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Periodical volume 20. November 1884, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Gestalt denn auch aller Fleiß anzuwenden, daß er Alles 
rein, deutlich und wohl ausspreche und sich eines guten Accents 
in jeder Sprache befleißige. Und weil daran gelegen, daß der 
Prinz die ftanzösische Sprache ex usu lerne, so sollen Alle, so 
dieser Sprache mächtig, dahin angewiesen werden, in derselben 
mit ihm zu reden. Wenn er etwas größer wird und im Latein 
zunimmt, so sollen Sie öfter solche Leute zu seinem Divertisiement 
zu ihm sühren, die Latein können und guasi ludendo ihm solches 
mit beibringen. Bei aller Gelegenheit soll der Prinz in der 
Geographie, als einem nicht weniger nützlichen als lustigen 
Studium, fleißig angeführet und darin vervollkommnet werden; 
zu dem Ende dann große Karten in seinem Gemach aufzuhängen 
und ein Globus stets an der Hand zu haben. Wie denn auch 
der Prinz zur Fassung rühmlicher Beispiele und Erzählung guter 
Geschichten, insonderheit solcher, die dem Regenten nützliche Lehren 
geben, anzuhalten ist. Weil ferner die Beredtsamkeit ein großes 
Ornament, so soll unser Sohn vor allen Dingen auch dazu fleißig 
gehalten werden und diese mit andern Knaben angestellet werden, 
worin unser Sohn des Fürsten Person vorstellen soll. Zu welchem 
Akte unsere Räthe und Andere einzuladen, damit er sich die nöthige 
Freiheit angewöhnen möge, wie wir auch selbst zuweilen dem bei 
wohnen wollen." — 
Am 14. September 1662, in dessen Morgenfrühe die Reise 
des kurfürstlichen Paares nach Königsberg angetreten wurde, er 
folgte sodann der eigentliche Amtsantritt von Seiten Schwerin's. 
Schon am Abende zuvor hatte der Kurfürst sowohl den Kurprinzen 
Karl Aemil, wie seinen zweiten Sohn Friedrich „in Dero Gemahlin 
Kammer gesegnet". Dann ging's zum Scheiden! Weil Schwerin 
an seinem Schenkel sehr übel auf war, „nahmen die Fürstlichkeiten 
in des Prinzen Gemache vor seinem Bette Abschied von ihm, re- 
kommandirten ihm fleißige und getreue Aussicht über die beiden 
Knaben und versicherten den Oberpräsidenten ihrer Gnade sehr hoch". 
Dann die Abreise! „Die beiden Prinzen fuhren mit vor's Thor, 
und war gewiß nicht ohne Erbarmen anzusehen, wie schmerzlich der 
Kursürstin dieses Scheiden that." 
Es war Schwerin's nächste Amts-Obliegenheit, die Lehrer und 
Kavaliere der beidenHohenzollernsöhne auszuwählen. Herr Daniel 
Stephani wurde zum „Direktore studiorum" für Karl Aemil 
bestimmt; für Prinz Friedrich wurde als Lehrer der später so hoch 
berühmte Licentiat EberhardDanckelmann berufen. Zum Dienste 
der Prinzen wurden ferner als Edelleute der Hugenot Duplessis- 
Gouret, sowie Otto von Schwerin's Vetter, Henning von Schwerin, 
der Kammerdiener Senning und die Pagen Sandoville und Ra- 
villoge (?) bestimmt. Ein kleiner, eigenartiger Hofhält wurde also 
aufgerichtet, in welchem Schwerin's treues, edles Auge Alles und 
Jedes, auch die geringste Kleinigkeit, überwachte. — ein Hofhält, 
in welchem stets die musterhafteste Ordnung herrschte. Schwerin 
berichtet über dieselbe: 
„Der Anfang zum Studiren ist auf diese Art gemacht: Um 
sechs Uhr habe ich die Prinzen gewöhnt, willig und ohne Verdruß 
aufzustehen, darauf alsofort geschwind kleiden lasten; während des 
Ankleidens habe ich ihn allezeit suchen zum Sprechen zu bringen", 
— nämlich Karl Aemil, — „und deshalb Eins oder das Andere 
erzählt; hernach habe ich nebst den Prinzen sofort das Gebet 
knieend gethan, und bis Ihre Kurf. Durch!, die vorgeschriebenen 
Psalmen und das Gebet auswendig gewußt, deutlich vorgesagt und 
nachsprechen lasten. Um 7 Uhr hat Herr Stephani den Anfang mit der 
Institutio gemachet, erstlich mit Lesen, da der Prinz noch nicht recht 
buchstabiren können; hernach Vokabeln und kleine Fragen aus dem 
Katechismo beigebracht, dann wieder etwas lesen lasten und dann 
in der Karte von Europa unterwiesen. Nach 9 Uhr ist der Prinz 
im Schreiben unterrichtet und darauf bis Esten — im Tanzen. 
Nach dem Esten ist dem Prinzen bis 2 zu spielen vergönnet, wo 
rinnen ihm allezeit sein freier Wille gelassen, jedoch habe ich alle 
mal dahin gesehen, daß er nur solche Spiele gethan, dabei er 
zugleich etwas lernen und zugleich das Ingenium als auch den 
Leib exercieren können, wovon das nachfolgende Diarium unter 
schiedene Anzeigungen thun wird; denn dies habe ich mir vorge 
nommen, — so lange es Gott und die gnädigste Herrschaft gefallen 
wird, mich bei dieser Funktion zu lassen, — alle Stunde zu ver 
zeichnen, was der Prinz thut. — Von 2 bis 3 Uhr schreibt der 
Prinz wiederum, hernach studirt derselbe Vorgedachtes bis 4 Uhr, 
Vj5 oder gar bis 5, nachdem es die Gelegenheit giebt. Um '/»9 
oder auf's Späteste 9 bringe ich die Prinzen nach gehaltenem Ge 
bete zu Bett." — 
Für solche vielgetreue Mühe erfolgte dann auch in der Kor 
respondenz Schwerin's mit Luisen ein Dank, der wiederum in 
gleicher Weise die Darbringerin wie den Empfänger ehrt. So 
schreibt die Kurfürstin schon im Oktober 1662: „Mein sehnlichstes 
Verlangen ist, daß Gott mir die Gnade gewährt, die Kinder, 
welche er mir in seiner Barmherigkeit gegeben hat, so zu halten, 
daß sie zwei Menschen nach seinem Geiste seien und ich niemals 
die Wohlthaten vergesse, welche er mir bereitet hat weit über das 
hinaus was ich einst hoffen durfte! Es ist mir eine große Freude, 
daß der Aeltere so gut befolgt, was Sie ihm sagen; ich hoffe, 
daß er bei zunehmendem Alter Ihnen immer gehorsamer werden 
wird; — er hat sehr gewonnen! Daß der Jüngere auch anfängt, 
ein wenig zu lernen, ist mir sehr angenehm; — er ist ein Kind, 
welches mir sehr am Herzen gelegen hat! Gott segne Ihnen, was 
Sie an uns thun!" 
Vor Allem wacht die fürstliche Mutter über der sittlichen Rein 
heit und dem Seelenheile ihrer Kinder. Im April 1663 schreibt 
sie an Schwerin: 
„Und nun zu Ihrer Komödie! Sie wissen, — man kann es 
nicht genug wiederholen: Man soll nicht Gottes Namen miß 
brauchen; man soll sich nicht mit dem Kleide des andern Geschlechtes 
kleiden. — Sie wissen, wie ich Gott angelobt habe, daß, wenn er 
mir einen Sohn giebt, ich ihn in seiner Furcht erziehen wolle! 
Das ist mein größter Wunsch in dieser Welt! Ich weiß, daß er 
in sehr guter Hand ist; kein Mensch vermag dies Werk so trefflich 
auszuführen, wie Sie." — 
Im Mai 1663 sagt Luise ferner: 
„Ich danke Ihnen sehr, daß Sie mir gemeldet haben, in 
welcher Art Sie meinen Sohn leiten! Ich finde es ganz nach 
meinem Willen und hätte darin nichts hinzuzufügen, wenn ich Sie 
nicht bitten wollte, in der Art fortzufahren und versichert zu sein, 
daß Sie dadurch Vater und Mutter verpflichten werden. In 
Gegenwart des Kurfürsten vernahm ich gestern, wie sehr er mit 
Ihnen zufrieden ist! Wir haben Alle Gott zu danken, daß er uns 
zur Erziehung unserer Kinder einen solchen Mann gegeben hat, 
wie Sie. Gott gebe Ihnen ein langes Leben und lohne Ihnen, 
was Sie an den Meinigen gethan haben! Ich werde niemals un 
dankbar sein! — Ich lege in Ihre Hand, was mir das Liebste ist 
auf der Welt, meine beiden Kinder! Sie wiffen bester als ich, was 
ihnen gut ist!" 
Die Fortschritte beider Prinzen müssen in der That über 
raschende gewesen sein. Im August 1663 äußert sich Luise: „Der 
Kurfürst und ich haben Gott gelobt, daß Karl Aemil in Landsberg 
so gut von der Religion gesprochen hat; ich sehe wohl..... 
daß Sie ihn angehalten haben, Gott zu fürchten! Ich hätte nicht 
geglaubt, daß er soviel wiffen würde .... Darauf kommt schließ 
lich doch Alles an, daß nur die Seele auf gutem Grunde ruhe; 
Alles Uebrige ist doch nur Eitelkeit!" 
Auch 1665 heißt es in einem ihrer Briefe: 
„Der Kurfürst ist erstaunt gewesen, daß der Aeltere soweit 
vorgeschritten ist, das Latein so vortragen zu können! Gott gebe, 
daß ich niemals vergesse, was ich für so viele Wohlthaten thun 
soll!" — Mit Stephani bezeigt sich die Kursürstin gleichfalls
        
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