Path:
Periodical volume 13. Dezember 1884, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 11.1885

167 
geben und meine Verdienste gehörig berücksichtigen. Es ist schlimm 
genug, daß ich so lange ein Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes 
gewesen bin, ohne es selbst zu wissen." 
„Da kommt der Alte!" rief der andere junge Mann, der an 
das Fenster getreten war. 
„Dann entschuldigen Sie!" sagte der Fremde, sich rasch er 
hebend. 
„Wo wollen Sie hin?" fragte Ludwig Wiehl und hielt den 
Eilfertigen am Arm zrirück. 
„Ihm entgegen gehe»! Ihm meinen Dank aussprcchen für 
das große Geschenk, das er mir ohne zu wissen gemacht." 
„Damit würden Sic Alles verderben. Er würde Ihnen nicht 
ein Wort entgegnen und Ihnen soweit als möglich ausweichen. 
Wenn Sie mit ihm sprechen wollen, müssen Sie ja nicht das Wort 
an ihn richten." 
„Aber ich bitte Sie!" 
„Verlassen Sie sich auf uns. Man muß ihn ruhig gehen j 
lasse». Drängt man sich an ihn, argwöhnt er eine Absicht, und 
ist verstimmt. Uebcrläßt man ihn sich selbst, wird ihm die Ein 
samkeit bald unerträglich." 
„Er ist ins Haus gegangen!" rapportirte der vom Fenster her. 
„Dann thun Sie nrir den Gefallen und sehen Sic sich nicht 
nach ihm uin. Desto eher ist er unser." 
Die Thür öffnete sich. Trotz der warmen Junisonne trug 
Meister Dcvricnt einen braunen Mantel. Den Hut hatte er tief in 
die Stirn gedrückt. Er sah weder rechts noch links, und schritt un 
hörbar durch das Zimmer. Einer der Kellner eilte ihm »ach. 
Meister Ludwig legte Hut und Mantel ab, ließ sich, merklich ab 
gespannt, auf einen Stuhl nieder und fuhr träumerisch mit der 
Hand durch die vollen Locken. Dann blinzle er den Kellner mit 
seinen kohlschwarze» Augen an und rief: 
„Wein und Zucker!" 
„Gleich, Herr! Gleich!" cntgcgnetc Jener und eilte davon. 
Bei dieser befreundeten Erinnerung spielte ein flüchtiges Lächeln 
um Meister Ludwigs Lippen. Dann sank er wieder in sein voriges 
Schweigen zurück. 
In der andern Stube war es lebhafter geworden. Die Be 
weglichkeit, die Ludwig Wiehl entfaltete, hatte bald die vereinzelten 
Gäste zu cinein gemeinsamen Zechgelage vereint. An ein unter 
haltendes, oder gar belehrendes Gespräch war nicht zu denken. 
Einzelne pikante Reden, Witze und Scherze flogen hin und her, 
gleich den Federbällen, wonach beim Spiel Jeder hascht und die 
Allen über die Köpfe wegfliegen. 
Da rief eine Stimme über den Tisch hin: „Sage nur Einer, 
was der Waucr aus dem Fenster zu gaffen hat? Wauer! Was 
giebt cs draußen?" 
Der Künstler wandte das volle Gesicht mit dein endlosen 
Sonnenschein zu der Tafelrunde und sagte lachend: 
„Ich sehe mir den vereinsamten Maurergesellen drüben auf 
dem Bau an, der sich vergebens abmüht, eine Prise zu nehmen. 
Ha! Ha! Ha! Es ist possirlich anzusehen. Ha! Ha! Ha!" 
Die ganze Tafelrunde drängte nach dem Fenster. Jeder 
wollte den Maurergesellen auf dem Gerüst eine Prise nehmen 
sehen. Die Vordersten lachten und die Hintersten, die gar nichts 
sahe», lachten noch ärger. Die Kleinen kletterten aus die Stühle. 
Man schob die Tische seitwärts. Gläser und Flaschen kamen in 
Gefahr. 
„Nun sängt er wieder von vorne an!" rief eine Stimme vom 
Fenster her. 
„Und ich trinke eine ganze Flasche Champagner leer, ehe der 
Kerl fertig wird!" sagte eine tönende Stimme. 
Die ganze Fenstergesellschaft stob auseinander und gewahrte 
Ludwig Dcvricnt, der mit lachenden Augen an den Tisch trat. 
Ein Beifallsjubel flog ihm entgegen. Der Fremde, der so 
entzückt von dem Spiele des großen Künstlers war, eilte herbei 
und sagte dienstfertig: 
„Erlauben Sie mir, daß ich Sie bedienen darf." 
Er entkvrkte eine neue Flasche und füllte ein Glas, das De- 
vrient mit einem Zuge leerte. 
„Jetzt hält er die Dose prüfend zwischen den Fingern!" sagte 
Waucr lachend. 
„Zwei!" sagte der Fremde, der das Glas abermals gefüllt 
hatte und andeuten wollte, wie weit Meister Ludwig mit seiner 
Flasche gekommen sei. 
„Er klopft mit dem Finger auf den Deckel!" 
„Drei!" ries der Fremde. 
„Er hört wieder auf!" berichtete die Wache am Fenster. „Zur 
Erholung sieht er in den blauen Himmel." 
„Und denkt dabei an den andern „blauen Himmel," wo er 
heute Abend Holz kriegt, das in keinem Ofen brennt," lachte 
Wiehl. 
„Vier!" rief der Fremde. 
„Maurers Blick schwebt erdenwärts!" meldete die treue 
Fensterwacht. „Er greift aufs Neue zu den Waffen! Gleich fängt 
er an!" 
„Er fängt nicht an!" 
„Doch! Ich wette eine Flasche!" 
„Und ich zwei dagegen!" 
Macht drei!" sagte lustig Wiehl. „Wilhelm! Drei Flaschen 
Geldermann und Deutz." 
„Fünf!" rief der Fremde. 
„Hurrah!" schallte es vom Fenster her. „Der Deckel fliegt 
auf!" 
„Und die Finger greisen hinein." 
„O weh! das geht schief!" 
„Er setzt wieder ab!" 
„Und der Dcvricnt setzt wieder an!" 
„Die Flasche ist leer!" ries der Fremde. 
„Und die Prise ist noch nicht genommen!" entgegnete fröhlich 
Ludwig Wiehl. 
Der Zweck >var erreicht. Die Gesellschaft zog sich vom Fenster 
zurück und ordnete sich um den Tisch. Das Gespräch nahm den 
Charakter äußerster Lebhaftigkeit an. Die Wolke von der Stirn 
des Altmeisters war völlig verschwunden. Er saß, behaglich lächelnd, 
am obersten Ende des Tisches und schwatzte gemüthlich mit dem 
Fremden, der ihm in bescheidene» Worten seine Huldigungen dar 
brachte, und dann bekannte, daß das Borurthcil, welches er früher 
gegen die Schauspielkunst gehegt, völlig verschwunden sei. 
„Ich habe diese Kunst vorher nicht gekannt!" setzte er hinzu. 
„Sic haben mir das Verständniß derselben erschlossen; und nun 
mir die Binde von den Augen genommen ist, will ich auch zeigen, 
daß ich cs verdiene, sehend geworden zu sein." 
Der Meister, der diese Aeußerung nicht ganz verstand, sah 
seinen "Nachbar fragend an. Dieser, der sich als ein Gutsbesitzer, 
"Namens Bergheim, kund gegeben hatte, fuhr fort: 
„Wir haben zähe Naturen in unserer Familie, die nicht leicht 
von einer vorgefaßten Meinung lassen. Ich war einer der Hart 
näckigsten. Aber von heute ab bin ich bekehrt, und Sie haben es 
veranlaßt." 
„Wenn dies der Fall ist," entgegnete Meister Ludwig ernst, 
„so danken Sie das allein der Kunst. Ich bin nur der treue 
Diener meiner Herrin und werde mir nie ein Verdienst anmaßen, 
das ihr allein gebührt." 
„Doppelt fühle ich mich Ihnen gegenüber zum Dank ver 
pflichtet," sagte Jener. „Früher galten mir Schauspieler, Seil 
tänzer und Luftspringer fast für Eins und Dasselbe. Ich halte 
diese Gesinnungen gleichsam mit der Muttermilch eingesogen. 
Später lernte ich zwar einen Unterschied kennen, aber immer war
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.