felde 
I zu Schaden gegangen — das Feld beschädigt haben — wird ge 
funden: „man nehme die Gänse und hänge sie an des Eigen- 
| thümers Zaun, das ist der Gänse ihr Recht." 
Fast überall finden wir noch die alte Sitte, nach einem ge 
schloffenen Vertrage besonders zwischen Kaufleuten, einen gemein 
samen Trunk zu thun. In niederdeutschen Gegenden hieß dies der 
Weinkauf; ursprünglich scheint der Vertrag ohne Trunk gar nicht 
j zu Recht bestanden zu haben. Sicherlich war es in frühester Zeit 
I ein Trankopfer für die Götter gewesen, wie diese selbst nach der 
Edda bei dem Becher Bragi's, des Gottes der Dichtkunst schwuren. 
Auch wurde bei den alten Verträgen besonders fest an dem trocknen 
Wortlaute gehalten — die englische Gesetzgebung ist darin berühmt 
oder berüchtigt. Dies erinnert an den Kaufmann von Venedig, 
dessen Recht zwar das Fleisch aber nicht das Blut war, was sein 
uraltes Vorbild in der Edda findet: Loki hatte seinen Hals gegen 
einen Zwerg verwettet, er werde nicht bessere Kleinode schmieden, als 
sein Bruder geschmiedet hätte. Die Wette verlor Loki; da half er 
sich mit der Einrede: du hast meinen Hals, aber nicht meinen Kopf. 
Als Strafe der Vergehungen wider die Obrigkeit lernen 
wir im Mittelalter im Lüneburgischen, aber auch bei Quedlinburg 
das Haarabschneiden kennen. Das mochte dem noch immer vom 
dringenden Freiheitsgefühl erfüllten Sachsen bitter genug erscheinen, 
war doch langes Haar das Zeichen persönlicher Freiheit, ebenso 
wie es für den hohen dynastischen Adel keine härtere Strafe gab, 
als das entwürdigende Hundetragen. 
Die Strafe des Diebstahls konnte unter Umständen der Tod 
sein, der Bestohlene aber mußte die „Anfachung" leisten: war ihm 
ein Stück Vieh geraubt, so bewies er sein Eigenthmnsrecht dadurch 
„daz er in grifen sol an daz ore und sol zu den heiligen be 
reden, daz es ihm diaplich verstolen sy oder geraubet.“ 
Verhältnißmäßig viel leichter waren die Strafen, die die 
Fährdung der Person betrafen. 
Ungeferliche Gerichtsbröke im Lande Lüneburgk nach 
besage einer alten Verzeichnuss so beym Ampte Dannenbergk 
gefunden: 
Ein Todtschlag 60 Mk. 
Eine Farwunde \ 
Eine Lemenisse ( ^ 
Ein Beinbröke l 
Ein Handt als > 
Ein Finger all' j ^. 
Ein Ledt all I 
Eine Kampferwunde ander Ogen edder am Antlate, de man mit 
einemHode nicht bedecken kann,oder eine Vlete ist 9 Pundt. 
Eine Blotrinne, wat man mit dem Hode bedecken 
kann. Isz der Wunden vede, de gröteste bedeckt 
se alle, isz 3 
Ein Dumschlach mit einem Bohme effte Siete brun 
eder blaw, isz 3 
Miszhandlung mit Worden, Scheldewort isz . . 3 
Wehr dem Andern tho will dat Mest uththudt unndt 
nicht bewendet isz 3 
NB. Ein Pundt ist 20 Schillingh.
        
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