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Periodical volume 20. Dezember 1884, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Eine Rolle neugeprägter Dukaten fällt zu Boden und 
läßt ihren Inhalt über den Teppich rollen. 
„Das Ephraim'sche Zeichen und Siegel!" stößt er mit 
dem Fuße den zerriffenen Umschlag zu Gotzkowsky hin. „Also 
dazu hat das Gesindel Geld; und die Kontribution zusammen 
zu bringen, daran wollen sie verzweifeln!" — 
„Sprich! was verlangt der Jude für den Judas-Lohn 
von dir?" 
„Nur eine Audienz beim Herrn Grafen . . . ." 
„Und — weiter?" 
„Gnade, Exellenz! nichts weiter als einige Auskunft 
über das, was der Herr dort mit dem Herrn Grafen bereden 
möchten . . . 
„Aha, der Jude traut Ihnen nicht, Monsieur. Vielleicht 
wissen Sie etwas von ihm, das ihm schaden möchte? Du 
aber — fort mit dir" stößt er den zitternden Lakai über 
die Schwelle. „Fort mit ihm zum Profoß" ruft er der Wache 
zu. „Zwei Dutzend wohlgemeffener Hiebe ihm aufgezählt und 
ihn dann als Gemeinen in die Montur gesteckt lind ihn nicht 
aus den Augen gelaffen! Pascholl! Fort auf die Wache! — 
Für jetzt kann ich den Schurken nicht heimsenden/ wendet er 
sich zu Gotzkowsky zurück, „wer weiß, was er erlauscht oder 
sich zusammengereimt habm mag! — Eine Wache vor des 
Münzjuden Haus!" ruft er nochmals zur Thüre hinaus „und 
Niemand zum Hause oder zur Stadt ohne meinen besonderen 
Befehl hinaus- oder Hineingelasien!" 
„Das Judenvolk soll erfahren, mit wem es zu thun hat! 
Ihnen aber, Monsieur, meinen Dank; ich sehe, daß Sie nicht 
nur gegen Ihre Landsleute, auch gegen den Feind als Ehren 
mann denken! Und daß der Jude Ihnen nicht traut, beweist 
mir, daß Sie es sind!" 
„Die königliche Gold- und Silbermannufaktur wird nicht 
zerstört werden . . . 
„Dank, Herr Graf! Ich wußte ohnehin, daß Sie 
Wittwen und Waisen nicht um das ihre betrüben würden; 
daß Graf Tottleben nicht vergesien könnte, daß er als Kind 
auf deutschem Boden gespielt, ja, daß er von Geburt doch 
eigentlich ein Deutscher ist!" 
„DaS wußten Sie? Nun mein Name könnte es Ihnen 
schon verrathen haben . . . ." 
„Der Tod und Leben wundersam in sich vereint. Und 
wie Tod und Leben, Glück und Unglück vieler Tausender 
jetzt in Ihre Hand gelegt sind, weiß ich auch, daß Ihnen ihr 
Name allzeit eine Mahnung sein wird, Gerechtigkeit zu üben 
und Gnade für Recht ergehen zu lassen, wo es immer sein 
kann!" 
„Der Münzmeister, Herr Graf, hat Nichts gethan, was 
Andere an seiner Stelle vielleicht nicht auch gethan hätten. 
Als Jude sieht er in seinem Golde das einzigste und sicherste 
Mittel, seine Zwecke zu erreichen." 
„Und seine Zwecke? Der Grund seines Bestechungs- 
versuches?" 
„War vielleicht nur derselbe, der auch der Grund meiner 
wiederholten Audienzversuche ist, der Wunsch — der Stadt 
und dem Lande durch seine Fürbitte oder die Vorschläge, die 
er zu machen kam, zu dienen . . . 
„Das glaubt Monsieur selber nicht!" 
„Nun denn, seinem Mißtrauen gegen mich Ausdruck zu 
geben . . . 
„Oder mich selber mißtrauisch gegen Monsieur zu machen. 
Nun jedenfalls, — ich bin gewarnt!" 
„Ist die Kontribution nicht binnen 24 Stunden ge 
zahlt 
„Sie kann es nicht sein, wenn Excellenz den Ntünzmeister 
persönlich einziehen lasten, — Excellenz schaden sich selbst da 
mit. Das Geld kann nicht beschafft werden, wenn der Jude 
es nicht beschaffen hilft, hier gegen Wechsel leiht, dort gegen 
sicheres Pfand — oft die letzte Habe der Armen, die er vor 
aussichtlich nie wieder auslösen mag — die nöthige Münze 
vorschießt, daß Jeder seinen Antheil an der Kontribution be 
zahlen kann; denn mithelfen muß ein Jeder, oft mehr als er 
vermag!" 
„Ihr König sollte Sie zum Reichsanwalt für seine Länder 
ernennen! In Rußland wenigstens hätte man so viel Un 
eigennützigkeit und Umsicht längst durch Auszeichnungen, Titel 
und Orden belohnt!" 
„Vielleicht, daß Tugenden, die hier für selbstverständlich 
gellen, dort seltener sind. Aber auch hier ist für den, dem 
darnach gelüstet, für 30 000 Thaler ein Grafentitel wohl zu 
kaufen. Ich fühle mich durch das Vertrauen meiner Mit- 
bürger und meines Königs hinreichend geehrt." 
„Und würden keine Anerbieten annehmen, die Sie unserem 
Lande gewinnen möchten?" 
„Keine, Herr Graf! Niein Denken und Wünschen geht 
auf in meinem Lande!" 
„Ich hab' es empfunden. Die Czarin hat befohlen und 
solchen Befehl habe ich überall bekannt gegeben, daß in 
jeder eroberten Provinz den preußischen Unterthanen nur 
Luft und Erde übrig bleiben solle, und was Alles haben 
Sie allein für Ihre Stadt schon erreicht! Für die pünktliche 
und schnelle Zahlung der Kontribution müßte ich nun Sie 
verantwortlich machen, daß mir aus weiterer Nachsicht k, 
Unannehmlichkeiten erwachsen!" 
„Der Mahnung bedarf es nicht, Herr Graf! Ich h„.. 
mich geweigert, mein Haus zur öffentlichen Annahmestelle für 
die Kontributionsgelder der ganzen Stadt zu machen, denn 
auch die Aermeren muffen ihr Scherflein dazu beitragen . . ." 
„Ich habe durch den Adjutanten Brinkmann erfahren, 
daß Ihre Gemahlin krank daruiederliegt." 
„Trotzdem sei es d'rum! . . . ." 
„Gut! doch sollten wider Erwarten binnen vicrundzwanzig 
Stunden — es ist die letzte Frist — die Gelder nicht voll 
beisammen sein, so nehme ich die Juden und Andere als 
Geißeln mit!" 
„Excellenz werden so bald die Stadt nicht verlassen?" 
fragt Gotzkowsky betroffen, daß Ephraim's Kundschaft auch 
hierin zutrifft; seine freudige Ueberraschung aber zu verbergen, 
setzt er schnell hinzu: „die Stadt würde in der Person des Herrn 
Grafen ihres besten Schützers beraubt und jeder Willkür der 
Oesterreicher und Russen preisgegeben sein!" 
„Jedenfalls will ich mit Niemandem," weicht Tottleben aus, 
„als mit Ihnen zu verhandeln haben! Hab' ich Ihr Wort, 
! Monsieur?" 
Sie haben es, Herr Graf — vorausgesetzt, daß auch 
Sie mir" setzt er zögernd hinzu, indem er mit banger Ahnung 
des als Spion gefangenen Israeliten gedenkt, „eine Bitte 
noch zu gute halten wollen, eine kleine Bitte, deren Erfüllung 
hoffentlich nicht einmal nöthig werden wird . . .
        
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