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Periodical volume 27. Dezember 1884, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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uralter Poesie, wie er noch Jahrhunderte hindurch in den Weis- 
thümern erhalten blieb. 
Ueberall erinnert das alte deutsche Recht an die Göttersage, 
an die Zeiten, wo das Volk in dem Rollen des Donners den ver 
nichtenden Schlag von Thors Hammer zu hören glaubte, oder 
von ehrfurchtsvollem Schauer ergriffen wurde, wenn das Rauschen 
der Baumriesen in den heiligen Hainen Odins Nähe verkündigte, 
des Allgewaltigen, des Göttervaters. 
Am längsten wohl von allen deutschen Stämmen hat sich alt 
überlieferte Anschauung, Sitte und Recht bei den Niedersachsen 
gehalten, besonders den Bewohnern der Landdrostei Lüneburg. 
Die Gegend gehört der großen norddeutschen Ebene an, bildet aber 
in der Mitte eine mäßige Erhebung des Bodens, welche die Wasser 
scheide zwischen Elbe und Weser ausmacht. Dieser unter dem 
Namen der Lüneburger Haide bekannte Landstrich gilt sehr mit 
Unrecht als eine der traurigsten Gegenden. Zwar ist er verhältniß- 
mäßig nur spärlich bevölkert und an seinen Rändern häufig von 
Mooren umgeben, doch bietet er mit seiner grünen Haidedecke, 
seinen Nadelhölzern und seinen freundlichen, zumeist mit Buchen 
und Eichen umgebenen Dörfern bei weitem keinen so abschreckenden 
Anblick dar, wie manche Gegenden Hinterpommerns, Westschleswigs, 
Meppens oder gar der Eifel. Freilich erscheint das Land immer 
hin kahl, denn von den einst großen Waldungen haben sich nur 
wenige Reste erhalten, wie die bekannte Göhrde, die Raubkammer 
und der Süsing. Doch trägt es gute Feldfrucht: Lüneburg ist 
das Land des Buchweizens. Auf der Haide selbst, dem Höhen 
rücken blüht Schaf- und Bienenzucht. Das Land bietet dem 
Menschen Alles, die Industrie hat es noch kaum berührt. Weiter 
nach Norden zur Elbe dehnen sich die fruchtbaren Marschen, die 
der Mensch zum großen Theile erst den Wasserfluthen abgerungen hat. 
Der Niedersächsische Stamm, der zu Anfang des Mittel 
alters England eroberte und von hier, gemischt mit andern Volksele 
menten, später den blühendsten und mächtigsten Theil der neuen Welt 
kolonisirte, hat das eigenthümliche deutsche Wesen am Reinsten und 
Treuesten bewahrt. In der stillen Haide, wo das Geräusch der 
Städte und des fieberhaften industriellen Verkehrs fern abliegen, 
wo der Unterhalt und das Wohlbefinden der Menschen nicht einem 
gefährlichen Wechsel unterworfen sind, ist das Volk frei geblieben 
von fremden Eindrücken. Schon das Aeußere des Niedersachsen 
kündet den Abkömmling jener Stämme an, vor denen einst Rom 
erzitterte. Der starke massige Körper, welchem meist jegliche An 
muth der Bewegung fehlt, das meist schlichte gelbe, strohfarbene 
oder in's Röthliche spielende Haar, die blauen trotzigen Augen, 
von deren kriegerischem Glanze die römischen Schriftsteller erzählen 
— diese äußeren Kennzeichen des Germanenthums finden sich noch 
heut am Häufigsten und Unvermischtesten bei den Niedersachsen. 
Auch der Charakter des Volkes erinnert noch in vieler Hinsicht an 
die Schilderung, welche uns von den Bewohnern Altgermaniens 
gemacht wird. Der Niedersachse ist treu, offen und tapfer. Seine 
ernste Schweigsamkeit fällt dem beweglichen, sprachseligen Süd 
deutschen unangenehm auf. Heimtücke, Rachsucht und Hinterlist 
sind ihm ebenso ftemd wie zuvorkommende Höflichkeit oder unter 
würfige Kriecherei. 
Kaum lüftet er den großen dreieckigen Hut selbst vor hoch 
stehenden Personen: ein „guter Morgen" für Freunde, ein Hand 
schlag für Bekannte sind die Grußformen, über die er selten hinaus 
geht. Freigebig und stets offener Hand gegen seine Freunde, 
hält er auf der andern Seite starr an seinen Freiheiten fest und 
vertheidigt das, was er sein Eigenthum nennt, mit zäher Hart 
näckigkeit. Ein ächter niedersächsischer Bauer wird eher seinen Hof 
im Rechtshandel dransetzen, ehe er fteiwillig ein paar Quadrat 
schritte Landes, in deren rechtlichen Besitz er zu sein glaubt, seinem 
Nachbar überließe. Phlegmatischen Temperaments läßt er in Allem 
die Sache an sich kommen und hat ein angeborenes Mißtraum 
gegen alle Neuerungen, sei es, daß sie auf dem Gebiete der Politik 
oder auf dem der Landwirthschaft auftreten. 
So war, so ist zum großen Theile noch heute der Nieder 
sachse, aber der alles gleichmachenden Zeit wird es einst gelingen, 
auch seine Eigenthümlichkeiten zu verwischen. — schon ist Vieles 
davon dahingegangen und lebt nur noch im geschriebenen Wort. 
Wir haben davon zu sammeln gesucht. 
Wir bedienen uns noch heute einer Redewendung, die an 
uralte Rechtsüberlieferungen anknüpft. Wir fühlen uns wohl oder 
sicher in unsern vier Pfählen. Der niedersächsische Hofbesitzer hatte 
das Recht Frieden zu heischen innerhalb seines Grundstücks, seiner 
vier Pfähle, im Nothfall aber auch die Pflicht, innerhalb dieses 
Raumes ein Wehrgericht zu hegen über die Friedmsstörung. Auch 
die großen öffentlichen Gerichte unter der Linde oder an den 
Steinen wurden innerhalb der vier Pfähle gehegt, die nur leicht in 
den Boden gestoßen und mit einer Schnur verbunden waren. Der 
innere Raum war geheiligt und so sehr das Volk sich außerhalb 
auch drängen mochte: der schwache Faden konnte es abhalten! 
Leicht wird man dabei erinnert an die Feffel Gleipnir, mit der 
Fenrir, der die Vernichtung bedeutende Wolf von den Äsen ge 
fesselt wurde. Sie war leicht und schlicht wie ein Seidenband und 
gefertigt aus dem Schall des Katzentrittes, dem Bart der Weiber, 
den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, der Stimme der 
Fische und dem Speichel der Vögel, also wie es scheint, aus un 
möglich gedachten Dingen. Aber jemehr der Wolf daran zog und 
die Fessel zu brechen suchte, je fester wurde sie. Auch des Zwerges 
Laune Rosengarten umgab nur ein Seidenfaden, so dünn, so leicht 
verletzlich erscheinend, wie die heiligen Schnüre der Gerichte und 
Kampfesstätten. Sicherlich deutet das hin auf vie Macht des Ge 
setzes und der Sitte, auf die Furcht vor unausbleiblicher Vergel 
tung und Strafe: ist doch solche Feffel stärker als alle, die man aus 
Hanf oder Eisen fertigen mag, denn eigene Kraft oder Helfers 
helfer können auch die festeste Bande, eiserne Ketten und Hand 
schellen lösen, die Macht des Gesetzes aber bindet unauflöslich, so 
lange die aus ihr entspringende Ordnung auftecht erhalten bleibt, 
ja dies Band erhärtet und je größer der Widerstand, desto straffer 
bindet es. Das Gesetz aber ist etwas Uebersinnliches, darum 
symbolisirt es die Mythe aus lauter höchst zarten, kaum denkbaren 
Gegenständen gefertigt, darum umspannt nur ein dünner Faden, 
der nur die Grenze deuten sollte, den heiligen Gerichtsplatz. Sind 
doch oft auch Ideale sicherere Zwangsmittel, als materielle Gewalt. 
So fühlen wir uns in unsern vier Pfählen wohl, denn die un 
sichtbare Macht des Gesetzes schützt uns sicherer als Holz- und 
Steinwand. Sie Sonne ist der Urquell des Lebens, die Sonne 
sieht Alles, sie schaut auf Gerechte und Ungerechte, die Sonne 
bringt es an den Tag, heißt es in unheimlicher Vorahnung ihrer 
Gerechtigkeit, in dem bekannten Gedichte — so war Baldur, eigent 
lich „Schöntag", der Gott des Tages und des Lichtes zugleich 
Gott der Gerichte. Darum mußten die Urtheile ursprünglich bei 
scheinender Sonne gefunden werden und das Gericht hieß ein 
Tagding. Nur der Tag ist die Zeit des Lebens und des mensch 
lichen Verkehrs; auch für Handel und Wandel, für Zahlungen, für 
Forderungen war das Tageslicht Bedingung. Im Lande Hadeln 
war der Zinspfennig oder Königszins um Martini fällig und 
mußte noch im 16. Jahrhundert gezahlt werden und zwar „bei 
scheinender Sonne so, daß wer nicht zahlt, seines Ackers verlustig 
geht." Im Amte Wiesen an der Luhe war der Thomaszoll, 
wahrscheinlich ursprünglich eine kirchliche Steuer, üblich, er mußte 
am St. Thomastage in der Stadt Lüneburg vor Sonnenuntergang 
gegeben werden. 
Das Kloster St. Michael zu Lüneburg hatte weitausgedehnte 
Besitzungen im Lande. Aus einer Urkunde Königs Lothar vom 
Jahre 1135 geht hervor, daß der Abt oder sein Vogt dreimal im 
Jahre Gericht zuhalten hatte. Zum Richten gehörte ein Schwert,
        
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