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Volume 13. Dezember 1884, Nr. 11

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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keine Ehre!" und er will zur Straßenecke hinüber, wo eben 
ein Dragoner mit der flachen Säbelklinge einen schmächtigen, 
erschöpft zurückbleibenden Knaben bedroht, um ihn zu schnelleren 
Schritten anzutreiben. 
„Vergeht nicht, daß es ein künftiger preußischer Offizier 
ist, an dem Ihr Euch vergreifen wollt!" springt Gotzkowsky 
dazwischen. „Ein Schlag, eine einzige Rohheit, so lange 
mein Blick Euch verfolgen kann, und ich ruh' nicht, bis Graf 
Tottleben zum Schutze der Kinder Euch seine Kosackeir nach 
schickt! Wie rücksichtslos er jede Ausschreitung zu strafen weiß, 
das könntet Ihr tviffen!" 
„Graf Tottleben?" lacht der Dragoner roh. „Wir sind 
keine Russen" und er zeigt nicht übel Lust, nun auf Gotzkowsky 
einzudringen. 
„Rein, Brühl'sche Jäger feid Ihr, Deutsche wie wir" 
weicht Gotzkowsky um keinen Schritt zurück, „und schämt Euch 
nicht, an deutschen Kinderir Eure Rohheit auszulassen? Aber 
Rächer werdet Ihr Euch in ihnen heranziehen, die nicht ruhen 
werden, bis auch an Eurem Lande die Schmach gerächt ist, 
die ihr jetzt ungestraft dem unsern glaubt anthun zu dürfen!'. 
Fluchend tritt der Dragoner zurück, da ein Wink seines 
Offiziers ihn zu diesem heranruft. 
„Muth, Kadetten!" ruft Gotzkowsky leise den Vorüber 
ziehenden zu. „Der König ist nicht mehr fern! So Gott 
will, sehen wir Euch bald wieder!" 
„Hurrah, der König!" rufen die Knaben und die 
Wüthigsten stimmen ein kriegerisches Marschlied an, bis ihnen 
die begleitenden Sergeanten unwillig Schweigen gebieten. 
„Geht! Sprecht für uns, Herr Gotzkowsky, sagt dem 
rn Grafen, daß wir wollen zahlen Alles, was er kann 
angen; nur soll er uns nicht lassen fortschleppen von den 
Dragonern und Kosacken" umschmeichelt Jtzig den Kaufherrn 
als dieser wieder in seine Nähe kommt. 
„Wegen des Potsdamer Waisenhauses werde ich zuerst 
und vor Allem des Grafen Schutz erbitten müssen. Gott 
weiß, auf welche Rohheiten die österreichischen Dragoner selbst 
gegen Waisen verfallen könnten!" Ephraim hat sich still 
nachdenkend im Hintergründe gehalten. „Laßt ihn gehen, 
Jtzig," flüstert er seinem Associe zu, „'s ist für die Gold- 
und Silbermannufaktur, das er sprechen will. Bringt sie doch 
ein 200 000 Thaler für die Tressen und Flitter, und haben 
wir's doch geplant, wie wir sie möchten nehmen in Erbpacht! 
Recht so, Herr Gotzkowsky, geht, bittet für die armen Wais- 
lein! Aber" hält er flüsternd den Forteilenden zurück, „laßt's 
den Grafen nicht merken, daß ihr d'rum wißt, wie ihm der 
Boden hier schier wird zu heiß unter den Füßen! Der 
Ephraim weiß, was er weiß! Und er meint nu, ob's nicht 
wär' klüger hinzuhalten den Grafen, haben wir doch lang 
noch nicht zusammen die 1 % Millionen für die Kontribution, 
kaum die 200 000 Thaler, die wir sollen zahlen, daß sie nicht 
haben gehaust in unserer Stadt, wie sie's haben gethan unter 
den Bauern in Schöneberg und zu Schönhausen in der Kö 
nigin Schloß und zu Charlottenburg, wo sie im Park selbst 
abgehauen den Figuren die marmornen Köpfe und Beine, 
weil sie „uns selber" noch sie mußten lassen d'ran sitzen." 
„So mein' ich, der König möcht' sein böse, wenn er 
kommt, daß wir nicht haben hingehalten die Zahlung und 
lassen gehen all' das schöne Geld aus dem Land." 
Gotzkowsky schaut betroffen vor sich nieder. „Rein" sagt 
er entschlossen, „wir haben dem Grafen unser Wort gegeben, 
daß die Gelder ungesäumt beschafft werden, und ein ehrlicher 
Mann hält auch dem Feinde sein Wort!" 
„Kann ich nicht verstehen die Ehrlichkeit! Wird sie auch 
der König nicht wollen verstehen!" 
„Ehrlich kommt her von Ehre, Ephraim!" 
„Was thu' ich jetzt noch mit der Ehre? Kann ich sie 
doch nicht essen, noch gehen ins Komtoir und lassen sie mir 
wechseln? Unehr' ist's, wenn Einer kein Geld hat! Und die 
Unehr' wird kommen über die ganze Stadt, weil Ihr »u 
meint, sie müßt' handeln allzu ehrlich, selbst gegen den Feind, 
der uns doch auch hat gethan keine Ehre damit, daß er ist 
gekommen in unsere Stadt!" 
„Und wie denkt Ihr, daß sich Graf Tottleben möchte 
hinhalten lassen?" fragt Gotzkowsky, obgleich innerlich von 
der Denkweise des Juden angewidert, doch wieder auch be 
troffen durch die neuen Gesichtspunkte, die dieser ihm er 
öffnet hat. 
„Geben wir ihm zuerst, was er hat gefordert für sich 
selbst 
„Für sein Corps meint Ihr . . . ." 
„Ist dasselbe! wird er doch nicht abgeben, als was er 
wird wollen abgeben; weiß hernach doch Keiner, was gekriegt 
hat der Andere." 
„Und dann?" 
„Pah! Ist satt die Katze, läßt sie wohl entschlüpfen die 
Mäuslein! Ist er satt, wird er so arg nicht mehr drängen 
um die Kontribution. Mittlerweil kommen zurück die Kund 
schafter, die ich hab' hinausgeschickt mit dem Stock und dem 
Bündel, als wären sie unnütze Brodfresser, die sie nicht länger 
wollten dulden in der Stadt. Und die Feind' haben sie ge 
lassen hindurch, und sie werden schon herausbringen, ob's ist 
wahr, daß der König heranzieht, und in wie viel Tagen er 
kann heran sein. Ist doch d'runter der Moses Hirsch, der 
da macht sein Späßchen mit Jedermann, und der Daniel 
Zacharias . . . ." 
„Der Wolff?" fragt Gotzkowsky erschreckt, „der Mann 
der Jrie Wolff?" 
„Habt Ihr sie noch nicht vergessen von der Hochzeit her?" 
fragt Ephraim geschmeichelt. „Hab's mir lassen kosten ein 
groß Stück Geld um sie, damals und auch später und was 
ist mir geworden für Dank?" 
„Ich glaubte, Ihr ständet in keinen Beziehungen mehr 
mit dem Wolff? . . . ." 
„Kommt nichts heraus im Geschäft mit den kleinen 
Leuten. Ist nichts zu verdienen an ihnen; wollen immer nur 
verdienen an uns! Aber der Daniel ist doch mal aufgewachsen 
im Ephraim'schen Haus und weiß, wie ich's will; und wenn's 
die Jrie nicht merkt, gönn' ich ihm schon noch einen kleinen 
Verdienst." 
„Bei einem Wagniß, wie Ihr es jetzt von ihm fordert, 
setzt er sein Leben auf's Spiel." > 
„Spielen wir um unser Leben doch manchen Tag" lacht der 
Jude; „und hat der Arme doch weiter nichts einzusetzen! 
Studirt ist der Daniel nicht, wie die Jrie, die allen Juden 
hinter die Karten guckt und in Sprachen plappert, wie 'ne 
Elster; knapp, daß er weiß, was ist Debit und Kredit. — 
Ru, trägt er jetzt auch wohl oft ein Debit ein in sein Buch, 
kommt er um bei der Geschicht', ist's doch" er streift Gotz-
	        
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