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Volume 27. Dezember 1884, Nr. 13

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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und doch keinen Mann; und verliebt wie 'ne junge Mond 
scheinprinzeß! Nein, lieber zehn Wochen die Wölffin, als eine 
Stund' die Karschin! Da haben wir die Bescheerung! Hat 
unsere Frau nun wieder Augen so trüb und Backen so roth, 
daß man meint, sich die Finger d'ran verbrennen zu können. 
Wenn nur die Wölffin wieder da wär', um ihr's glimpflich 
beizubringen, daß unser Herr heute Nacht noch den dämlichen 
Russen nachreisen soll," und sie meint es ganz besonders 
schlau anzufangen, wenn sie sich recht auffällig mit einem un 
gelenken, in Schweinsleder gebundenen Folianten zu schaffen 
macht, „dem getreuen Reisegefährten", den sie sich zu solchem 
Zwecke aus ihres Herrn Bibliothek mit herein gebracht hat. 
„Gereiste Leute wiffen zu erzählen" beginnt sie; „ob man ihnen 
alles glauben darf, ist freilich eine andere Sach'!" 
„Wenn früher Einer auf Reisen ging, da hieß man 
ihn" liest sie, mit dem Finger den Worten des Buches fol 
gend und mit bezeichnendem Blicke auf den eben eintretenden 
Hausherrn, „sich ein Standbüchlein anlegen und sich die Namen 
Aller, die er sich verpflichtet, einschreiben lassen, — vorher 
auch sein Testament machen und den himmlischen Zehrpfennig 
zu sich nehmen, weil man wohl weiß, daß man ausreist, aber 
nicht, ob man wieder heimkommt. Die Nachtreisen soll man 
vor Allem meiden, wegen allerhand Ungelegenheit, auch wegen 
der Irrwisch oder Nachtlichtlein, die manchen verführet. Von 
Gepäck oder Fahrniß nehme man im wohlverschloffenen ReiS- 
trühlein oder Fellis ein Gebet- oder Gesangbuch, ein Tinte- 
faß und Streusand, ein kleines Feuerzeug, Nadel und Faden 
und ein Klöblein oder Schlößlein, etwa an einer übel verwahrten 
Thüre eines Zimmers anzumachen. Kleider nicht zu gering 
und schlecht, daß Einem nicht vornehmer Leute Haus und 
Gespräch verschlossen bleibt." 
„Auch die Schuhe soll man etliche Tage vor der Reise 
austreten, daß man sanfter drin gehe, gegen die Kälte auch 
Sauborsten oder Kleie hineinthun, auch ein Nas'futter und 
Ueberstrümpfe mit Knöpfen nicht vergeffen. Item soll man 
bei der Kälte innerlich Ingwer, Knoblauch und Kalmus an 
wenden, bei grosses Hitze aber einen Krystall-Theriak oder 
einige Pfefferkörner in's Wasser thun, bevor man trinket; auch 
mitnehmen Hirschunschlitt und Rosenzucker wider das Schweißen 
aus der Nasen und gegen den Skorpionen- und Hundebiß, 
dazu ein Messer und ein Gäblein, Zahnstörer und Ohrlöffel, 
einen Kompaß und Perspektiv, dazu Augenbrillen wider den 
Staub nebst einem Sandührlein, so in Messing eingefaßt ist, 
aber kein Schlagührlein, weil solches die Diebe allzuleicht 
finden; auch das Petschaft ist wohl zu verwahren und in 
Kriegs- und Sterbensläuften ein wohlbeglaubigt Zeugniß nicht 
zu vergeffen . . . ." 
„Lest Ihr das Alles für mich?" fragt Gotzkowskh 
lachend. 
Dörthe nickt mit bezeichnendem Blick auf Clara, die zer 
streut eigenen Gedanken nachhängt. 
„Die Karschin hat dich lange unterhalten," redet er 
sie an. 
„Wie viel die Frau auch gelitten hat, sie hat wenigstens 
gelebt," antwortet sie aus ihren Gedanken heraus. „Wir 
sollten mehr dergleichen geistreiche Leute in unser Haus 
ziehen." 
„Geistreich? — wortreich paßt wohl besser, wo Gedanken 
armuth sich hinter Wortreichthum versteckt," scherzt er. 
„Für jetzt bedarfst du der Ruhe; doch wenn 
genesen bist und es dir Freude macht . . . ." 
„Dann machen wir ein offenes Haus" sagt ,»e l 
und erregt; „der Umgang würde mich fördern und zer 
streuen." 
„Nur würdest du dann auch Männern, wie Mendelssohn 
und Lessing, deine Thüre nicht verschließen können." 
„Den Juden? — nein! Und der Herr Lessing scheint 
solch ein Judenfteund . . . ." 
„Nicht mehr vielleicht als der Freund des Königs, der 
Marquis d'Argens; und ihn, wenn er unser Haus durch 
seinen Besuch auszeichnen möchte, würdest du voll Stolz 
empfangen wollen. DÄrgens' berühmte „Jüdische Briefe" 
haben zunächst wohl auf ihn aufmerksam gemacht, daß er nun 
zum Direktor der Berliner Akademie ernannt ist." 
„Geh, ich weiß nicht, was du immer mit den Juden 
willst! Du warst so gut und freundlich, als ich krank 
war . . . ." 
„Ich fürchte, an dieser für dich so grundlosen Abneigung 
wirst du ewig kranken" sagt Gotzkowskh leise. 
„So laß die Differenzen; du heilst mich nicht! — Ist 
Schwester Marie noch nicht zurück?" wendet sie sich fragend 
an Dörthe. „Mit ihr kann ich reden was ich will; auch 
wenn sie anderer Meinung ist, sie reizt mich nie." 
„So ist es mir doppelt leid, nicht bei Euch bleiben zu 
können" tritt Jrie hastig ein; „meine Gegenwart ist an einem 
anderen Orte nöthig." 
„Nicht jetzt" sagt Gotzkowskh bittend „nicht gerade jetzt," 
und er folgt ihr in's Nebenzimmer, in das sie eilig ihre 
Sachen zusammen zu suchen geht. „Ihr seid verletzt! Ihr 
habt gehört, was meine Frau gesprochen hat?" 
„Ich habe gehört, daß mein Mann, geheimer Kund 
schafterei verdächtig, von den Russen aufgegriffen und mit 
fortgeschleppt ist. Sie hätten wohl gleich Standrecht an ihm 
geübt, wenn sie nicht vielleicht von ihm erst zu erkunden 
hofften, was ihnen für ihre Zwecke nützen könnte. Er ist 
leicht geängstigt; ich muß ihn zu finden suchen, vielleicht kann 
ich ihm nützen." 
„Zu den Russen? Unmöglich! Ihr wißt nicht, welchen 
Gefahren Ihr Euch aussetzt!" 
„Keinen größeren, als Ihr!" 
„Aber ich bin ein Mann, und reise als Beauftragter einer 
großen Stadt, die mich zu schützen wissen würde." 
„Und ich muß allen Schutz in mir allein suchen; aber 
ich bin Frau, vergeßt das nicht, Gotzkowskh, und habe als 
solche meine Pflichten. Wir wollen nicht wägen, welches die 
näherliegenden und größeren sind." 
„So reist Ihr wenigstens unter meinem Schutz. Ich 
nehme noch allerlei Waaren mit, feine Gewebe und Schmuck 
sachen, durch die ich mich vielleicht bei den Russen empfehlen 
könnte; es ist hinreichend Platz im Reisewagen: es kann Nie 
mand auffallen und Ihr kommt ungefährdeter und schneller 
an's Ziel . . . ." 
„Mit Erich zusammen die lange Reise? Nein, verlangt 
das nicht! Reist mit Gott! Ich finde allein meinen Weg!" 
Er hat sich vor die Thüre gestellt, ihr den Ausgang zu 
versperren. 
„Ihr reist nicht ohne mich!" sagt er in aufwallender 
Leidenschaft und durch ihren Widerspruch gereizt. „Ein Wort
	        
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