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Periodical volume 4. October 1884, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 11.1885

brauchsgeschirr, mit Motiven nach Watteau und Lancret bemalt, 
mit Rococo-Ornamenten, die in den Sammlungen existiren. Als 
besonders bemerkenswerth sind hervorzuheben: die beiden großen 
Spiegelrahme aus weißem Porzellan in Sanssouci und ein großer 
Tafelaufsatz, den der König als Geschenk für die Kaiserin Katharina 
von Rußland anfertigen ließ. — Das Mittelstück des Tafelauf 
satzes stellte die Kaiserin Katharina dar, auf einem Thron sitzend 
und um sie herum gruppirt die Völkerschaften in Nationalkostümen, 
die ihr Unterthan waren. Dazu gehören noch eine Reihe mytho 
logischer Figuren und Trophäen zur Ausschmückung des Ganzen, 
und ein reich mit Reliefs dekorirtes, den Namenszug der Kaiserin 
führendes Desiertservice, mit Scenen aus den Kriegen zwischen 
Rusien und Türken, bemalt. Wie in Berlin wurden diese Porzellane 
auch in Petersburg öffentlich ausgestellt, und erregten durch ihre 
künstlerische und technische Vollendung den Beifall der Sachkenner. 
(Fortsetzung folgt.) 
August Ntundcr. 
Eine Erinnerung von K. UIUiiumii. 
(Hierzu die Illustration S. 1.) 
Einst, — in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahr 
hunderts, — kannte sicher jedes der Kinder, die auf dem früheren 
Gensd'armen-Markte, dem jetzigen Schillerplatze, spielten, das, wie 
ich glaube, vierte Haus in der Markgrafenstraße, nicht weit von 
der Behrenstraßenecke, links, wenn man vom Opernhausplatze kommt, 
als die Wohnung Ne anders. Keine Gedenktafel ziert es, aber 
im Gedächtniß Aller, welche da einst, namentlich als Studenten, 
die nicht sehr hellen Treppen zum dritten Stock emporstiegen und 
irgend ein Anliegen bei dem oben Genannten hatten, wird es 
unauslöschlich eingezeichnet stehen. Vor diesem, wie ich glaube, 
noch unveränderten Hause, wurde ja der Fackelständchcn und selbst 
Fackelzüge am Geburtstage des Berühmtesten seiner Bewohner so 
viele gebracht, daß es jedem „Berliner Kinde" hinlänglich als das 
„Neanderhaus" bezeichnet war. Man erzählte sich dann wieder 
einmal längere Zeit hindurch in Berlin, wie der dort Gefeierte 
aus dem einen der mit grünen Holzjalousieen versehenen Fenster 
herunter eine Anrede an die da auf der Straße im Wichse ver 
sammelten Studenten gehalten habe. Gleichzeitig schnurrte dann 
das nun einmal in Bewegung gesetzte Mundwerk der Erzähler wohl 
auch einige Schnurren aus dem Leben des berühmten Gottesge 
lehrten ab, des „Professor" auch „ollen" Neander, wie er zum 
Unterschiede von dem nicht zu weit von ihm in der Breitenstraße 
wohnenden „Bischof Neander" genannt wurde. Kamen Ver 
wechselungen mit diesem seinen Namensvetter doch häufig vor, 
sogar, wie die Fama sagt, von Seiten eines der königlichen Leib 
jäger, welcher statt des „Professors" den „Bischof einmal zur 
königlichen Tafel befahl. Den richtigen Neander aber erkannte 
jeder „alte Berliner" auf den ersten Blick an seiner äußeren, so 
höchst originellen Erscheinung. 
Jetzt ist dieser einst vielgenannte Name, bei dessen Klange 
hoch das Herz des Jünglings, hoch auch noch die Brust des 
Greises schwoll, fast verklungen in dem Geräusche der großen 
Kaiserstadt Berlin. Nur am theologischen Himmel strahlt er noch, 
neben den Namen der Begründer des Glanzes der neugestifteten 
Friedrich - Wilhelms - Universität, neben einem Schleiermacher, 
Schelling u. A. als ein Stern erster Größe. Um so anerkennens- 
werther und verdienstvoller möchte es sein, wieder das Andenken 
an einen der berühmtesten Bürger Berlins aufzufrischen und diesen 
Stern in sein Wappen- beziehungsweise Journal-Schild erscheinen 
zu lasten. Möchten diese Zeilen eines Schülers, der zu den Füßen 
des als Mensch wie als Gelehrter gleich herrlichen Lehrers gcseffen 
hat, dazu etwas beitragen! 
August Neander wurde als Sohn jüdischer Eltern (sein 
Vater war der in Hamburg wohnende David Mendel) in 
Göttingen am 16. Januar 1789 geboren, in Hamburg aber 
erzogen. Frühe schon, durch das Hören der christlichen Predigten 
besonders aber durch das Lesen des in seine Hände gekom 
menen Neuen Testamentes, lernte er die christlichen Heilsivahrheiten 
kennen. Diese Erkenntniß reifte in ihm den Entschluß, ganz zum 
Christenthum überzutreten, welchen er denn auch ausführte. 
Bei seiner Taufe nahm er nun den Namen „Neander" an, 
d. h. „neuer Mensch", weil er das als Christ geworden sei. Wie 
einst Saulus, der von Christo selbst zu einem neuen Leben und 
zum Apostelamte berufene Schriftgelehrte, beschloß er nun, sein 
ganzes Leben dem Dienste dieses Herrn zu widmen. Jedoch nicht 
im eigentlichen Dienste an seinem Worte und in seiner Kirche, 
sondern auf dem wissenschaftlichen Lehrstuhle, indem er als ein 
Meister im neutestamentlichen Zion, Jünglinge für jenen spezielleren 
Dienst ausbildete. Und wie herrlich hat er diese Aufgabe seines 
Lebens erfüllt und erreicht! Mit einem gewaltigen Eifer lag er 
den dazu erforderlichen Studien ob. Er gehörte zu jenen Wiffens- 
durstigen, von denen sich später ihre Schüler staunend ins Ohr 
flüsterten: „daß sie sogar die Nächte ihrem Lerneifer aufopferten 
und sich dazu durch „kalte Fußbäder" und den Genuß starken, 
schwarzen Kaffees munter zu erhalten suchten." Aber wir wollen 
ja nicht eine Lebensbeschreibung, sondern nur ein Lebensbild 
Neanders entwerfen. Es würde dem Zwecke und Raume unseres 
Blattes nicht entsprechen, hier ein Mehreres über Anfang, Fort 
gang und Ausgang des wissenschaftlichen Lebens und Strebens 
eines solchen Geistes-Herocn zu schreiben. Die Hauptabsicht ist, 
zu zeigen, welche Bedeutung derselbe für Berlin gerade hatte. 
Da kann man ja sagen: Neander war, wenn auch kein Berliner 
Kind, doch eine Berliner Größe, ja in vieler und edelster Be 
deutung des Wortes: ein Berliner Original. Einst, wenn 
der Reisende aus der Provinz nach der damaligen preußischen 
Königsstadt kam, war eine der ersten Fragen, welche man an ih» 
richtete: „Haben Sie schon den Professor Neander gesehen:" 
Aber man frägt eben in dem heutigen Berlin mehr nach sehens- 
werthen Dingen, als nach sehenswerthen Personen. Das war 
in dem alten Berlin anders. Da herrschte ein lebendigeres In 
teresse für die Träger der Kunst und Wiffenschaft, der Literatur 
und Kirche. Die Helden und Heldinnen der Bühne z. B. waren, 
wie eine Crelinger, wie Devrient, Seidelmann u. A. auch Helden 
des Tages und Lieblinge des Publikums. Von ihnen, — für sie, 
— auch wohl wider sie, sprach man in den Privatgesellschaften 
und in öffentlichen Lokalen. Jetzt haben Politik und Parlamen 
tarismus dort den Vorrang und machen zumeist die Helden des 
letzteren von sich reden. Solch ein Liebling und Tagesheld der 
alten Berliner war und ward immer mehr Neander. Weshalb: 
Was ging, könnte inan sagen, die Berliner Weißbierphilister da bn 
Klausing und Josty der große Kirchenhistoriker an? Sehr viel, 
muß man sagen. Denn er machte mit seinen Geistcsgaben, so äußerten 
sie, „unsere neue Universität berühmt." Auf diese und die übrigen 
Kunstinstitute seiner Vaterstadt, z. B. das Theater auch, gab aber 
der Berliner von einst vielleicht mehr, als der von heute. Zur 
Zeit, aus der heraus ich dieses schreibe, waren fast in jedem Keller- 
laden, in dem Porzellansachen seil geboten wurden, neben den 
kleinen, weißen Porzellanbüsten von den Mitgliedern des könig 
lichen Hauses, der Oper und von anderen der oben genannten 
Größen, auch die des Professor Neander zu sehen. Da blickte auch 
durch die Scheiben der Schaufenster mancher Gipsfigurenhandlung 
sein eigenthümliches, von der gewohnten Haltung seines Kopfes 
etwas „schiefes" Gesicht mit den starken, buschigen Augenbrauen 
und zeigte in dem Profefforen-Talare seinen unverkennbaren jüdischen
        
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