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Volume 6. Dezember 1884, Nr. 10

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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So reiste ich also mit dem liebenswürdigen Fürsten vom 
Kriegsschauplätze ab. In Lyon auf der Place Bellecour trafen 
wir durchaus unverhofft mit Catinat zusammen. Seine Freude, 
mich zu sehen, war eine außerordentliche; — er umarmte mich vor 
allem Volke. Doch sogleich ging der Marschall zu ernsten Dingen 
über. „Sie tragen", so fragte er, „noch immer das Mißgeschick, 
der frommsten Frau in Frankreich zu mißfallen?" — „Leider bin 
ich unverbesserlich!" erwiderte ich. „Ich muß der Dame doch 
wohl Ursach geben, mich so glühend heiß zu Haffen!" — „Sie 
geben ihren Freunden aber auch Grund, Sie zu bewundern!" ent- 
gegnete der Marschall. „Freilich, — was nützen Heldenthaten 
unter dem Regime der hassenswerthen Maintenon!" Vend«>me trat 
zu uns. „Auch ich werde aus einem Marschall von Frankreich dem 
nächst Wohl bald ein stiller Bourgeois von Paris werden müssen!" 
sagte Catinat. — „Und ich," setzte auch Vend«me ingrimmig hinzu, 
„sehe mich genöthigt, wenn dies Regime so weiter geht, auf meinem 
Gute Anet Karst und Hacke zu gebrauchen, wie ein gemeiner Bauers 
mann! Jedoch: Beatus ille, qui procul negotiisl — Besuchen 
Sie mich einst, so setz' ich Ihnen ein Gericht von selbstgezogenem 
Gemüse vor!" — Wir aßen gemeinsam zu Abend. Als wir uns 
trennten, beglückwünschte mich Catinat noch einmal, daß ich wahr 
scheinlich zuerst von uns Dreien mich werde in die stille Ruhe 
des Landlebens von Engoumais zurückziehen können. Allein es 
sollte nicht so kommen! — 
Am nächsten Tage fuhr der Prinz mit mir rach Paris und 
nöthigte mich, eine Wohnung in seinem Hiitel anzunehmen. Es 
wurde, nachdem wir die nöthige Ruhe genossen hatten, verabredet, 
daß ich Vendame nach Versailles begleiten sollte. Er wollte mich 
selbst zum Könige und zu der Frau von Maintenon führen, welcher 
er, wenn auch nur einen kurzen, so doch einen höflichen Besuch zu 
machen beabsichtigte. — 
Im Versailler Schlöffe kam etwas, wie Fieberschauer über 
mich; — nie in meinem Leben ist mir ein Schritt so schwer ge 
worden, wie der! Doch das Bewußtsein, meinem Könige allezeit 
treu gedient zu haben, gab mir den Muth und die Kraft zurück. 
Ich hatte nichts gethan, was die Ungnade des Königs hätte recht 
fertigen können, und so trat ich denn freimüthig vor Ludwig XI V. hin. 
Der Prinz von Bendfime aber faßte mich an der Hand und sagte: 
„Ich habe die Ehre, Sire, Ihnen den Herren von Langallery vor 
zustellen!" — „Ich kenne ihn," ertviderte der König mit einem 
freundlichen Blicke auf mich, „und bin mit seinen Diensten wohl 
zufrieden!" Ich zog mich mit tiefer Verbeugung in die Antichambre 
zurück, woselbst ich von vielen Offizieren umringt wurde, befreun 
deten und mir feindseligen Herren, die alle gleich neugierig waren. 
Ich konnte ihnen nichts sagen, — in der That nichts! 
Nach einer Viertelstunde erschien der Herzog. Er winkte mich 
zu sich heran. Wir mußten nun zur Maintenon. „Es kommt 
eine peinliche Minute voller Höllenqualen; aber gleichviel, — auch 
sie muß überwunden werden!" sprach Vendfime. — „Ich bin 
ruhig, mein General!" entgegnete ich. „Der bittere Kelch ist mir 
einmal kredenzt; — er soll nun auch geleert werden!" 
Der Prinz ließ nur sich allein anmelden! — Frau von 
Maintenon erröthete daher tief, als sie mich jetzt mit ihm zugleich 
eintreten sah. „Gnädige Frau, — ich habe den Herrn gebeten, 
mich zu begleiten; — ich hoffe. Ihnen damit nicht mißfallen zu 
haben!" sprach Vendfime. 
„Was Eure Hoheit thun, ist immer gut und recht!" erwiderte 
sie mit königlichem Stolze. — 
Ich nahm mir die Freiheit, ihr achtungsvollst für jede Gnade 
zu danken, welche sie meiner Frau erwiesen hätte. Sie wandte 
kaum das Haupt nach mir. 
„O, die Dame verdient es, daß man sie beschützt!" erwiderte 
sie kalt. „Ich habe ihr nur die gebührende Gerechtigkeit wider 
fahren lassen." 
Sie erwähnte iin ferneren Laufe des Gespräches meiner mit 
keiner Silbe. Ich wollte mich deshalb soeben verneigen; doch der 
Prinz kam mir schon zuvor. Er ging und draußen auf der Treppe 
sagte er zu mir: „Ich sehe selbst: Sie haben vorläufig hier nichts 
mehr zu hoffen! Wenn es Sie zu trösten vermag, so vernehmen 
Sic cs von mir: Ich wäre froh, wenn ich an Ihrer Stelle wäre 
und das Land mit der Hauptstadt vertauschen könnte! So aber 
mtiß ich von einem Hfitel. — von einem Prinzen zum andern — 
galoppiren! Es ist eine Schande!" 
Wir trennten uns; — ich mußte zu meiner Gattin eilen! 
Sie hatte einen Diener ausgestellt, der ihr mein Kommen melden 
sollte: auf der obersten Treppenstufe erwartete sie mich und um 
armte mich zärtlich. Mehr noch sagten mir die Thränen, mit 
welchen sie mein Antlitz benetzte. I- tzt fühlte ich es erst, daß ich sie 
wahrhaft liebte; — jetzt erst schlossen wir unsern Herzensbund; 
jetzt erst wurde ich in meiner Werthschätzung ihrem Herzen und 
ihrem Geiste gerecht! Sie war hocherfreut, daß ich schon bei der 
Maintenon gewesen war und den Plan gefaßt hatte, auf's Land 
zu gehen. „O wie bin ich dieses Hofes müde!" schloß sie. „Wie 
freue ich mich auf Ruhe und Herzensglück!" 
In jener Stunde bat ich im Grunde meiner Seele dieser Dame 
all' das Unrecht ab, welches ich ihr Jahre lang angethan hatte. 
Denn ich hatte vermuthet, sie liebe die Atmosphäre, — die 
Zerstreuungen des Hoflebens allzusehr! Jetzt zeigte sich das grade 
Gegentheil! „So leg' auch ich den Degen nieder!" sagte ich schnell 
entschloffen. 
„Ja," erwiderte sie, — „verlassen wir Versailles schon morgen! 
Ich danke Frau von Maintenon noch einmal, — dann sind wir 
quitt! Ich verkaufe die Meubles und schleunigst fahren wir ab!" — 
Und so geschah's. Meine Gattin ging noch einmal zu meiner 
Feindin. „Ihr Herr Gemahl," sprach di« Gefürchtete zu ihr, 
„scheint zu glauben, er bedürfe meines Schutzes nicht mehr?" 
Da erwachte der Stolz meiner Gattin. „Nein, gnädige 
Frau," sprach sie erröthend; „er will fortan sein freier Herr auf 
seinem frei« Erbgut sein!" 
„Ich wünsche Ihnen Glück!" tönte es mit verhaltenem Zorne 
zurück. Ein kaum bemerkbares Neigen des Hauptes: Meine Gattin 
war entlasten! Mit gerötheten Augen kam sie mir entgegen; zärt 
lich drückte sie mir die Hand! „Ja, mein Gatte," sprach sie, „Du 
hast Recht; — es ist eine herzlose Heuchlerin, die um so ver 
dammungswürdiger ist, als sie ihr Sünderinnenhaupt mit heü'gem 
Oele schmückt! Komm', — fliehen wir sie! Fliehen wir den Hof 
für immer!" — 
(Fortsetzung folgt.) 
Der neue Markt und die Marienkirche vor 100 Jahren. 
(Zu der Illustration Seite 145.) 
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts besaß Berlin nur 
einen Markt, den Mvlkenmarkt*) >md nur eine, dem heiligen 
Nikolaus geweihte Hauptkirche. An der Krümmling des Stroms 
waren die beiden ältesten Straßen, die Spandauer- und die 
Stralauerstraße angelegt, zwischen ihnen lag der große Platz, der 
von der ältesten Zeit an der Markt gelvesen, und die Stadt selbst 
reichte nur bis gur heutigen Königsstraße. 
*) Der Molkenmarkt, sagt Fidicin, führt bereits im 14. Jahr 
hundert diese Bezeichnung, die wahrscheinlich von einer hier gelegenen 
Kuhmelkerei des MühlenhofS den Ramen erhalten hat. In anderen Städten 
der Mark findet fich übrigens derselbe Name vor, so in Neustadt Bran 
denburg.'
	        
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