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Periodical volume 13. Dezember 1884, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Pferde scheuen und ausreißen. Des Prinzen Pferdchen, welches 
sonst gar nicht scheuet, folgt den Anderen, und hätte es nicht weit 
gefehlt, daß er übel heruntergekommen wäre. Er ist aber noch mit 
genauer Noth von einem Lakaien ergriffen, da er doch im Herunter 
ziehen ein tvenig auf den Knieen zu sitzen kam. Gott sei dafür 
gedankt, daß es so abging!" 
Am 1. Dezember. „Ich bin mit dem Prinzen in die Bibliothek 
gegangen, wo ein Bürgermeister von Magdeburg genannt Guericke, 
mit allerhand schönen Instrumenten beweisen wollen, 
guock ckotur vaeunm." — 
Die berühmten Versuche des Erfinders der Luftpumpe*) also auch 
in Berlin! — Wir sehen, welch' vielseitiges Interesse der Hof für 
intereffante neue Dinge hatte! — Wunderschön aber ist die folgende 
Stelle des Berichtes: 
Am 24. Dezember. „Weil es der heilige Abend gewesen, hat 
der Prinz Urlaub gehabt. Um vier haben wir zusammen nebst 
Prinz Friedrich Wcihnachtsgesänge gesungen! um fünf sind die 
kurfürstlichen Kinder mit beiden Eltern in mein Gemach gekommen, 
da die Weihnachtsgeschenke hingelegt gewesen, und hat sich ein 
Jeder sehr verwundert, daß der Kurprinz alle anderen schönen 
Sachen nicht angesehen, sondern zu dem Küraß mit Freuden ge 
sprungen und solchen sofort angeleget; hernach hat er Vater und 
Mutter gedankt." — 
Sehr ernst beginnt das Jahr 1664. Die Kurfürstin war 
erkrankt; Schwerin leitete den Hausgottesdienst. Es ist ein tief 
ergreifendes Bild, diesen geistig so hochstehenden Edelmann mit der 
vollendeten Würde der Haltung und den vornehmen, unmuthigen 
Zügen, — Schwerin war ein sehr schöner Mann, — vor dem 
Krankenlager der Kursürstin sitzen zu sehen, wie er der hohen 
Frau und ihren Kindern das schlichte Wort irgend einer Postille 
vorträgt! — 
Karl Aemil besaß einen ungemein feurigen, äußerst schwer zu 
bändigenden Charakter. Wir begegnen in dem Erziehungsjournale 
oftmals Zügen, welche uns überraschen und fast bestürzt machen. 
Am 3. März 1664 heißt es z. B.: „Weil der Prinz nicht 
alleine jetzt, sondern auch öfters zuvor sich sogar ohne Respeckt 
gegen Ihre Kurf. Durch!, erzeigt, habe ich ihm deshalb ziemlich 
zugesprochen, ist auch von der Kurfürstin ermahnet worden, worüber 
der Prinz geweint und Besserung versprochen." 
Am 22. April geht es also weiter fort: „Der Prinz hat sich 
auf den Pagen Ravilliogcs erzürnt, denselben mit dem Bogen 
geschossen und etwas in der Backe verletzet. Als mir nun 
Solches berichtet, habe ich den Prinzen sehr ernstlich angeredet, 
worauf er sofort aus die Kniee gefallen, geweint, seinen Fehler 
erkannt und überaus wehmüthig um Vergebung gebeten ... Ich 
habe doch nach der Ruthe geschickt, ihm all' seine Bogen und 
Pfeile genommen und verschloffen. Die Ruthe ist ihm aus sein 
kräftiges Bitten geschenkt, der Bogen aber erst nach vier Tagen 
wiedergegeben. Das Studiren ist bei dem vielen Weinen diesen 
Nachmittag etwas schlecht gewesen. Bei dem Abendgebet habe ich 
ihm seinen Fehler abermals vorgehalten und ihn ermahnt, daß er 
Gott denselben abbitten solle." — 
So großartig Schwerin seinen Beruf aber auch auffaßte: so 
eng und gebunden erscheinen uns manchmal die Verhältnisse in dem 
Schlosse zu Kölln a. d. Spree im Lichte dieser Aufzeichnungen! Da 
heißt es z. B.: 
Am 23. Mai 1664. „Der Kurfürst hat dem Prinzen einen 
Verweis gegeben, daß er so unreinlich an der Tafel gegessen." 
Am 17. August deffelben Jahres: „Diesen Tag sind dem 
Prinzen die Haare wieder „bei wachsendem Monde" ganz ab 
geschoren und eine Perruque ausgesetzt worden." — „Am 19. ist 
*) Anni. b. 3leb.: Die hier erwähnten Instrumente bes Bürger 
meisters von Magdeburg befinden sich noch heute in der Königl. Bibliothek. 
nach dem Esten ein Offizier aus der ungarischen Armee zum Prinzen 
gekommen und hat ein türkisch Pferd präsentirt." 
Am 28. März 1665. „Die Nacht war der Prinz, wie er des 
Abends begehrt, aufgestanden, um den Kometen zu sehen." 
Am 26. April 1665: „Es haben einige Franzosen mit Ma 
rionetten in des Prinzen Tafelstube gespielt, wo die Kursürstin und 
andere fürstliche Personen auch zugesehen." 
Am 22. Mai zu Alt-Landsberg: „Nach der Predigt in die 
Stadt gegangen, weil eben Jahrmarkt gehalten. Nach dem Essen 
ist der Prinz wieder auf den Jahrmarkt gegangen und allerhand 
Sachen selbst ausgesucht, auch selbst bedungen und gekauft. Um vier 
sind wir nach Eckersdorf gefahren, dort unter einer Linde gegessen; 
nachher hat der Prinz nach Vögeln geschossen. Und schon wieder 
ein Vergehen! „Als der Herr Stephani gekommen, hat sich der 
Prinz nicht enthalten können, eine große Aversion gegen das Stu 
diren, wie er sonst nie gethan, zu bezeigen, und mit großer Heftig 
keit geklagt, daß er so geplaget würde. Ich habe ihm gütlich zu 
geredet, und weil viele Leute dabei gewesen, nicht hart bestrafen 
wollen. Der Prinz aber blieb bei seiner Meinung und weil eben 
ein hartes Wetter aufgestiegen, habe ich mich dessen gebraucht 
und angezeiget, daß Gott über solche seiner Reden erzürnt wäre." — 
Allein nicht der Eigensinn Karl Aemils und die Fülle seiner 
Amtsgeschäfte machte den edlen Herrn von Schwerin manchmal 
recht müde; — was lag doch sonst noch alles aus seinen Schul 
tern! Er hatte jedes Vergnügen für die fürstlichen Kinder zu 
arrangiren. Bald fährt er mit ihnen auf's Feld, um den Arbeitern 
bei der Ernte zuzuschauen; bald läßt er hier, bald dort die Stücke 
lösen; er muß die kleinen militärischen Uebungen der Prinzen leiten, 
große Reisen unternehmen trotz all seiner Geschäfte, jeden Zweig 
des Unterrichts überwachen, beständig repetiren, Zeichnen, Schanzen 
erbauen und neue Spiele erfinden: z. B. ein Glücksspiel, ein 
Brett mit sieben Löchern, ein jedes anders gezeichnet; „auf einigen 
ist als Gewinn Geld gesetzt, auf einigen wurde Geld gezahlt und 
auf den andern mußte, je nachdem die Kugel siel, ein lateinischer 
Vers recitirt werden!" An unangenehmen Auftritten aber fehlt 
es bekanntlich niemals in dein sorgenvollen Dasein eines Prinzen 
erziehers. So heißt es unter dem 1. April 1666: 
„Zu den Eltern gegangen, wo die Prinzen allerhand Kurz 
weil mit Aprilschicken gehabt. — Den 5. nach dem Essen haben 
sie in der Kammer gespielt, und weil sic es ein wenig zu grob 
gemacht, insonderheit mit den Frauen, so hat mich meine Tochter, 
die Frau von Blumenthal, gerufen. Daher ich den Prinzen einen 
kleinen Verweis gegeben." — Karl Aemil faßte daraus einen 
heftigen Groll gegen Frau von Blumentbal; ja, er bedrohte sie 
mit dem Messer! Schwerin fährt fort: „Wie ich nun eben aus 
dem Rathe gekommen und diese Dcsordrc gesehen, habe ich mir 
alles erzählen lassen, bin alsdann hinübergegangcn und habe 
S. K. D. alles referirt." Die Folge war, daß dem Kurprinzen 
der Degen abgenommen und ein Messer, welches er sehr liebte, 
zerbrochen und zum Fenster hinausgeworfen wurde, „ungeachtet 
er sehr dagegen gethan." — Diesmal war die Strafe eine sehr 
energische; erst nach vier Tagen erhielt der Kurprinz, nachdem er 
vor den Eltern einen Fußfall gethan hatte seinen Degen zurück. — 
Wie abergläubisch aber selbst die Besten der Zeit noch waren, 
das sehen wir klar aus einer Notiz vom 25. August 1666. Es 
heißt hier: 
„Da dies der Tag, da dem Kurprinzen ein Unglück von 
einem Astrologen angedeutet, haben S. K. D. ihn nicht ausgehen 
lasten wollen. Was aber um so merkwürdiger ist: daß an dem 
selben Tage Edelleute mit ihren Pferden gestürzet sind, von denen 
einer ohne Hoffnung darnicderliegt." — 
Gerade in diesem Jahre scheint das Leben der Prinzen in 
Folge größerer Reisen nach dem Westen der brandcnburgischen 
Staaten und niannigfacher Festlichkeiten ein äußerst bewegtes ge-
        
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