Path:
Volume 20. Dezember 1884, Nr. 12

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

182 
mach' ein End' und zeig' mir, wo ich find' einen Unterschlupf? 
Und sag' Niemand, daß du mich gesehen hast hier im 
Haus." 
„Ich will nichts von dir, dein Geld ist Sündengeld! — 
Wohin aus ist mein Mann?" 
„Gieb auf den Goj, dem die Holle sei, und ich sag's 
dir. Weißt ja. Wölfsin, „wer Einen schlägt aus dem Volk 
Israel, deß Stamm soll verdorren und er zu Grunde gehen 
schon auf Erden!" Und er hat mich geschlagen mit seiner 
Ehrlichkeit und mich dem Tottleben verrathen. — Klug 
schelten sie ihn, und ich sag' dir, er ist dumm; aufopfernd 
und er wird nur hinopfern sein Alles, nur weil sein Fürst 
ihn hat genannt einen Marchand patriote! Reich ist er, 
und er soll werden arm, weil der Ephraim es will, daß er 
soll hinausziehen mit dem Stock in der Hand aus der Stadt, 
in der er nu meint. Alles zu bestimmen allein!" 
„Die Angst und deine feige Furcht müssen dir die Sinne 
verwirren! — Sollte je Undank des Mannes Lohn sein, und 
so große Schuld könnte die Stadt und der König nicht auf 
sich laden, — ich, und wie ich würden Viele freudig ihr 
letztes Brod mit ihm theilen!" 
„Du? — Gelt, du bist klug! Bis dahin denkst du erst 
noch zu theilen mit ihm? Hast schon recht, Jrieleb, ihn dir 
noch warm zu halten! Noch gilt er viel; er ist taktif (an- 
gesehen) beim Kommandanten und beim Bürgermeister. 
Könnt' sein, daß du ihn noch brauchen möchtst .... Und ich 
brauch' ihn, brauch' ihn gleich, er muß mich verstecken und 
beim Tottleben für mich sprechen." 
Ein lähmende Angst hält Jrie wie gebannt, daß Ephraim, 
da eben Schritte nahen, an ihr vorüber der dunklen Hausflur 
entlang eilen und die Hintertreppe gewinnen kann. 
„Nicht dort hinauf!" ruft sie ihm nach „dort liegt 
Gotzkowskh's Frau schwer krank darnieder." 
„Erst recht! dort sucht mich Keiner! —Ah, nun versteh' 
ich, weshalb die Wölffin ist hier im Haus!" höhnt er zurück; 
und ehe sic ihn hindern kann, ist er im Dunkel der Treppe 
verschivunden. 
Der Bursche des Adjutanten, der Gotzkowskh sucht, um 
ihn eilig zu seinem Herrn zu bescheiden — ihr kleiner Ben 
jamin dann, der ihr von ihrem Hause Nachricht zu bringen 
kommt, hindern sie, Ephraim zu folgen. 
Der Kleine berichtet, daß die Nachbarin es ihm an 
Nichts fehlen lasse; doch habe die Großmutter, wie er Frau 
Sarah nennt, ihn, als er gegen Abend dort vorübcrgckominen 
sei, hinaufrufen lassen, und gesagt: der Onkel Ephraim sei nicht 
daheim und so lange der Vater, nach dem sie viel gefragt, 
nicht zurück sei, dürfe er zu den Mahlzeiten zu ihr kommen, 
auch bei ihr spielen und schlafen; es sei ihr gar so bang 
allein. 
Jrie küßt und herzt das Kind und freut sich besonders, 
als der früh geweckte Knabe erzählt, er sei soeben dem Moses 
Hirsch auf der Straße begegnet, und da er ihn doch mit 
dem Vater habe fortgehen sehen, sei er ihm nachgelaufen und 
der Hirsch habe gesagt: „Zum Schabbes-Abend werde der 
Vater wohl auch zurück sein." 
Jrie hat ein weißes Tuch, wie ihr es eben zur Hand 
liegt, um Kopf und Nacken geschlungen, um zu größerer 
Sicherheit den Knaben selber die Stufen hinab und ein 
Endchen Weges zu geleiten. Sie sinnt, ob sie nicht besser 
' thue, selber heimzugehen und daheim zu bleiben. Ephraims 
Worte haben sie tief verletzt. 
„Ist das Euer Knabe, Jrie?" fragt Gotzkowskh, der ihr 
im Hausflur begegnet, er kann sich, nun da sie öfter allein mit 
einander reden, nicht entschließen, sie anders als bei dem 
alten Namen nennen, und er hebt den Knaben empor und 
liebkost ihn; und sie fühlt, was sie nie von ihm geglaubt, 
wie er so kinderlieb ist, und bedauert ihn im Herzen, daß 
ihm diese Freude versagt sein soll. 
„Er hat mir Nachricht vom Vater gebracht, daß er zum 
Schabbes heimkommt," sagt sie, um ihn durch ein Aussprechen 
ihrer Gedanken nicht zu betrüben und ihn nicht auch zugleich 
durch die Nachricht über Ephraim zu erschrecken. Wohl fällt 
ihr auf, daß er darauf nicht antwortet; doch er liebkost eben 
den Knaben und so hat sie es weiter nicht Acht. 
„Ihr solltet den Knaben nicht fortlassen, Jrie! Bis 
Euer Mann heimkommt, ist hier Raum für Alle. Willst du 
bei mir bleiben, kleiner Mann?" 
„Zutraulich schmiegt sich der Knabe an ihn; doch Jrie 
beugt sich zu schnellem Abschiedskuß zu ihm herab und legt 
dabei schmeichelnd ihr Wange an die seine: „Nein der Benjamin 
geht heim; er ist bei der Nachbarin gut aufgehoben!" 
Ein heiseres Lachen macht sie zurückfahren und Gotz 
kowskh den Knaben zu Boden setzen. Als ob er von 
Feinden verfolgt werde, stürzt Ephraim an ihnen vorüber; 
dann auf dem oberen Treppenabsätze eine weiße Gestalt im 
langen Nachtkleide, als ob sie ihn verfolge. „Fort aus dem 
Hause, fort! Der Ewige Jude ist's! Fort mit ihm! — 
Grüß deinen Vetter Ahasver, wenn du ihm begegnest. — Ich 
geh' nicht! — nein, mich fängst du nicht!" 
„Sie ist Chosser Deo (wahnsinnig)!" schreit Ephraim 
und ist auf der Straße verschivunden. 
Gotzkowskh voran ist Jrie die Treppen hinaufgeeilt, um 
die Kranke in ihren Armen aufzufangen und sie vor sicherem 
Sturze zu bewahren. 
„Wer bist du?" fragt diese, auf Jrie's weißes Kopftuch 
deutend. „Ah, du bist Schwester Marie! Dil sollst bei mir 
bleiben!" umklammert sie Jrie, „Dörthe schläft und der Jude 
will mich fort holen!" 
„Vermuthlich ist Dörthe, von den langen Nachtwachen 
ermüdet, eingenickt; und Ephraim, der Euch zu suchen kam, 
hat sich ins Zimmer verirrt und durch seinen Eintritt Eure 
Frau erschreckt" erklärt Jrie einfach, als sie mit Gotzkowskh's 
Hülfe die Kranke auf ihr Lager zurückgetragen hat. „Sendet 
meinen Knaben mit einem sicheren Boten heim; ich bleibe hier." 
„Du bleibst .... Ja bleib! Dl» bist stark! flüstert die 
Kranke, als ob sie etwas von der Rede verstanden habe. 
„Nicht tvahr, du läßt den Juden nicht herein? Es ist mein 
Haus; auch die Wölfsin nicht; ich will nicht fort, ich will 
hier bleiben!" 
Gotzkowskh sieht bangend von seiner Fra»l auf Jrie, 
die sich über die Kranke gebeugt hat und sie durch freundlich 
kluges Eingehen auf ihre wirren Reden zu beruhigen scheint, 
Uin sich dann tröstend zu der alten Beschließerin zu wenden, 
die sich gar nicht verzeihen kann, daß die Müdigkeit sie über 
mannte und sie nun Mitschuld hat an dem unseligen Zu 
sammentreffen. „Aber hier bleiben könnt Ihr nicht, Wölffin," 
sagt sie und auch Gotzkowskh sagt dasselbe, als sie dann in 
einem Winkel deS Zimmers flüstemd beisammen stehen.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.