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Periodical volume 20. November 1884, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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theilungsbedürstig gemacht, wie die Uebrigen, nicht den Weg 
zu ihnen herab findet. 
Die alte Magd geht ab und zu und bringt ihr Kunde 
von dem Treiben drinnen und draußen. 
„Unser Herr macht wieder einmal die Nacht zum Tage," 
berichtet sie; „von der anstrengenden Reise könnte er doch 
müde sein und einmal an sich selber denken. Aber nein, an 
zehn Stellen scheint er zugleich zu sein, und von zehn anderen 
schicken sie, um seinen Rath zu erbitten. Nun ist er wieder 
fort zum Hause hinaus. Er hat's wohl angestiftet, daß sie 
eine Menge Ochsen heimlich zusammengetrieben haben, um sie 
noch heute Nacht zu schlachten. Auch ganze Fässer Bier und 
Branntwein haben sie in's Opernhaus geschleppt und endlose 
Säcke voll Mehl zu Brodteig zusammengeknetet, daß die Leute 
nur guten Muthes bleiben, und die Soldaten zu essen haben. 
— Nur guten Muth, Herzchen; es heißt, der Herzog von 
Würtemberg komm' unserer Stadt zu Hülfe; unser Herr hat's 
gesagt und der muß es wissen." 
„Gewiß, wenn „unser Herr" es gesagt hat," wiederholt 
die HauSftau, und es klingt fast wie ein leiser Spott in ihre 
Worte hinein; „wenn seine Hoffnungsseligkeit ihn nur nicht 
täuscht, wie bei seiner Reise zum Könige." Sie kann es 
nicht verwinden, daß ihr Gatte für Alle Zeit und tröstliche 
Worte hat, nur nicht für sie. Nur flüchtig hat er nach seiner 
Rückkehr bei ihr eingeschaut und ist dann sogleich wieder fort 
geeilt, mit einigen gleichgesinnten Patrioten alle erforderlich 
scheinenden Vorkehrungen zu treffen. 
„Und weißt du, Herzchen," plaudert die Alte arglos 
weiter, „wer unter Allen am tüchtigsten mit zugreift? Sie 
denkt wohl zunächst an ihre Leute; aber das schad't nicht; 
von einem Frauenzimmer ist es doch immer aller Ehren werth, 
wenn sie nicht, wie die Anderen, heult und lamentirt, sondern 
ihre Leute aus allen Ecken zusammentreibt, daß sie einen 
Theil Brodmehl auch nach ihrer Weise einrühren, und die 
Schächter, daß sie etwas Vieh auch so abschlachten, daß im 
Fall längerer Belagerung auch ihre Leut' mit davon essen 
dürfen." 
Die junge Frau zuckt verächtlich mit den Schultern: 
„Das Volk sorgt schon dafür, daß es nicht zu kurz kommt," 
sagt sie gereizt. 
„Aber der erste Anschlag, daß die Herren überhaupt an 
die Proviantirung gedacht haben, soll doch von ihr aus 
gegangen sein, von der Wölffin, mein' ich. Und möglich ist's 
immer; denn als unser Herr kaum vom Wagen hinunter war, 
sah ich ihn mit ihr zusammenstehen." 
„Meinen Mann?" zuckt die junge Frau zusammen. 
„Na ja, er kennt sie ja wohl noch von ihrer Hochzeit 
her. Es mag der schönen Wölffin — es ging hoch her da 
mals — auch nicht geträumt haben, daß sie sich so kümmer 
lich durch ihr bischen Lebe» durchstümpern sollt . . . ." 
„So geht es ihr nicht gut? Ihr Mann ist nicht gut zu 
ihr?" forscht die Frau hastig. 
„Wer will das wissen! Von den Juden ist das hübsch, 
daß Keiner zu wissen kriegt, wenn's zwischen Mann und Frau 
auch mal nicht stimmt. Das machen sie unter sich aus. 
Recht umsichtig ist er wohl nicht; und seit der reiche Ephraim 
die Hand von ihm abgezogen hat .... da, da! Heil'ge 
Mutter Gottes steh' uns bei!" fährt die Alte zurück: — eine 
Bombe scheint prasselnd in der Nähe des Hauses eingeschlagen 
zu haben — „komm' herunter, Herzchen! Hier oben allein 
für dich ist's nicht geheuer," und sie sucht die junge Frau an 
der Hand mit sich fortzuziehen. 
„Als ob ich unten weniger allein wäre?" sagt diese, mehr 
für sich, als zu der Dienerin. „Geh nur, wenn du dich 
fürchtest, und wenn . . . 
„Wenn unser Herr kommt, schick ich ihn dir herauf!" 
„Mein Mann hat Wichtigeres zu thun!" sagt die 
Frau kurz. 
„Ja, auf unserm Herrn liegt jetzt alles," wendet sich die 
Alte noch in der Thür zurück, „schon gut jetzt, daß wir nicht 
auch ein Haus voll Kinderchen haben, um die er sich auch 
noch sorgen müßt'! Großer Gott, da schießt's schon wieder. 
Guck! Just als ob das höllische Feuer vom Himmel runter 
sollt! Gar Pech- und Schwefelkränze haben sie an ihre Hau 
bitzkugeln gebunden, sagt unser Herr, um unsere Stadt nur 
schneller in Brand zu schießen." 
„Eine Ecke vom Schloß haben sie schon getroffen, — aber 
gezündet hat's nicht; nur in der Lindenstraß', dicht beim 
Kammergericht haben sie ein Haus in Brand geschossen. — 
— Großer Gott, das Geschieße nu wieder! wenn sie nur 
doch die Stadt nicht einnehmen!" trippelt sie kreuzschlagend 
wieder zur Thüre zurück. „Na, wenn du nicht mitwillst, ich 
geh; aber unsern Herrn schick ich dir herauf, wenn er kommt!" 
„Wenn er kommt!" schaut die Frau ihr nach, und trotz 
des Kanonendonners sinnt sie, ob ihr Mann trotz all seiner 
sorgenden Geschäftigkeit wohl nicht doch öfter den Weg zu ihr 
ins Zimmer fände, wenn lachende oder weinende Kinder 
stimmen ihn dorthin riefen? 
Ob um die Judenfrau — Thorheit, was hat sie nur 
an die Frau zu denken! — sich wohl muntere Kinder tum 
melten, in deren Fürsorge sie die sonstigen Enttäuschungen 
ihres Lebens vergessen mag? — Vermuthlich wohl, woher 
sonst ihr thatkräftiges Mitsorgen um Andere! 
Sonderbar! Wie selbst in solchen Stunden der Noth, in 
denen man Jedes Gedanken nur auf einen gleichen Punkt 
gerichtet glaubt, in jedem Einzelnen sich die verschiedenartigsten 
Gedanken kreuzen. Und das ist gut! Solche Stunden sind 
oft Saatzeiten schnelltreibender heilsamer Gedankenverbin 
dungen. — 
Die junge Frau dort oben in dem einsamen Zimmer 
sieht sich wieder als die einzige, durch Reichthum und Eltern 
liebe verzogene Tochter ihres väterlichen Heims. Ja, sie hat 
ihr ganzes Leben nicht einmal um sich selber sorgen dürfen; 
und das hat sie unkräftig und unlustig gemacht, nach Anderer 
Sorgen und Bedürfnisse zu forschen. Ohne eigene Mitschuld 
ist sie wohl nicht, wenn sie sich nun gar so oft vereinsamt 
und entbehrlich fühlt. Mangel an Zeit und Mitteln können 
für sie nicht zum Entschuldigungsgrunde dienen. Wer keine 
Freunde hat, hat sie nicht gesucht, oder — verdient nicht, sie 
zu finden! Aber immer nur für sich selber leben, ist auch ein 
traurig Leben! 
So durchkreuzen die mannigfachsten Gedanken ihr Sinnen, 
während sie vergeblich immer wieder hinausspäht, und horcht, 
ob sie ihren Gatten nicht endlich doch heimkommen höre. 
Müde und enttäuscht sucht sie endlich ihre Lagerstatt. 
Mögen die Bomben immerhin über die Stadt dahin fliegen; 
was kümmert es sie? Ihr Wachbleiben kann sie nicht von 
- den ihnen bestimmten Zielen ablenken und lange Wochen noch
        
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