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Periodical volume 20. November 1884, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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So auch in Perpignan. Wenn aber in irgend einer Stadt Frank 
reichs viel gespielt wird, so geschieht das hier! 
Frau Fortuna ist die unberechenbarste aller Frauen. Gewöhn 
lich meidet sie den Günstling, der einmal gestrauchelt ist, völlig: 
ein Unglück kommt ja selten allein! Mir aber schüttete sie in 
Pergignan das Gold in blinder Weise in den Schooß! 
Ich lächelte über diese Gunst des Glückes. Keinen Augen 
blick verließ mich der Gedanke, wie dunkel sich bei dem Haste der 
Frau von Maintenon meine Zukunft gestalten könnte. Allein ich 
war gefaßt, jedem Anstürme des Schicksals zu begegnen. 
Ueber Pergignan reisend, traf ich gar bald in Rosas ein. Von 
den Truppen und Bürgern wurde ich mit den Zeichen der höchsten 
Achtung empfangen. Der Chevalier DuprLt aber, welcher bis 
dahin in Rosas kommandirt hatte, ließ es mich deutlich merken, 
daß er den Oberbefehl nur sehr ungern an mich abtrat. Mein 
überraschend schnelles Avancement ließ mich überall als eine Krea 
tur des Hofes oder vielmehr der launenhaften Gunst der Frau 
von Maintenon erscheinen. Ich täuschte mich nicht im Geringsten 
mehr darüber, daß man mir auch nicht das mindeste Verdienst zu 
schrieb. Um so eifriger war ich daher bestrebt, kriegerische Lorbeern 
zu gewinnen. 
Der Tag meiner Ankunft in Rosas war mein vierzigster Ge 
burtstag. Weit hinter mir, umgeben von einer mildstrahlenden 
Aureole, lagen Liebesglück und die ersten, kriegerischen Erfolge. 
„Was wird mir die Zukunft bringen?" ftagte ich mich. Aber, 
wie es so häufig geschieht, eine Jugenderinnerung erhob mich über 
den Zweifel! Auch mir klangen, wie von ermuthigender Stimme 
gerufen, die Worte einer der sechs römischen Oden Horazens zu: 
„Den rechten und seinem Vorsätze getreuen Mann schreckt 
nicht die Wuth der Bürger, die Unziemliches von ihm verlangen, 
nicht der Blick des drohenden Tyrannen, und nicht das stürmische 
Wogen erregter Meereswellen! Fest bleibt sein Muth und uner 
schütterlich sein Wille!" 
Die nachfolgenden Abschnitte meiner Memoiren werden zeigen, 
ob ich Muth, — ob ich Willen gehabt habe! — 
(Fortsetzung folgt.) 
Kurbrandenburgische Tagebücher und Korrespondenzen 
aus vornehmer Welt. 
Die Persönlichkeit, welche durch die nachfolgenden Mittheilungen 
gewissenhaft und, wie ich hoffe, auch ein wenig lebensvoll und 
plastisch geschildert werden soll, darf in jeder Beziehung als die vor 
nehmste, sittlich am höchsten stehende, gediegenste und maßvollste 
der Roccocozeit in Kur-Brandenburg bezeichnet werden, sobald wir 
von dem großen Kurfürsten selber absehen. Es ist der edle Ober 
präsident Otto von Schwerin, für welchen wir das Jntereste des 
Lesers erwecken und erwärmen möchten. 
Otto von Schwerin war am 8. März 1616 zu Stettin ge 
boren worden. Er hatte das Glück, daß ihm eine vorzügliche 
Bildung zu Theil wurde, — eine Bildung, welche auch heut' noch 
als eine überaus seltene zu bezeichnen wäre. Er hatte die Univer 
sitäten von Königsberg, Frankfurt an der Oder, Lehden und Straß 
burg besucht; er hatte dann seine „Kavalier-Tour" gemacht und 
war am 29. April 1641 als Kammer-Gerichts-Rath in kurbranden- 
burgische Dienste getreten. Am 23. Oktober 1645 erfolgte seine 
Ernennung zum Geheimen Rathe. Von da ab bis zu seinem Tode 
war und blieb er der ausgezeichnetste Staatsmann des Landes 
Brandenburg und der treueste, — ich möchte sagen der ebenbürtige 
Diener seines unvergleichlichen Herrn. Er ward nach und nach 
ältester geheimer Lehns - Rath, erster Minister und Oberpräsident 
aller Kollegia, Dompropst der hohen Stiftskirche zu Brandenburg, 
Verweser und Amtshauptmann zu Crösten u. s. w. Im Jahre 
1654 erwarb er die Herrschaft Alt-Landsberg, später die große 
und schöne Begüterung Wolfshagen und die Stadt Fürstenwerder, 
die pommerschen Güter Lassan und Zachau, die wildenhof'schen Be 
sitzungen in Preußen und vielen andern Grundbesitz. Wie ein 
Fürst stand auch er nebem seinem Fürsten da. Denn nicht fehlten 
ihm des Lebens zeitliche Güter. Er hatte über 100 000 Thaler 
baar bei großen Handelshäusern in Hamburg, Danzig u. s. w. aus 
zustehen, welche nach seinen eigenen Auszeichnungen ihm 4 '/- bis 
6 Prozent Zinsen brachten; er bezog aus 
seinem Grundbesitze jährlich etwa 
aus der Dompropstei Brandenburg über 
er erhielt als Oberpräsident 
und 
Kostgeld für sich und die Dienerschaft, — 
an Lehn- und Kleinsiegelgeldern 
als Erbkämmerer der Kurmark 
an Postgeldern 
als Hofmeister der Prinzen 
an Bier- und Hufenschoßgeldcrn 
an Miethe für ein dem Kurprinzen vermiethetes 
Haus in der breiten Straße zu Kölln a. d. Spree 
als Amtshauptmann zu Lebus 
für Futterkorn 
u. s. w. — 
Gewiß, er konnte als ein Magnat ersten Ranges auftreten! 
Verheirathet ist Otto von Schwerin dreimal gewesen. Seine erste 
Gemahlin Elisabeth Sophie von Schlabbrendorf gebar ihm sechs 
Söhne und fünf Töchter, darunter den berühmten Otto von Schwerin, 
den Jüngern, welcher der Nachfolger und der Erbe der Ehren seines 
Vaters wurde. Als die Freifrau von Schwerin, — der Ober 
präsident war durch kaiserliche Gnade im Jahre des westfälischen 
Friedensschlusses Freiherr geworden, — 1656 am 26. Januar ge 
storben war, vermählte sich Otto von Schwerin mit Helena Doro 
thea von Krehtzen, welche ihm noch fünf Töchter schenkte. Endlich, 
wenige Monate vor seinem Tode, verheirathete er sich zum dritten 
Male mit Dorothea von Flemming. Der ausgezeichnete Mann 
starb am 4. November 1679 in dem Schlöffe zu Berlin, dessen 
Bewohner er Wohl um dessentwillen war, weil er dem alternden 
Kurfürsten ein unentbehrlicher Freund und Rathgeber war. 
Otto von Schwerin's hervorstechendster Charakterzug war eine 
tiefe, edle, großartige Religiösität von eigenthümlicher Freudigkeit. 
Fast möchte man ihn als einen Vorläufer der großen Pietisten be 
zeichnen, — nur, daß er über jede Unklarheit in Dingen des Ge 
fühls erhaben war. Auf diese Eigenthümlichkeit gründete sich das 
tiefinnerliche Freundschaftsverhältniß, in welchem Schwerin zu der 
großen Oranierin Luise gestanden hat. Wohl blieb sie ihm stets 
die hochverehrte Fürstin, aber auch sie schaute zu ihm auf, wie zu 
einem bewunderten Bruder. Ihre Seele hegte ein wahrhaft 
rührendes Vertrauen zu dem untadligen Manne, mit welchem sie 
der gleiche Geistesadel, die gleiche Seelenreinheit verband. Ich 
halte Otto von Schwerin auch für den geistlichen Berather der 
Kurfürstin und stimme Leopold von Orlich völlig bei, wenn er ein 
mal äußert: 
„Unbezweifelt sind auch von Schwerin die der Kurfürstin zu 
geschriebenen erhabenen geistlichen Lieder, welche Wohl eben, weil 
sie der Ausdruck ihres frommen Wesens, ihrer Demuth und Würde 
sind, zu der Behauptung Veranlastung gegeben haben, daß Luise 
die Verfasterin derselben sei. Sie war indessen der deutschen Sprache 
nicht mächtig genug, um poetische Gedanken entwerfen zu können; 
denn sie schrieb sehr selten deutsch, meistentheils sranzösich oder 
holländisch." 
Schwerin war also der Dichter des glaubensstarken: 
„Jesus, meine Zuversicht!" — 
3600 Thaler 
600 - 
1200 - 
416 
900 - 
500 - 
400 - 
600 
187 
300 
509 - 
130 -
        
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