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Volume 16. November 1884, Nr. 7

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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mußte. Allein bei dem nun folgenden Zwiegespräche verweigerte 
der junge Dalöme jede Auskunft. „Hast Du Geld nöthig?" bat 
ihn der Vater. „O nimm den Schlüssel hier zum Sekretair! 
Nimm Dir, was Du gebrauchst!" — „Ich brauche nichts!" 
Sie kehrten zurück. Ich hatte mich unterdessen aus Zufall bei 
Herrn Dalvme eingefunden, mit welchem auch ich durch Herrn von 
Sourdis bekannt geworden war. Wie lebendig steht das schweig- j 
same Souper vor meiner Seele! Die liebenswürdigen Damen ver 
suchten umsonst, Herrn Dalöme den Jüngern zu erheitern; — wir 
konnten sein düsteres und kaltes Wesen nicht bannen! Um eilf Uhr 
Nachts verließen wir das Haus. 
Der Sohn hatte dem Vater gute Nacht gesagt; dann ließ er 
die Mörder ein. Sie fanden den alten Herrn noch wachend; er 
wollte zur Pistole greifen, als sie eintraten. Da sah er seinen 
Sohn an der Spitze der Briganten. Wie einer derselben später 
bekannt hat, rief er dem Verbrecher zu: „Mein Sohn, was hab' 
ich dir gethan, daß du mich ermorden willst?" — Der Sohn er 
widerte nichts; er ließ die That sofort vollziehen. Der alte Herr 
wehrte sich verzweifelt; er faßte sterbend den Rock seines Sohnes 
und ließ denselben nicht mehr los. Man mußte nachher den Zipfel 
abschneiden und ihn stückweise der Hand des Todten entreißen. 
Dann wurde aller Apparat der Art vertheilt, daß man einen Raub 
mord voraussetzen mußte. Die Untersuchung ergab kein Resultat. 
Mit den Schätzen seines Vaters beladen, begab sich der unnatür 
liche Sohn nach Italien, woselbst er spanische Dienste nahm. Ich 
sah ihn noch einmal: als einen Sterbenden traf ich ihn nach der 
Einnahme von Vercclli auf einer der Straßen der Stadt. Da 
hielt er mit einem Geständnisse nicht mehr zurück, und es war 
in Folge meiner Anzeige wenigstens noch möglich, die vier Mörder 
zur Rechenschaft zu ziehen. Bei einem der Stadtthore von Bor 
deaux an der Riviera ist das furchtbare Verbrechen durch einen 
Sühneobelisk von Marmor verewigt — zur Warnung für allzu 
gütige Eltern. — (Fortsetzung folgt.) 
Kleist in Sertin.^) 
Von fflitfirtm ptisrfi. 
„Ach, es ist eckrlhast zu leben!" 
(Ln einem öriefe an seine Lraut.) 
„Die Hölle gab mir meine halben Talente; 
der Himmel schenkt dem Menschen ein 
ganzes oder gar kinS." 
(LdendastldL.) 
Obgleich Heinrich von Kleist, der Romantiker, kein Lieblings 
dichter der Geschichtsfreunde und Geschichtsforscher ist, die ihm seine 
Willkür in der Behandlung geschichtlicher Stoffe, wie in seinem 
Prinz Homburg und in seinem Michael Kohlhaase schwer ver 
zeihen können; obgleich der Mann mit dem zerrissenen Gemüth, 
den seine Willensschwäche bis zum Selbstmorde führte, welchen 
man romantisch genug mit erlogener unglücklicher Liebe und über 
großer Vaterlandsliebe begründen wollte, kein Freund energischer 
und streng sittlicher Naturen sein kann: — so ist doch der Dichter 
des Käthchen von Heilbronn mit der hochpoetischen Traumscene 
so populär, daß es wohl gerechtfertigt ist, die Jahre seines 
Lebens besonders hervorzuheben, welche er in unserm Berlin zu 
brachte, und zu hören, welche Gedanken und Gefühle in den Ber 
liner Stunden das arme Herz des Unglücklichen durchwogten. 
Sind es auch viel trübe Bilder, die ich da entrollen muß, so läßt 
sich doch für das eigene Leben viel aus solchen Scenen lernen. 
Mag auch immerhin eine besondere Jugendstimmung dazu ge 
hören, das hochromantifche Käthchen von Heilbronn mit gläubigem, 
begeisterten Herzen genießen zu können, und Hilst auch die vorzüg 
lichste Darstellerin dem gereisten Zuschauer nicht über manches Kopf- 
’) Als Vortrag gehalten im „Berliner Geschichtsverein". 
schütteln, ja Lächeln hinweg: so ist doch sein zerbrochener Krug 
ein so vorzügliches Werk, daß wir es in Kleist's Interesse beklagen 
müsien, daß diese Perle deutscher Lustspiele unsere Theater ziemlich 
unbenutzt liegen lassen. Folgen wir aus diesen Berliner Blättern 
dem Schicksale eines verfehlten Lebens, so haben wir cs doch mit 
einem glänzenden Talente zu thun, einem märkischen Dichter, einem 
Berliner. Jnteresiant bleibt es immer, zu wissen und zu erfahren, 
in welchem Verhältnisse unsere berühmten Dichter zu unserm Berlin 
standen, und so hat denn auch Heinrich von Kleist ein Recht, in 
dieser Gallerte seinen Platz zu finden. 
Wer sich in dieser Hinsicht näher belehren will, der findet 
reichen Ausschluß in dem Leben des Dichters, das uns Ed. von 
Bülow nach Ludw. Tiecks Vorgang 1848 entworfen hat, in den 
Ergänzungen, welche sich in Julian Schmidt's Einleitung vorfinden, 
die der neuen Ausgabe von Kleist's Werken vorgedruckt ist und in 
der trefflichen Biographie des Dichters von vi. Adolf Wilbrandt*). 
Wer jedoch selbstständigen Einblick in die Geschichte seines Innern, 
in die Reihenfolge seiner Seelenkämpfe und Seelenleiden gewinnen 
will, dem sind besonders die Briefe des Dichters an seine 
Schwester Ulrike zu empfehlen, die Dr. A. Koberstein 1860 er 
scheinen ließ. Aus dieser unmittelbaren Quelle ist auch unser 
Berliner Bild geschöpft, und wir werden oft den eigenen Worten 
des Dichters lauschen. 
Geboren am 10. Oktober 1776 zu Frankfurt a. O. im elter 
lichen Hause an der Oderstraße, dem jetzigen Gasthof zum Prinzen 
von Preußen, verlor er als elfjähriger Knabe seine Eltern und 
kam nach Berlin, um hier dem Prediger Catel zu seiner weiteren 
Ausbildung anvertraut zu werden. 1795 finden wir ihn als 
4. Fähnrich im Regiment Garde zu Fuß zu Potsdam. Eine un 
glückliche Liebe soll auf den jungen Soldaten eingewirkt haben, 
daß er sich dem Studium philosophischer Werke in die Arme warf, 
sein Aeußeres und damit wohl auch den Dienst vernachlässigte, 
seinen Abschied nahm und nach seiner Vaterstadt ging, um daselbst 
zu studiren. Hier fand er seine Schwester und seinen Bruder, einen 
Militair, und hier verlebte er wohl als der Geliebte von Fräulein 
Wilhelmine von Zenge die glücklichsten Stunden seines unruhigen 
fieberhaften Lebens. Um seine Studien fortzusetzen und sich auf 
ein Staatsamt vorzubereiten, kam er 1800 zum zweiten Male nach 
Berlin, und so sehen wir denn den Dichter, der bereits einmal als 
kleiner Pensionär von Frankfurt kam, jetzt als Studenten seinen 
Einzug halten. Seine Briefe an seine Schwester Ulrike werden 
uns offenbaren, mit welchem Herzen der Student seinen Einzug 
hielt, mit welchen Gedanken und Plänen. Schon im folgende» 
Jahre 1801 sehen wir die tiefe Verstimmung seines Gemüths den 
unseligen Einfluß auf sein Leben und Handeln ausüben. Der 
Dichter selbst wird uns später bekennen, daß die übermäßige geistige 
Anstrengung zu Frankfurt seine Gesundheit untergraben habe und 
damit die erste Ursache seiner Schwermuth gewesen sei. 
Die oftgenannten Briefe beginnen mit dem 25. Februar 1795, 
und da für uns erst ihre Wichtigkeit mit dem Datum 1800 anhebt, 
so überschlagen wir die ersten 4, nur einige Auszüge hervorhebend, 
die doch wichtig sind. So heißt es im ersten Briese: „Gewöhn 
lich denkt sich der Geber so wenig bei der Gabe, als der Empfänger 
bei dem Danke; gewöhnlich vernichtet die Art zu geben, was die 
Gabe selbst vielleicht gut gemacht haben würde." Im 2.: „Bei 
dem ewigen Beweisen und Folgen verlernt das Herz fast zu fühlen; 
und doch wohnt das Glück nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht 
im Kopfe, nicht im Verstände. Das Glück kann nicht wie ein 
mathematischer Lehrsatz bewiesen werden: es muß empfunden 
werden, wenn cs da sein soll. Daher ist es wohl gut, es zuweilen 
durch den Genuß sinnlicher Freuden von Neuem zu beleben; und 
*) Neuerdings ist die vortreffliche Kleistbiographie von Dr. D. Brahm 
hinzugekommen.
	        
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