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Periodical volume 6. Dezember 1884, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Ich will kein Opfer- Am wenigsten will ich, daß du 
es bringst. Durch mein väterliches Erbe bin ich . . . ." ge 
waltsam verhaltenes Schluchzen erstickt die weiteren Worte. 
„Ich würde auch ohne deine Mahnung dein Erbe nimmer 
antasten wollen, das weißt du, Clara! Ich habe bei meinen 
mannigfachen Unternehmungen ohnehin schon daran gedacht, 
es für dich sicher zu stellen; nur würden wir dann nicht 
ferner in Gütergemeinschaft leben können. Nur begreife ich 
nicht, wie du in solchen Stunden dich um solche äußeren 
Dinge also sorgen magst? Du bist fieberhaft erregt, Kind," 
er hat, ohne daß sie es hindern kann, seine Hand auf ihre 
brennende Stirn und ihre Hände gelegt; „der Auftegungen 
der letzten Tage sind zu viele für dich geworden! — Ich 
wollte, ich dürfte jetzt wenigstens bei dir bleiben; aber 
da pocht der Bote wieder und bin ich ihm vorhin ge 
folgt, jetzt darf ich nicht fehlen. Die Stunde der Ent 
scheidung naht! Nimm nicht zu schwer, Kind, was sie auch 
bringen mag." 
Wohl hört er hinter sich das heimlich leise Weinen; aber 
bleiben kann er nicht; so eilt er dann schnell dem Boten zu 
öffnen und die alte Dörthe zu wecken, um sie zu seiner Frau 
zu senden, mit der gemessenen Weisung, sofort den Arzt zu 
rufen, wenn ihr nicht gelinge, die fieberhafte Erregung zu 
dämpfen. 
Nicht ohne Besorgniß hat die gute Alte der Herrin 
Zinimer betreten. „Und mein Mann ist wieder gegangen?" 
ruft diese ihr entgegen. 
„Ja, Kind! Wie konnte er anders! Der Kommandant, 
der Herr von Rochow, hat mit dem Tottleben unterhandelt- 
Und nun wollen sie hören, was unser Herr zu dem Bescheide 
sagt, den er zurückbringt." 
„Der Tottleben? — Der Rochow?" fragt die Frau in 
vollster Verwirrung. „Du sprichst im Schlaf, Dörthe! — 
Wohin ist mein Mann gegangen?" 
„Zum Rathhause, wohin der Bote vom Magistrat ihn 
vorhin schon einmal rief- Du warst ja noch wach, Herzchen, 
als er das erste Mal kam, gerade da, als eben die Würtem- 
berger sich heimlich wie die Mäuse, wenn die Katze vor dem 
Loche sitzt, bei Nacht und Nebel die Linden entlang zum 
Brandenburger Thor hinausschlichen. — Unser Herr mag 
einen schönen Schreck gehabt haben, als er sie hier vorbei 
ziehen sah; er sah ganz verstört aus, als er vorhin herabkam 
und dem Boten ausschloß." 
„Vom Magistrat — ein Bote?! Dörthe, du lügst. Ihr 
spielt ein abgekartet Spiel mit mir." 
„Na, von wem soll er denn sonst gekommen sein?" sagt 
die Alte nun ernstlich beunruhigt, und sie schlägt die Vor 
hänge zurück, um der jungen Frau forschender ins Gesicht 
zu sehen. „Und geweint haben wir auch? Na, das hätten 
wir auch lassen können, bis wir allein waren und hätten mit 
den dummen Thränen unserm Herrn das Herz nicht noch 
schwerer machen brauchen, als es ohnehin schon ist." 
„Ich — ihm? Dörthe, bin ich denn verwirrt? Oder 
habe ich nur einen fürchterlichen Traum gehabt, von dem ich 
nicht loskommen kann?" 
„Ja, Herzchen, das kann wohl sein! Wenn Einer den 
ganzen Tag da die dummen Bücher liest" und sie zeigt ge 
ringschätzend auf die auch im Schlafzimmer umherliegende 
ftanzösische Lektüre „da muß Einem im Schlaf das gruselige 
Zeug wohl wieder vor Augen kommen, daß Einem zuletzt ist, 
als ob er das Elend selber nun durchmachen sollt!" 
„Also deshalb sprach mein Mann von de» Opfern, die 
er zu bringen bereit sei? Deshalb von der Sicherstellung 
meines väterlichen Erbes? Deshalb von dem Ruse, dem er 
nicht anders als folgen gekonnt? Von seinem Irrthum, von 
der Täuschung, der er sich hingegeben?! Nein, Dörthe, es ist 
nicht möglich! Jede seiner Antworten stimmte zu meinen 
angstvollen Fragen, jedes Wort von ihin zu jeder Einwen 
dung, die ich machte. Auch du willst mich täuschen. Ihr 
haltet mich für krank und wollt für jetzt mich schonen, 
damit. . . 
„Na, wenn in einer Stunde oder so die Russen hier 
durch die Straßen ziehen, da wirst du ja sehen können, ob 
die alte Dörthe sich mit Lügen einläßt oder nicht! Aber besser 
ist es schon, ich lasse dich nicht erst aufstehen. Wenn wir, 
bei all' den Vielen, die sich schon in unserm Hause einquar 
tiert haben, und der russischen Einquartierung, die wir doch 
sicher kriegen, auch noch einen Schwerkranken im Hause pflegen 
sollten, unser armer Herr käme gar nimmer aus den Klei 
dern! — und weißt du," sagt sie, als sie die Herrin so 
wortlos vor sich hinstarren sieht, „daß es eigentlich doch recht 
gut ist, daß — wenn's nun doch mal nicht anders ist — 
die Russen und nicht die Oesterrcicher in unserer Stadt be 
fehlen sollen? Mit den Russen wissen wenigstens wir hier im 
Hause nun schon Bescheid. Weißt du wohl noch, wie damals 
der Sievers, der russische Brigadier, oder wie er hieß, hier 
im Hause im Quartier lag, bis er gegen einen preußischen 
Offizier ausgewechselt ward? Na, der stand mit unserm 
Herrn doch schier auf Du und Du, und wenn der wieder 
käme, da hätten wir's gut." 
„Aber Herzchen, ich glaub' wirklich, dir ist ernstlich 
schlecht. Da trink' 'mal" und sie reicht ihr ein kühlendes 
Getränk, das sie schnell gemischt hat, „und dann dich auf die 
Seite gelegt und ordentlich ausgeschlafen. Zu versäumen hast 
du nichts; hier im Hause geht auch Alles ohne dich seinen 
richtigen Gang." 
Die junge Frau seufzte tief und schwer, und auf's Neue 
füllen heiße Thränen ihre Augen. 
„Nein, Herzchen, so geht das nicht! Wenn unser Herr 
zurückkommt, müssen wir gesund sein. Das fehlte auch noch, 
daß er sich auch unsertwegen noch Gedanken machen sollte!^ 
„Ich bin gesund, Dörthe!" und hastig wirft sie die 
Decken zurück, um nach ihren Kleidern zu greifen, doch nur, 
um alsbald, wie vom Schwindel erfaßt, bewußtlos neben dem 
Bette niederzusinken. 
Wie ein Kind hebt die Alte sie mit starkem Arm vom 
Boden, um sie auf ihr Lager zurückzulehnen. „Die Sache 
wird ernster, als ich gedacht, seufzt sie. „Gott weiß, was sie 
sich so zu Kopf genommen hat? Der Krieg ist's nicht; die 
Einnahme unserer Stadt auch nicht, da kenn' ich sie! Was 
sie nicht just selbst angeht, das quält sie nicht." Und sie 
macht sich geschäftig und umsichtig mit der Kranken zu 
schaffen, bis diese endlich mit wiederkehrendem Bewußtsein um 
sich schaut. 
„Nein, Dörthe, ich bin nicht krank. Ich will, ich darf 
nicht krank sein! Du sagst, es gehe im Hause auch Alles 
ohne mich. Das soll, das darf nicht sein! So langeich noch 
im Hause bin; — und »och bin ich Herrin hier, — soll
        
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