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Periodical volume 16. November 1884, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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man müßte täglich ein gutes Gedicht lesen, ein schönes Gemälde 
sehen, ein schönes Lied hören — oder ein herzlich Wort mit 
einem Freunde reden, um auch den schönen, ich möchte sagen: den 
menschlicheren Theil unseres Wesens zu bilden." Schon in diesem 
Briese spricht er von einer „Beklommenheit, die ihn zuweilen 
plötzlich ergreife" und bemerkt „mit Verdruß, daß sie ihn oster und 
öfter ergreife." — Da taucht schon vor seinem Berliner Aufenthalte 
das spätere Gewitter wie im Wetterleuchten auf. Höchst eigenthüm 
lich ist der 3. Brief, der das Lob des charaktcrstarken Mannes 
singt, der sich „über sein Schicksal erhebt." Man sollte es nicht 
für möglich halten, daß der Jüngling, der so Kühnes plante, als 
Mann dennoch so elend Schiffbruch litt! — Beherzigcnswerth ist 
dieser Brief für unsere Zeit, welche mit so großem Geräusch die 
Emanzipation der Frauen erstreben will, dadurch, wie er seiner 
geliebten Schwester die Abneigung gegen die Ehe und den Hang 
zur Selbstständigkeit vorwirft. Er malt das Loos des ehrlosen 
Weibes vortrefflich: „Nicht einen Zaun, nicht einen elenden Graben 
kannst Du ohne Hilfe eines Mannes überschreiten, und willst allein 
über die Höhen und über die Abgründe des Lebens wandeln? — 
Im 4. Briefe beklagt er sich „daß ihn das Brüten über die 
schwangere Zukunft wieder ganz verstimmt habe." Am 14. August 
1800 traf er „gesund und vergnügt" hier ein. In Potsdam hatte 
er als Offiziere zwei oftgenannte Freunde zurückgelaffen: Rühle 
von Lilienstern und Ernst von Pfuel. Hier wohnte er mit dem 
Bruder seiner Wilhelmine, einem jungen Lieutenannt von Zenge, 
zusammen, doch hatten sie Beide innerlich nichts zu theilen. Noch 
im Spätherbst unternahm er mit seinem Freunde Brokes eine 
Reise nach Süddeutschland, angeblich im Aufträge des Ministers 
Strucnsee, kehrte Ausgangs Oktober froh und hoffnungsreich von 
Würzburg hierher zurück, wohnte im Winter den Sitzungen der 
technischen Deputation im Finanzministerium bei und sollte sich im 
Frühjahr 1801 bestimmt über die Annahme eines Amtes erklären. 
Doch nun schwankt er hin und her: eine feste Stellung ist ihm ver 
haßt. Müffe es ein Amt sein, so könne ihn nur ein akademisches 
Lehramt befriedigen. So wird ihm der Winter immer unerträglicher 
und er will Berlin verlassen, sobald er seine Studien beendet. In 
dieser Unentschlossenheit, wo er sich überzeugt, daß er ganz unfähig 
sei, ein Amt zu führen, fühlt er sich in den Mauern Berlins stets 
einsamer und unglücklicher. Selbst die „letzte Säule, an der er 
sich sonst in dem Strudel des Lebens gehalten", die Liebe zu den 
Wissenschaften, wankte bereits. So verläßt er denn Berlin und 
reist mit seiner Schwester nach Paris, die ihn in Männerkleidern 
begleitet, in Paris als Mann an seinem Arme stolzirt und selbst ganz 
allein in Männerkleidung Wieland einen Besuch machte, von welchem 
Besuche Kleist schreibt: „Er hat nicht gewußt, daß du es bist, der 
ihn besucht hat." — Vor dieser Reise ließ er sich für seine Braut 
von Krüger malen, einem Berliner Portaitisten, der damals sehr 
geschätzt war. Dies Bild ist das einzige, das wir vom Dichter 
besitzen; allein es ist sehr nüchtern, und der heitere Ausdruck ist 
ein erzwungener und unnatürlicher. Ueber die hohe Stirn fällt das 
vorn übergestrichene Haar; auffallend sind die vollen Lippen und 
der rundliche Kopf. Dies bartlose Gesicht ist ja bekannt. L. Tieck 
sagt: „Er war von mittlerer Größe und ziemlich starken Gliedern. 
Er schien mir mit den Bildern von Torquato Tasso Aehnlichkeit zu 
haben; auch hatte er mit diesem die etwas schwere Zunge gemein." — 
Blättern wir nun in den Berliner Briefen! Da heißt es in 
dem ersten, den er sofort nach seiner Ankunst seiner Schwester 
sendet: „Wenn auch die Hülle des Menschen mit jedem Monde 
wechselt, so bleibt doch eins in ihm unwandelbar und ewig: Das 
Gefühl seiner Pflicht." — Da zu der Reise mit Brokes deffen 
Wechsel ausbleibt, so ersucht er seine Schwester, ihm 100 Du 
katen vorzustrecken. Brokes reiste als Bernhoff, Student der 
Oekonomie, Kleist als Klingstedt, Student der Mathematik. Er 
selbst gesteht, daß er zwar das halbe Deutschland durchreist sei, doch 
nichts gesehen habe und daß er von Würzburg in 5 Tagen nach 
Berlin gereist sei. Tag und Nacht, um zum 1. November wieder 
an Ort und Stelle zu sein. Dafür finden ihn Alle „seelenheiter", 
und er selbst sagt: Jetzt erst öffnet sich mir Etwas, das mich aus 
der Zukunft anlächelt wie Erdenglück." Doch die 300 Thaler haben 
zu der Reise nicht gelangt, Brokes hat ihm mit 200 Thalern aus 
helfen müssen, und so muß die majorenne Schwester wieder den 
Bankier spielen. Uebers Jahr, wo er endlich majorenn, verspricht 
er Rückzahlung. Er nennt zugleich sein junges Leben „ein Leiden 
von 24 Jahren." 
Im 9. Briefe, wo er sich für die 260 Thaler bedankt, heißt 
es: „Ich fühle mich zu ungeschickt, mir ein Amt zu erwerben, zu 
ungeschickt, es zu führen, und am Ende verachte ich den ganzen 
Bettel von Glück, zu dem es führt." Der Brief, der sein Ver 
hältniß zum Könige beschreibt, ist dann von einem ungeheuren 
Stolze diktirt. 
Im 10. Briese nennt er den Aufenthalt in Berlin einen 
„äußerst theuern," für ihn besonders durch die vielen Besuche aus 
Potsdam, und es spielt wieder eine Summe von 200 Thalern 
ihre Rolle. Berlin ist ihm ein „trauriger" Ort; er wünscht, ihm 
sobald als möglich den Rücken lehren zu können. Er will nicht 
früher sein Zimmer verlassen, bevor er nicht über seinen Lebensplan 
einig; so giebt er sich acht lange Tage Stubenarrest. Doch als 
er nach diesen acht Tagen doch sein Zimmer nothgedrungen ver- 
laffen muß, ist er noch immer so unentschlossen, wie zuvor. In 
Gesellschaften kommt er selten; einmal hat er getanzt: „Ich passe 
mich nicht gut unter die Menschen: sie gefallen mir nicht. Froh 
kann ich nur in meiner eigenen Gesellschaft sein, weil ich da ganz 
wahr sein darf. Das darf man unter Menschen nicht sein, und 
Keiner ist es." Wir müssen hier die Stelle aus einem Briefe an 
seine durch ihn gemarterte Braut einfügen, weil sie uns nicht nur 
lebhaft das Treiben des Dichters hier in Berlin, sondern trefflich 
sein ganzes Herz, seine Unmännlichkeit zeigt: 
„Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit 
nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. 
Jst's das Letztere, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach 
dem Tode nichts mehr — und alles Streben, ein Eigenthum sich zu 
erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich. — 
Wenn die Spitze dieses Gedankens dein Herz nicht trifft, so lächele 
nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern 
davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist ge 
sunken und ich habe keins mehr. — Seitdem habe ich kein Buch 
mehr angerührt. Ich bin in meinem Zimmer umhergegangen, ich 
habe mich an das offene Fenster gesetzt, ich bin hinausgelaufen 
in's Freie, eine innerliche Unruhe trieb mich zuletzt in Tabagien 
und Kaffehäuser, ich habe sogar, um mich zu betäuben, eine Thor 
heit begangen. — An einem Morgen wollte ich mich zur Arbeit 
zwingen, aber ein innerlicher Ekel überwältigte meinen Willen. 
Ich hatte eine unbeschreibliche Sehnsucht, an Deinem Halse zu 
weinen, oder wenigstens einen Freund an die Brust zu drücken. Ich 
lief, so schlecht das Wetter auch war, nach Potsdam; ganz durch 
näßt kam ich dort an, drückte meine beiden Freunde ans Herz, 
und mir ward wohler." 
Wahrlich, Wilhelmine von Zenge konnte nach solchem Liebes 
briefe tiefes Mitleiden zu dem Beklagenswerthen fühlen — doch 
ihre Liebe mußte nach solchem Einblicke in das Herz ihres Ver 
lobten erstorben sein. Ein gutes Mittel, das sich bei Tausenden 
bewährt, lag so nahe — er war zu schwach, es zu ergreifen: ernste 
Arbeit, strenge Erfüllung der Pflicht! — 
Im 11. Briefe an seine Schwester Ulrike nennt er sich ein 
„Opfer der Thorheit, deren die Kantische Philosophie so viele auf 
dem Gewiffen hat. Mein einziges und höchstes Ziel ist gesunken 
ich habe keines mehr. Seitdem ekelt mich vor den Büchern." So 
wirft er sich dem tollsten Strudel des wildesten Lebens in die
        
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