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Periodical volume 22. November 1884, Nr. 8

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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lammet, diese nachdrücklich zu unterstützen verlangt König 
Friedrich nichts Geringeres, als die Rückgabe der im dreißig 
jährigen Kriege von Oesterreich beschlagnahmten Fürstenthttmer 
Liegnitz, Brieg und Wehlau. 
Mit möglichster Langsamkeit hat Graf Götter seine 
Reise vollendet, auch die Verhandlungen weiß er geschickt in 
die Länge zu ziehen, um für Preußen Zeit zur Rüstung zu 
gewinnen; doch wie ihm von Oesterreich die Antwort wird, 
„wie der Sohn dessen, der als Erzkämmerer des Reiches dem 
Kaiser noch habe das Waschbecken reichen müffen, wagen 
könne, der Kaisertochter nun Gesetze vorschreiben zu wollen?" 
zeigt auch er dem Erzherzoge eine Stelle in seines Königs 
Briefe: „Wenn der Erzherzog sich zu Grunde richten will, so 
mag er es thun." Und ungesäumt dann fällt König Fritz, 
— direkt vom Maskenballe fort, kurz vor dem Weihnachtsfest 
Berlin verlassend, — in Schlesien ein. 
Die Abtretung Ober- und Niederschlesiens an Preußen 
sind die Errungenschaften dieses kecken Vertrauens in die 
eigene Kraft. 
Karl Albert von Baiern, als Karl VII. zum deutschen 
Kaiser gekrönt, ist dann gestorben, und Maria Theresia hat, 
vom glückbegünstigten Gegner nicht mehr bedrängt, sich schnell 
mit Frankreich und Rußland verbündet, um die verlorenen 
Landestheile zurückzugewinnen und den allzukecken Preußen 
könig thunlichst wieder zu einem Kurfürsten herabzudrücken; 
hat doch auch die Marquise Pompadour, die allmächtige Fa 
voritin König Ludwigs, die eben, wie die Czarin Elisabeth, 
sich persönlich beleidigt glaubt, in dem sich nun entspinnenden 
Kriege dem General Soubise in eigenhändigem Briefe befohlen, 
den „Marquis de Brandebourg" ihr als Gefangenen nach 
Paris zu senden. 
Lachend aber singen Friedrichs Soldaten: 
„Und wenn der große Friedrich kommt, 
Und klopft nur auf die Hosen, 
So läuft die ganze Reichsarmee, 
Panduren und Franzosen." 
So stehen die Angelegenheiten, als der Herbst des Jahres 
1759 naht- 
Drei Jahre bereits währt der Krieg; manche Schlacht 
hat Friedrich gewonnen, andere verloren, doch keine Nieder 
lage erlitten, die ihn so schwer getroffen, wie eben jetzt die bei 
Kunersdorf, daß er verzweifelnd rufen mag: „Giebt es denn 
keine verwünschte Kugel für mich!" Nur die Uneinigkeit der 
Sieger rettete den Rest des preußischen Heeres, das sie bei 
geschickterer Benutzung ihres Sieges leicht ganz hätten ver 
nichten können. 
Seine Hauptstadt vor ihnen zu schützen, sieht Friedrich 
sich außer Stande- 
Der Chaffeur, den er sofort entsandt hat, seine getreuen 
Berliner zu warnen, hat erst nach vier Tagen die Hauptstadt 
erreicht; und Bestürzung und Verwirrung herrscht überall. 
Vor dem Hause Gotzkowsky's in der Brüderstraße hat 
sich die Menge geschaart- 
Man weiß, daß in den feuerfesten Gewölben des Hauses 
die wcrthvollen Gemälde lagern, die Gotzkowskh vor Ausbruch 
de? Krieges für die vom Könige für Potsdam geplante Ge- 
inäldegalerie aus Frankreich, Holland, Italien, überall her hat 
verschreiben müffen, und deren Kaufsumme von über 100 000 
Dukaten ihm noch immer nicht hat wiedererstattet werden 
[ können, wie schwere Einbußen er selber auch durch das Dar 
niederliegen aller Handelsunternehmungen erlitten hat. 
Während er sonst auf jeder Leipziger Messe für 40 000 
Thaler seiner Gewebe abgesetzt hat, hat er in den Kricgsjahren 
kaum für 200 Thaler verkaufen und somit nicht einmal die 
Transportkosten decken können. 
Daß er dennoch nicht, wie Andere, seine Fabriken ge 
schloffen hat, um seine Arbeiter — und es sind ihrer weit 
über tausend bereits — die alle erhalten sein wollen, nicht 
verarmen zu lassen; daß er in mancher finanziellen Bedräng- 
niß — und allein schon durch die neu eingeführte leichtere 
Geldwährung ist auch den reicheren Finanziellen manche Ver 
legenheit gekommen — Rath und Hülfe gewußt hat, das 
Alles hat ihm das allgemeine Zutrauen gewonnen. 
Wo anders als im Schutze seines Hauses darf man die 
eigene Habe vor den andrängenden Feinden gesichert hoffen? 
Ohne viel Sinnen und Fragen haben Nachbarn und 
Freunde herbeigeschleppt, was in der allgemeinen Verwirrung, 
die sich Aller bemächtigt, ihnen von ihrem Besitz das Werth- 
vollste erschien. Mit Trägern, Bündeln und Karren halten 
sie vor dem Hause, Gotzkowskh's Name auf Aller Lippen und 
jedes Auge fragend zu Thor und Fenstern emporgerichtet. 
Man versteht nicht, warum die sonst so gastliche Thüre 
sich nicht öffnet, warum der Hausherr sich noch immer 
nicht zeigt. 
Was man als besondere Gunst zu erbitten kam, erscheint 
bereits, da gar so viele mit anscheinend gleichem Rechte 
Gleiches zu fordern kamen, als eine Berechtigung, durch deren 
verzögerte Gewährung — und die Zeit drängt, in wenigen 
Stunden mögen die Feinde vor den Thoren sein — man sich 
gekränkt fühlt. 
Immer größer wird der Haufe. Unter die umwohnenden 
Christen mischen sich bereits handschlagend und in ihrem un 
verständlichen Kauderwelsch mit einander berathend, vereinzelte 
Israeliten, gefolgt von ihren sogenannten „Gästen", die, selbst 
in dieser bedrängten Kriegszeit bei ihren Glaubensgenossen 
für den Sabbath eines Obdachs und guten Mahles gewiß, 
in die Stadt kamen und nun unerbeten ihre Handreichungen 
und Rathschläge aufdrängen. Daneben Müßiggänger aller 
Art oder arme Teufel, die durch den Krieg ihre geringe 
Habe verloren oder überhaupt nichts zu verlieren hatten, und 
neben schwarzgekleideten Frauengestalten, bereit Väter und 
Söhne auf dem Schlachtfelde geblieben, invalide Krieger, die 
als kriegsuntüchtig heimgesandt, trotzdem sie der Stadt nun 
zur Last fallen, durch ihre Großsprechereien die allgemeine 
Angst nur schüren. 
„Mit den Kosacken sollt Ihr was erleben," sagt der Eine, 
„und die Oesterreicher erst! Nicht das Kind im Mutterlcibe 
will er schonen, hat London gesagt." 
„Pah, unsere Soldaten sind keine Kinder und schwanger 
sind sie auch nicht! Das hat ihm schon der Schwerin retour 
sagen lassen," wettert ein schnauzbärtiger Sergeant, den Arm 
in der Binde. „Es ist nur, daß uns der Daun bei Kollin 
eins ausgewischt und juft nun auch der Tottleben mit 
12 000 Russen von Frankfurt heranrückt! Verdammt, daß 
unser Eins mm nicht dabei sein kann! Mit den halbwüchsigen 
Jungen und den sächsischen Bauerntölpeln, die sie mit sammt den 
Ucberläufern nun aus purer Noth in die Montur gesteckt, soll's 
König Fritz wohl lassen, die Kolliner Schlappe auszuwetzen."
        
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