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Periodical volume 13. Dezember 1884, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Und in dein guten oder schlechten Klang des Namens, 
den er ihnen hinterläßt! Vergeht nicht, Ephraim, daß Euer 
Nanie an eine, wenn auch schwere, doch bedeutungsvolle Zeit 
knüpft. Und so lange König Friedrichs und seiner Kriege 
gedacht wird, so lange wird auch der Name Ephraim als des 
königlichen Münzmcisters unvergessen sein und sich auf Kind 
und Kindeskind vererben, je nachdem er seinem Lande, dem 
Lande, in dem er, obschon sein Vater und seines Vaters Vater 
darin gebore», kein Vaterland sehen will — zu einem Fluche 
oder Segen ward." 
Der Israelit klainmert sich mehr als ein Anderer an die 
Hoffnung seines Fortlebens in seinen Kindern, schon dem 
Erzvater Abraham wird als höchster Segen die Verheißung, 
daß seine Nachkommen sollen werden wie der Sand am Meer 
und am Schluß der mosaischen Zehn Gebote wird Allen die 
Verheißung, daß jede Uebcrtretung gestraft werden solle bis ins 
dritte und vierte Glied; gesegnet aber bis ins tausendste Glied 
sollen sein die Nachkommen derer, die diese Gebote hallen. 
Vielleicht denkt auch Ephraim daran, den es bei Gotz- 
kowslh's Mahnung eigenartig durchschauert; obgleich er seine 
Erregung durch kein Wort, kein Zucken seines Gesichtes verräth. 
„Schade, daß der Herr Gotzkowskh keine Kinder hat" 
sagt er mit spöttischem Seitenblick; doch sich schnell des An 
lasses erinnernd, der ihn zu dem Kaufherrn geführt hat, lenkt 
er geschmeidig das Gespräch darauf zurück. 
„Zeit ist Geld, Herr, und wir verplatidern werthvolle 
Zeit! Zeit gewonnen. Alles gewonnen! Auch beim Tollleben 
heißt es jetzt für uns nur Zeit gewinnen." 
„Solltet ihm sagen, wenn Ihr jetzt doch zu ihm geht, > 
daß es der Stadt nicht inöglich wär', aufzubringen in so 
kurzer Zeit so vieles baares Geld in guter alter Münz, wie 
wir's ihm doch gerne geben wollten, und daß er sich besser 
ständ' bei sicheren Wechseln, die wir ihm gleich morgen geben 
könnten luid dazu auf jeden Wechsel ein Extra-Scheinchen für 
sich. — Geld bleibt Geld und Papier bleibt Papier," lacht 
er verschmitzt. 
„Nu, will er daraus eingehen, ist's seine Sach'; ob ivir 
sie einlösen wollen, ist die unsere!" 
„Und die Namen Aller, die unter den Wechseln stehen?" 
„Lassen wir sie stehen, wenn wir sie nur nimmer wieder 
sehen." 
„Da dürften wir auch schwerlich je die Geißeln widelsehcn, 
die Graf Tottleben schon jetzt zur Bürgschaft für unsere ! 
sichere Zahlung verlangt. In den Eisfeldern Sibiriens oder 
den russischen Bergwerken dürften sich so leicht keine neuen 
Schätze sammeln lassen." 
„Geht, Ihr treibt heute ein wunderlich Gespaß!" zuckt 
Ephraim zusammen. 
„So laßt mich annehme», daß auch Ihr nur gescherzt 
habt, als Ihr meintet, Gotzkowskh's Name — und wie er 
denken Viele in nuferer Stadt — unter einer Bürgschaft zu 
sehen, die einzulösen er nicht Gut und Blut daran setzen 
würde." 
„Gehabt Euch wohl! Ich gehe zum Grafen Tottleben!" 
„Thor, der ich war, daß ich glaubt' ihn mir können zu 
gewinnen!" schaut Ephraim ihm nach. „Soll schon kommen 
der Tag, wo wir hallen Abrechnung mit einander. Für den 
heutigen Tag schreib' ich ihm ein neu Konto ins Buch!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Ein Morgcnstündchen bei Lutter. 
Eine Devrientnovclle von /irinrirfi Smiisl.*) 
Ein kleines freundliches Bürschchen trat in die Weinstube bei 
Lutter. Der erste Flaum sproßte ihm um das Kinn. Der Schalk 
lachte ihm aus den Augen. 
„Famos!" ries er einem andern jungen Manne zu, der sich 
in die Tiefe eines Achtels Rothwein versenkte. „Famos hat der 
Alte gestern gespielt: 
Nun ward der Winter unsres Mißvergnügens 
Glorreicher Sommer durch die Sonne Jorks! 
Ich war eben bei ihm und schüttete meine Begeisterung vor 
ihm aus. Er fuhr mich an und sagte: Ich solle zum Teufel 
gehen. Prachtvoller Kerl das!" 
„Siehe da!" sagte der Andere, das leere Glas beiseite schiebend. 
„Einer der beiden Ludwige." 
„Sage vielmehr, der kleine Schatten des großen Meisters," 
entgegnete Jener. „Ich und Er ! Ludwig Devrient und Ludwig 
Wiehl! Es wäre zum Todtlachen, wenn es nicht so bitter schnieckle. 
Aber, was ist das? Du spielst mit einem leeren Glase? Was be 
deutet das?" 
„Im letzten Mond des Vierteljahrs 
An einem heißen Tage war's . . . ." 
„Ja so!" unterbrach Ludwig Wiehl den Sänger lachend. 
„Ich weiß schon. Du hast all dein Lebtage kein Geld in der 
Tasche. Darum bist Du dem Alten samos ähnlich. Sehe schon, 
daß ich heute einmal wieder aushelsen muß. Heda! Wilhelm! 
Eine Flasche Lafitte und anschreiben." 
Die beiden muthwilligen Gesellen lachten hell auf und riefen 
wiederholt nach dem bestellten Wein, als sich ihnen ein einfacher 
Mann mit freundlichem Gruße näherte. 
„Du!" flüsterte Wiehl seinem Genossen zu. „Das ist der Wohl 
thäter von gestern. Es war ein famoser Satz. Und dazu voll 
ständig improvisirt." 
„Und doch so geistreich!" entgegnete Jener, ebenfalls leise. 
„Dir lvird ein solches Impromptu nie gelingen." Dann setzte er 
laut hinzu: „Aber siehst Du denn nicht, daß der Herr sich hier 
niederlassen will?" 
Der Fremde setzte sich und sagte: „Ich muß Ihnen als ein 
unzuverlässiger Mann erscheinen, weil ich gestern erklärte, ich würde 
heute in der Frühe abreisen, und nun doch noch hier bin. Aber 
die gestrige Vorstellung im Königlichen Schauspielhause hat mich 
so aufgeregt, daß ich nicht in den Wagen steigen kann, ohne den 
herrlichen Meister, der mich gestern so tief erschütterte, gesehen 
und ihm, wo inöglich, meinen Dank ausgesprochen zu haben." 
Der Kellner hatte, auf einen Wink des Fremden, den Tisch, 
statt mit angeschriebenem Lafitte, mit bezahltem Champagner be 
setzt. Der Fremde aber sagte: 
„Kommen Sie, meine Herren! Lassen Sie uns nochmals aus 
das Wohl dieses großen Künstlers trinken, dem Gott eine solche 
Gewalt über das menschliche Herz verliehen hat. Ich wenigstens 
gestehe, daß er mich ganz und gar umwandelte. Sechs Mal habe 
ich ihn jetzt gesehen. Jedes Mal stellte er einen andern Charakter 
dar und jedes Mal war dieser Charakter ein vollendetes Meister 
werk. Ich gestehe, daß ich früher die Schauspielkunst als eine un 
sittliche Gaukelei verachtet habe. Aber dieser große Mann hat 
mich bald auf andere Gedanken gebracht." 
„Es ist samos, wozu wir Schauspieler Alles berufen sind!" sagte 
der kleine Schatten des großen Meisters und schlürfte behaglich 
den Champagnerschaum von dem frisch gefüllten Glase. „Man 
bekommt eine ganz andere Meinung von sich. Habe mich bisher 
nur so gehen lassen. Aber jetzt will ich auch besser auf mich Acht 
*) Aus der bei Gebrüder Paetel erschienenen Sammlung.
        
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