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Periodical volume 6. Dezember 1884, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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werden, viel von sich reden zu machen, wo es fast nichts zu sagen 
hat. Nicht einmal Ringmauern und Thore erinnern mehr an alte 
bürgerliche Heldenthaten und lustige Fehden. Die Geschichte 
Seelow's ist ärmer als der Ort selbst, was ja durchaus keinen 
Nachtheil für die heutigen anspruchslosen Bewohner bedeutet. 
Um wie viel traulicher und anmuthigcr weht es uns an, 
wenn wir endlich nach mehr als zweistündiger Wanderung in 
Diedersdorf Einzug halten. Eine schattige Allee zieht sich durch 
das hüglige Dorf und unter dichten Laubkronen, von einer ver 
sunkenen, stillen Gräberwelt umringt, erhebt sich bald am Ansang 
des Dorfes das ehrwürdige Kirchlein. Alle bemooste Grabsteine 
liegen unter verwachsenen Fliederbüschen und erzählen von dem 
Kommen und Gehen ganzer dörflicher Geschlechter. Diedersdorf 
gehörte schon 1226 zu den Ansiedlungen des Augustinerklosters zu 
Naumburg am Bober. Nach mannigfachem Wechsel seiner Besitzer 
kam es endlich in die Hände des ruhmvollen und ausgezeichneten 
Geschlechts derer von Burgsdorff, wo es denn auch bis in die 
Mitte des 18. Jahrhunderts verblieb. Zwei Denkmale sind noch 
zur Erinnerung an diese, im Lande Lebus so zahlreich angesessene 
Familie hier erhalten geblieben. Draußen an der Kirchwand liegt 
im Grase zwischen Brennesseln und Hahnenfuß ein vcrwettertes, 
wappengeschücktes Epitaphium und drinnen hinter dem Altar ist 
ein gleiches erhalten, das einen Fr. W. Burgsdorff in voller 
Lebensgröße zeigt, den man hier im noch heute erhaltenen, aber 
vermauerten Erbbegräbnisse feierlichst beisetzte, nachdem er durch 
14 Sö^nc und 9 Töchter dem Stammbaum seines Geschlechtes in 
erfreulichster Weise neue Zweige angesetzt hatte. Auch Neuentempel 
besitzt noch ein interessantes, poesicvollcs Kirchlein inmitten des 
Friedhofes, dessen reichgcschnitzter, schöner Altar ein mehr als ge 
wöhnliches Interesse hervorruft. 
Bald hinter Neucntempel tritt zur Linken der blaue Wasserspiegel 
des buchtenreichen, von Laubwaldungcn umgebenen, großen Lietzen- 
Sees hervor, bis uns endlich ein schweigender, prächtiger Park auf 
nimmt, während uns in der Tiefe unten der blinkende See ge 
treulich bis zur Comthurei Lietzen begleitet. An einem nahen, nur 
durch ein Fließ getrennten kleineren See soll ehemals ein Dorf 
Collaz gestanden haben, welches der in die Mark eindringende 
Polenherzog Wladislaus längere Zeit behauptete, bis cs 1254 zu 
einem grimmigen Kampfe mit den Templern und den Münche- 
berger Bürgern kam, welcher den Boden vom Blute der Er 
schlagenen roth färbte. Daher noch heute die Sage vom rothen 
Lande dort. Das Dorf Collaz ist scidcm verschwunden, aber der 
See trägt noch heute den daran erinnernden Namen Kalisch. Alle 
diese Seen, welche theilweise durch Fließe, Sümpfe und Wiesen- ! 
land getrennt sind, sollen ehedem vereint einen Wasserarm gebildet 
haben, welcher die Spree bei Briefen mit dem alten Oberarm bei 
Platikow unweit Gusow verband, eine Annahme, welcher die ört 
lichen Erscheinungen durchaus nicht widersprechen. Im Laufe der 
Jahrhunderte angelegte Mühlen und Stauungen haben dann die 
einstige Wasserstraße allmählig aufgehoben, aber noch im Anfang 
dieses Jahrhunderts bahnte sich das Wasser durch einen dicht be 
wachsenen Elsbusch seinen Weg. Jener eingegangene Fluß, der 
an seiner Odermündung den Namen Oderitz trug. hieß von Briefen 
an die Lehnitz, und von ihm hat sowohl das Dorf wie das Amt 
seinen Namen empfangen, indem beide seit dem 13. Jahrhundert 
bald Lesnitz, Lenzenize, Lizenizze und noch viele andere Varianten 
ausweisen, bis endlich Lietzen die Alleinherrschaft behauptete. 
Der Orden der Tempelherren war cs gewesen, welcher hier 
zuerst zum Schutze gegen die vorrückenden Polen 1232 einen um 
mauerten Hof oder Commende an der Lehnitz anlegte, nachdem ihm 
bereits 1229 Bischof Laurentius von Lebus die Zehnten von 250 
Hufen Landes innerhalb seines Kirchensprengels überlassen hatte. 
Spatere bischöfliche Schenkungen trugen noch mehr zur Macht 
entfaltung und zum Reichthum dieses Ordens in der Mark bei, der 
nirgends, ausgenommen zu Tempelhof bei Berlin, so ausgedehnte 
Besitzungen innerhalb Brandenburgs als in Lebus besaß. Am 
18. Januar 1247 gehörte ihm laut einer Bestätigung Papst 
Jnnocenz I V. nicht allein nur Lietzen, sondern er hatte auch bereits 
die Ortschaften: Henrikestorpe, Tempelberghe, Marquardcstorpe, 
Nhentemple und Colaz an sich gebracht. Aus jener Templerzeit 
sind uns an Namen der Comthure nur noch folgende überkommen: 
1262 wählten die geistlichen Ritter den Bruder Gerccke als 
Vorsteher; 1288 einen Comthur in der Person des Vice-Ordens- 
meisters Jordan von Esbeck, welchem 1303 Bertram von Veltheim 
als Hofmeister folgte. 
Zu obigen Besitzungen erhielt der Orden 1286 von den 
Markgrafen Otto dem Langen und Otto dem Kleinen das volle 
Eigenthum der schon seit 1244 in ihrem Besitz gewesenen Stadt 
Zielenzig nebst fünf dabei gelegenen Dörfern, mit allen Nutzungen 
und Patronaten, ein gewaltiger Besitz, welcher den Stolz und 
Uebermuth der mehr und mehr den weltlichen Lüsten sich zuneigen 
den Brüder noch steigern mußte. Bei der endlichen Aufhebung 
des Ordens fielen sämmtliche Güter an das Haus Brandenburg, bis 
durch die machtvolle Einsprache des Papstes Markgraf Waldemar sie 
wieder an den nun Einzug haltenden St. Johanniter-Orden heraus 
gab, jedoch gegen eine Entschädigung von 1200 Mark Silber. 
Der Orden, durchaus nicht im Stande, diese enorme Summe aus 
zubringen, überließ bcm Brandenburger Zielenzig nebst den dazu 
gehörigen fünf Dörfern, mit dem Vorbehalt, sich jedes Anspruchs 
mit Ausnahme auf den Ordenshof zu Zielenzig für verlustig zu 
erklären, sofern er nicht innerhalb zweier Jahre die geforderte Ent 
schädigungssumme gezahlt habe. Erst nach langen Streitigkeiten, 
nachdem bereits Zielenzig dem Brandenburger den Huldigungscid 
geleistet halte, kam die Stadt unter Ludwig dem Römer 1350 in 
den Besitz des Ordens, welcher sic und die anderen Güter der 
Eomthurei Lagow überwies, die in dem kurz zuvor erworbenen 
Schlosse daselbst errichtet worden war, mithin die Johanniter jetzt 
zwei Comthurcien im Lande Lebus besaßen. — 
Papst Clemens V. hatte durch eine Bulle vom 2. Mai 1312 
dem längst seinen alten, geheiligten Satzungen untreu gewordenen 
Orden der Tempelritter das Recht des ferneren Bestehens abge 
sprochen, ohne jedoch das Ncrdaininungsurtheil auszusprcchen. 
Dennoch wurde der Großmeister nebst dem 80 jährigen Großprior 
Guido von der Normandie und mehreren Rittern, auf der Seine 
insel zu Paris am 18. März 1314 nach vorangegangenen fürchter 
lichen Folterqualen auf Befehl König Philipp I. dem Scheiter 
haufen übergeben, nachdem letzterer bereits vier Jahre früher 
54 Templer einem gleichen Tode geweiht hatte. In Frankreich, 
Kastilien und England fielen ihre bedeutenden Güter der Krone 
anheim, während die übrigen Staaten, unter ihnen Deutschland, 
sie anderen Orden, zumeist aber den Johannitern, überwiesen. 
Auch in Lietzen zogen im Jahre 1318 Ritter des heiligen 
St. Johannes ein. In einem Verkaufskontrakt über eine nahe bei 
Lietzen gelegene Mühle, welche die Brüder 1321 mit Bewilligung 
ihres auf Reisen befindlichen ersten Cowthurs, Gebhard von Bort 
feld, abschlössen, sind uns auch zufällig die Rainen der ersten Be 
wohner der neuen Commende überkommen. Der Stellvertreter des 
abwesenden Comthurs war Heinrich, auch Stapel genannt. Ferner 
sind genannt: Johann v. Sandow als Prior und dann die Con- 
ventualen Dietrich v. Lo, Gerhard, Bodv, Dietrich V. Arnshauscn, 
Ernst, Boldewin v. Wenden, Konrad v. Helmstädt und Heinrich 
Secapte. War die Beschäftigung der letztgenannten praktischer Art 
zugewandt, hauptsächlich also der Bewirthschastung der Güter, so 
wurden die Comthure aus der waffentragenden Klaffe der Ritter 
gewählt, bestimmt, die Oberleitung zu führen und den Ertrag der 
Besitzungen theils zur Unterhaltung der Commende zu benutzen, 
theils aber, was an Ueberschuß blieb, dem Schatze des Ordens 
i abzuführen. Die Prioren dagegen, welche dem Comthurm ebenfalls
        
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