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Periodical volume 27. Dezember 1884, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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seinem Sohne Ludwig und dem jüngsten Sohne des Prinzen Fer 
dinand sich dorthin begab. In seiner Begleitung waren auch der 
Herzog von Sachsen-Weimar und desien Gemahlin. Die fürstliche 
Gesellschaft nahm, nicht ohne Beschwerlichkeit, ihren Weg durch die 
wogende Menschenmenge nach dem Aschcnborn'schen Laden in der 
Breiten Straße, woselbst ein Bergwerk ausgestellt war. Während 
der König und der Herzog reiche Ankäufe machten, um die Damen 
damit zu beschenken, acquirirte Prinz Ludwig einen „Dukatenmann" 
und eskamotirte denselben dem Sohne des Prinzen Ferdinand in 
die Tasche. Unwillig darüber wandte sich dieser an die Herzogin: 
„Ludwig glaubt doch wohl nicht, daß ich so einer bin?!" Und 
lächelnd kniff der Monarch seinen Sohn in die Wange. Letzterer, 
um sich den Weg durch das Menschengewühl zu bahnen, kaufte 
eine Flasche wohlriechenden Waffers und bespritzte damit die Ge 
sichter der Schönen. 
Ein volles Säkulum hindurch hatte der Weihnachtsmarkt in 
der Breiten Straße sich behauptet, als er bekanntlich auf das Be 
treiben der dortigen Ladenbesitzer 1873 nach dem Lustgarten hinaus 
verlegt wurde. 
Die Memoiren eines Kaisers von Madagaskar. 
Herausgegeben von «ckwebel. 
(Fortsetzung.) 
Schon am folgenden Tage trat ich meine Stellung an. Bald 
darauf erhielt ich den Befehl, an der Spitze von 4000 leichten 
Reitern französische Magazine wegzunehmen, welche sich unter 
den Mauern von Pizziguithone befanden. Aber ich begegnete 
feindlicher Reiterei; es kam zu heftigem Kampfe. Nach einer 
Stunde baten die Franzosen um Quartier; die Magazine zu 
nehmen, war cs jedoch bereits zu spät geworden; die Besatzung 
der Festung war zu ihrem Schutze ausgerückt; so kehrten wir also 
nur mit 1200 Gefangenen zurück. 
Ich stattete dem Prinzen bei meiner Rückkehr Bericht ab, daß 
es mir nicht möglich gewesen wäre, seine Befehle auszuführen. Er 
empfing mich sehr gnädig und sagte lächelnd: 
„Was Sie gethan haben, gilt mir mehr! Und ich weiß es 
ja: das Glück läßt sich nicht suchen, sondern nur finden!" — 
Schnell verbreitete sich die Kunde von meinem glücklichen 
Unternehmen; — mit einem Schlage war mein Ansehen auch in 
der Kaiserlichen Armee ein festbegründetes geworden! Ich darf es 
ohne Ruhmredigkeit sagen: die Kaiserlichen glaubten stets zu siegen, 
wenn ich sie führte! 
Wenige Tage darauf erhielt ich einen anonymen Brief. Der 
selbe wurde mir von einer Straßburger Markentenderin zugesteckt, 
welche einen Sergeanten vom Regimente Waldeck geheirathet hatte. 
Sie sagte, ihr Bruder, ein Soldat in dem französischen Regimente 
Elsaß, habe ihr denselben für mich übergeben. Ich belohnte sie 
für ihre Freundlichkeit und fand, als ich öffnete, einen Brief von 
Vendäme vor. Derselbe lautete, — ich ändere kein Wort: 
„Ihr Entweichen, mein lieber Langallery, hat in der Armee 
viel Unruhe verursacht. Mir thut daffelbe herzlich leid! Aber 
ich weiß, — es war Ihnen keine andere Möglichkeit gelaffen; 
es ist sogar nicht unwahrscheinlich, daß es die Maintenon auf 
Ihr Leben abgesehen hatte! Sie werden also standhaft ertragen 
müßen, was Sie nicht ändern konnten, wie ich's auch thue! 
Wenn jemand von mir geht, den ich lieb habe, so tröste ich 
mich erst dann, wenn ich weiß, daß es ihm gut geht! Das aber 
ist bei Ihnen der Fall! Ihre neuen Untergebenen schätzen Sie 
bereits; sie werden Sie bald auch lieben! Vor Allem aber sind 
Sie in Sicherheit, und darauf kam's an! 
Adieu nun! Lassen Sie mir bald Nachricht zukommen. 
aber — vorsichtig! Wenn man einer Megäre gegen ist 
das immer schlimm! 
Cagano.- 
Gott weiß es: ich habe den Brief des Prinzen wohl tausend 
mal geküßt! Ich schrieb auch an Catinat. Auch er hatte den 
Dienst verlassen und lebte einsam mitten in Paris. Es war auch 
für ihn ini Heere nicht mehr auszuhalten gewesen! Wie er einst 
prophezeit hatte, war er ein Bürger von Paris geworden; — 
mitten in der lärmerfüllten Stadt fand er mehr Ruhe als am 
Hofe und bei dem Heere! Der Herzog von Vendäme hatte einst, 
wie er gesagt hatte, in Anet Gemüse bauen wollen. Auch ihm wurde 
dieser Wunsch bald gewährt! Er hatte die schwere, durch den Herzog 
von Burgund veranlaßte Niederlage von Oudenarde wohl voraus 
gesehen, aber er hatte sie nicht abwenden können. Er kam 
daher dem ihm Seitens der Maintenon drohenden Schlage zuvor. 
Nachdem er die traurigen Reste des Heeres nach Gent geführt 
hatte, schrieb er dem Könige, er bäte um die Erlaubniß, sich zurück 
zuziehen, da Majestät ihn nicht mehr seines Vertrauens würdigte. 
Ludwig willigte ein. So baute denn auch Vendäme einige Jahre 
lang auf seinem reizenden Gute bei Versailles „seinen Kohl," bis 
ihn das Unglück des Vaterlandes bewog, seine kriegerische Thätig 
keit wieder aufzunehmen. Zwei Worte, die einst im Scherze ge 
sprochen worden waren, hatten sich also im Ernste erfüllt. 
Doch ich muß schnell über die Feldzüge des spanischen Erb 
folgekrieges bis zum Schluffe des Jahres 1706 hinwegeilen! 
Durch wichtige Dienstleistungen glaubte ich, mir den Prinzen 
Eugen für immer verbunden zu haben. Ost hatte er mir nach 
kriegerischen Berathungen oder nach rühmlichen Waffenthaten die 
Hand gereicht und mir gesagt, er werde nichts ohne mich oder ohne 
meinen Rath unternehmen. Ich war eine Zeit lang glücklich in 
meinem neuen Dienste, aber freilich — nur eine Zeit lang! Dann 
erwachte immer wieder die strafende Stimme des Gewiffens. „Du 
kämpfst doch gegen dein Vaterland!" rief es in mir. Und dazu 
kam, daß später auch in dem Prinzen Eugen die Eifersucht gegen 
mich erwachte, — eine Leidenschaft, welche bekanntlich alle Gründe, 
die uns zwingen, den Andern zu achten, zum Schweigen bringt. 
Eine an sich unbedeutende, aber folgenschwere Thatsache sollte 
endlich die Entscheidung über meine Lage herbeiführen. 
Turin, die einzige dem mit dem Hause Oesterreich nun ver 
bundenen Herzoge Viktor Amadeus noch gebliebene Veste, wurde 
von den Marschällen la Feuillade und Marsin wie von dem 
Herzoge von Orleans hart bedrängt. Die Kaiserlichen unter Prinz 
Eugen und ihre Verbündeten, namentlich die Preußen unter Leo 
pold von Dessau, versuchten mit großer Thatkraft und mit vielem 
Heldenmuthe den Entsatz. 
Schon seit mehreren Tagen hatte ich im französischen Heere 
etwas wie eine aus Eifersucht der Befehlshaber herstammende Un 
entschlossenheit zu bemerken geglaubt. Ich beschloß, dieselbe bei 
meinem Angriff zu benutzen, d. h. ich nahm mir vor, beim Sturme 
möglichst schnell und energisch vorzugehen. 
Endlich erschien der 7. September 1706. Wir rückten auf 
die Linien der Belagerer los, die Stadt zu entsetzen. Wieder be 
merkte ich drüben bei la Feuillade und Marsin kein einheitliches 
Kommando. Ehe daher noch die Hälfte unseres Heeres den Po 
überschritten, hatte, ging ich zum Angriffe vor. Ich wollte die 
Zeit nützen, ehe der Herzog von Orleans seine Truppen gesammelt 
hätte. Diese Entschlossenheit hat man mir nie verziehen. Ich 
nahm die Brigade „alte Marine" in die Flanke und vernichtete 
sie dann durch einen Frontenangriff. Der Marschall Marsin, mein 
alter Waffenbruder, fiel; der Herzog von Orleans wurde inehr- 
fach verwundet. Natürlich beschloß ich, bis zu den Laufgräben 
vor Turin vorzugehen. Ich ließ daher durch einen Adjutanten 
den Prinzen Eugen um seinen Beistand bitten; aber ich hatte den 
selben nicht einmal nöthig. Die Franzosen ergriffen eiligst die
        
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