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Periodical volume 27. Dezember 1884, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Gotzkowsky blickt fragenb auf Jrie. „Für längere Be 
suche ist es wohl eigentlich noch zu früh" entgegnet diese. 
Ich muß Eure Frau für einige Stunden verlassen und da 
mag das eigenartige Geplauder jener Frau sie vielleicht zer 
streuen; aufregen kann es sie schwerlich." Und sie verläßt 
vor Gotzkowsky, der die Karschin zu holen geht, schnell das 
Zimmer. 
„Ich muß noch heute zur Reise rüsten" hält er auf dem 
Flur sie auf, während sie doch sichtlich jedes Alleinsein mit 
ihm zu vermeiden strebt- „Hat Schwester Marie kein Lebe 
wohl für mich?" 
„Nur, daß Gott Euch schütze und fröhlich heimkehren 
laste," sagt sie, doch reicht sie ihm nicht die Hand, wie sie 
sonst wohl gethan hat, und mit langem Blicke sieht er ihr 
nach, als sie schnell an ihm vorüber die Treppe hinabeilt, um 
Dörthe, die sich im rüstigen Schaffen für's Haus sichtlich 
wohler fühlt, als im stillen Krankenzimmer, zu beauftragen, 
daß sie die Fremde hereinführe und in ihrer Abwesenheit 
nach der Herrin sehe. 
Im buntfarbigen, durch den Reiftock weitgebauschten 
Seidenkleide, in hochstehendem Haarputze, wie für solchen ersten 
Staatsbesuch geziemt, rauscht die Dichterin ins Zimmer, dessen 
behagliche, wohlhabende Einrichtung sie mit schnellem Blicke 
prüft. Leicht beweglich und schnell orientirt, hat sie nach 
einigen Knixen und überschwenglichen Begrüßungsworten an 
Claras Seite Platz genommen, die sich durch ihre Sprechweise 
und das wechselnde Mienenspiel angeregt fühlt, wie Jrie es 
vorhergesagt, und die sichere Haltung der Frau bewundert, 
die doch in den ärmlichsten Volksschichten aufgewachsen sein soll. 
„Ihr seid zu bewundern," sagt Clara, als die Karschin 
ihr erzählt, daß sie in einer Gesellschaft beim Grafen Mau- 
pertuis gewesen sei, mit Gelehrten wie Ramler und Sulzer, 
im Verkehr mit Dichtern wie Gleim, Lessing, selbst Klopstock 
in Briefwechsel stehe. „Welche Anregung muß Euch aus 
solchem Verkehr erwachsen!" 
„Die Gedanken sind mir genau so gut gekommen, als 
ich nur die drei Kinder meines Stiefvaters zur Gesellschaft hatte 
und kein anderes Buch als den „gehörnten Siegfried" nnd 
die „schöne Melusine" kannte," lacht die Karschin. „Beim 
Grafen Maupertuis ist mir freundschaftlichst 
.... Ein Puterhahn gar auf den Kopf gesprungen, 
Und meine Verse, die blieben ungesungen. 
Die Wohnung des Direktors der hiesigen Akademie, 
Glaubt mir, liebwcrthe Frau, gleicht einer Menagerie! 
Affen, Katzen, Hühner laufen frei darin umher; und keine 
Dame ist sicher, daß ihr nicht ein Vogel den Puder äus dem 
hohen Haarputz pickt. — Was habe ich davon, wenn der 
gute Maupertuis, Doktor Akakia, wie der witzige Herr von 
Voltaire ihn nannte, ein Loch bis in die Mitte der Erde 
gegraben haben will, um die Beschaffenheit des Erdmittel 
punktes zu erforschen, oder eine Stadt gebaut haben möchte, in 
der nur lateinisch gesprochen wird. 
„Die „deutsche Sappho" hat mich der Gleim genannt! 
auf Latein verstehe ich mich nicht!" 
„Zu beneiden seid Ihr dennoch," wiederholt Clara „wie 
abwechselnd fließt Euer Leben dahin!" 
„Ach ja. 
An Wechseln war mein Leben reich, 
An Glück und Liebe nicht zugleich! — 
Soll ich Euch von meinem Leben erzählen, liebwerthe Frau?" 
fragt sie, stets bereit durch Erzählung ihres früheren Geschickes 
auch für ihr künftiges zu interessiren. 
„Nicht wahr, jetzt bin ich nicht mehr so häßlich," plau 
dert sie, als Clara ihr versichert, daß sie ihr mit Vergnügen 
zuhöre, „und als Kind war ich's so sehr, daß selbst meine 
Mutter erschrak." 
Clara schaut auf die sprechenden Angen, das volle 
glänzende Haar und die frische Gesichtsfarbe und kann nicht 
umhin, die Frau intereffant zu finden. 
„Verschüchtert kroch ich unter den Bänken der Wirths- 
stube in unserer Meierei umher, ohne daß sich Jemand um 
mich gekümmert hätte, bis der Vater starb und der Großonkel 
und die Großmutter mich zu sich nahmen." 
„Hatte ich bei der Mutter weder stricken lernen, noch 
mit der Puppe spielen mögen, beim Großvater mochte ich 
lesen und schreiben lernen und in meinen Freistunden mich 
wie ein Junge tummeln, der im Sommer gegen die Nesteln 
im Garten, im Winter mit Erbsen und Bohnen gegen pa- 
pierne Soldaten Krieg führt. 
„Gar Latein wollte der Großonkel mich lehren; als es 
der Großmutter zu bunt war und sie mich zur Mutter zurück 
schickte, damit ich ihr, die sich wieder verheirathet hatte, die 
kleinen Geschwister warte. 
Als ich die Kleinen großgetragen, 
Trieb ich drei Rinder aus die Flur 
Und pries in ineinen Hirtentagen 
Vergnügt die Schönheit der Natur . . . 
während der Stiefvater im Wirthshaus die ganze Wirthschaft 
verjubelte und vertrank. Dennoch 
Bei schwarzem Brod und Wasser aus bem Quell, 
Saß frisches Roth mir aus der Wange; 
Der Morgen fand mein Auge hell 
Und munter meinen Geist zu fröhlichem Gesänge .... 
hatte doch ein günstiger Willdhauch mir auf einem zerriffenen 
Stück Papier die ersten Verse zugeweht und in einem Hirten- 
knaben hatte ich einen Freund, die erste mitempfindende 
Menschenseele gefunden. 
„Kaum konfirmirt, noch an meinem Konfirmationstage 
hatte man mich einen halben Scheffel Weizen dreiviertel 
Stunden weit tragen lasten, wollte die Mutter mich ver- 
heirathen. — Die Mutter des ersten Bewerbers aber wollte 
keine Schwiegertochter, die lesen und gar schreiben konnte. 
Der zweite, ein Weber Hirsekorn, ein stattlicher und fleißiger, 
aber ebenso geiziger nnd jähzorniger Mann, stieß sich wenig 
daran, nur war es ihm verdrießlich, als ich nun seine Frau 
geworden, daß meine Verse nichts Besseres einbrachten, als 
einmal ein paar Eller« halbseidenes Zeug, und meine Bücher, 
über die er mich heimlich brüten traf, flogen eins nach dem 
andern ins Feuer." 
„Abscheulich," sagt Clara, „dem strebenden Geiste die 
einzige Nahrung und Zerstreuung zu entziehen." 
„Nahrung ward ihm dennoch. Die Siege des großen 
Friedrich begeisterten mich und bei der niedrigsten Arbeit 
flatterten mir tausend poetische Bilder durch den Sinn, wes 
halb mein Mann wohl oft zankte, daß ich mehr verderbe, als 
erwerbe. — Vielleicht hatte er ein Mädchen gesehen, das ihm 
bester gefiel, kurz, eines Abends kam er mit einem Räuschchen 
heim, welches ihn sonst immer guten Muthes machte, warf
        
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