Path:
Periodical volume 16. November 1884, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 11.1885

106 
ich in jener Nacht ruhte. Früh Morgens begab ich mich dann 
nach Paris in das Kriegsministerium. Ich fand einen Kanzlisten 
bereits damit beschäftigt, mein Patent auszufertigen. Ich ging 
daher sogleich zu meinem Obrist-Lieutenant. Ich erzählte ihm das 
Vorgefallene. Er gab mir einen Rath für die Zukunst, — einen 
guten, klugen Rath, frei von jedem schulmeisterlichen Pedantismus, 
in großer Auffassung des Lebens. O hätte ich seinen Rath niemals 
vergessen! „Lasten Sie Niemand wiffen, wer Sie beschützt!" So 
lautete derselbe. „Gehen Sie stets den graben Weg und suchen 
Sie Alles sich selbst zu verdanken!" — 
Selbstverständlich mußte ich meinen Freunden meiner Be 
förderung halber einen Schmaus geben. Wir saßen in bester Laune 
beim Mahle, als ein Bote der Frau von Maintenon erschien und 
nach dem Marquis von Langallery fragte. Ich verließ das Zelt. 
Draußen übergab mir der Mann, — er war so etwas wie ein 
Intendant, — ein Packet von Frau von Maintenon uud wünschte 
mir Glück zur weiteren Fortdauer der Gunst derselben. Nun ist 
man doch als junger Mann stets überaus neugierig. Ich öffnete 
demnach auch das Packet sogleich. Ich fand in demselben 400 Louis- 
d'or. „Zu Ihrer Equipirung!" hatte die gütige Spenderin der 
Gabe als Erklärung beigefügt. 
In jenem Augenblicke erinnerte ich mich eines dem soeben 
erwähnten ähnlichen Rathes, welchen wir einst mein Oheim, der 
Bischof von Montauban, gegeben hatte. „Nie nenne irgend einem 
Menschen Deine Beschützer;" hatte er mir einst gesagt, „nicht ein 
mal Deinen besten Freunden sprich von ihnen! denn der Neid 
wird es sonst versuchen. Dich bei ihnen in schlechten Ruf zu bringen 
und Dir ihre Gunst zu rauben!" 
Kaltblütig kehrte ich also zu meinen Kameraden zurück; kein 
Zug meines Antlitzes zeugte von der Freude, die mir geworden 
war. „Liebe Kameraden," sprach ich, „Sie haben so lange auf 
mich warten müssen! Entschädigen Sie mich jetzt durch Ihr weiteres 
Verbleiben bei Tisch!" — Wir setzten uns wieder, und noch die 
steigende Sonne des nächsten Morgens war Zeugin unserer fröh 
lichen Laune. Ich äußerte kein Wort über die Veranlassung 
meiner Beförderung. Man rieth hin und her. Ost kam eine 
scharfsinnige Natur der rechten Fährte ziemlich nahe. Ich hatte 
kann mein Möglichstes zu thun, um der scharfen Spürhundnase 
eine falsche Witterung zu geben! — 
Nun wieder ein Scheiden! Unter dem Bedauern meiner Kame 
raden ging ich zu dem Regimeitte „Dauphin" ab. 
Farblos aber war die nächste Zeit! Auf dem Kriegsschauplätze 
passirte nichts. Ich erbat mir endlich die Vergünstigung, in meine 
Heimath zu reisen, um zu gleicher Zeit Reserven zu werben. Zu 
Hause fand ich Alles wohl. O reich gebenedeiter Tag! Einer der 
nächsten Abende beschenkte mich, als eben die Sonne von den 
nächsten Bergesgipfeln Abschied nahm, mit einem neuen Erben 
meines Namens. Es war also Ersatz geworden für meinen ersten 
Sohn, den ich bereits wiederum verloren hatte. Ich war so 
glücklich! Ich war befördert und ich war ein froher Vater! 
Mein Obrist mußte trotz meines Schweigens aber erfahren haben, 
woher die Sonne des Glückes mir schien. Muß ich noch sagen, daß 
er mich nun mit vorzüglichster Rücksicht behandelte? Ich konnte thun 
und lasten, was ich wollte; allerdings erwartete man das Höchste von 
mir, sobald das Regiment Dauphin seine Pflicht und Schuldigkeit 
auf dem Kriegsschauplätze thun sollte. Und nun endlich marschirten 
wir wirklich aus dem Hennegau nach Catalonien! — 
Unsere erste Waffenthat galt dort der Veste Palamos unter 
dem Cap Bagur östlich von Gerona. Palamos ist kein großer, aber 
ein sehr fester Platz. Wir hatten eine furchtbare Belagerungszeit 
zu bestehen. Ich selbst litt in derselben schwer. Ich hatte im 
Anfange mehrere leichte Wunden erhalten; endlich aber ward ich 
schwer in die linke Schulter getroffen. Ruhmbegierig, wie ich 
war, hatte ich mit meinem Lieutenant den vordersten Platz in der 
Tranchee mir erbeten. Die feindlichen Geschütze feuerten in formi- 
dabler Weise; — wir mußten zurück; aber der Rückzug geschah 
mit Ehren, und für uns zeugte laut unser auf exponirtester Stelle 
vergossenes Blut. 
Allerdings kam nun auch mir eine unfreiwillige Muße. Aber 
ich konnte doch wenigstens schreiben! Ich richtete also zuerst einen 
Brief an meine Familie, in welchem ich freilich von meiner 
Verwundung nichts erzählte. Dann schrieb ich an Frau von 
Maintenon, meine hinter dem Schleier der Protektorin sich ber 
gende, gütige Freundin. „Die Wunde, die ich erhalten habe", so 
sagte ich in diesem Briefe, „theuerste gnädigste Frau, — sie 
! ist ein kleiner Beweis dafür, daß ich Ihren Rath befolgt, — daß 
ich mich bestrebt habe. Ihnen Ehre zu machen. In unbegrenzter 
Hingebung will ich für Sie fechten, für Sie siegen!" 
Ich muß es bekennen: eine edle, großmüthige Antwort traf 
ein. Ich erhielt das Kreuz des heiligen Ludwig; — Majestät 
gewährte mir außerdem eine persönliche Zulage von 600 Francs. 
Ich hatte also viel nach Hause zu berichten. Dankbaren Herzens 
that ich's; — o wie verlangte meine Seele »ach meiner theuren 
Gattin! Sie antwortete mir schnell und steudig, — ja, hocherfreut' 
über die aufsteigende Bahn, welche meines Lebens Gestirn genommen 
hatte! Meinen heißen Wünschen gegenüber war damals selbst die 
Post zu langsam! Ihre Nachrichten bliebm uns stets allzu lange 
aus! Und nun kam endlich auch ernstere Kriegsarbeit! Alle 
Reiter, alle Grenadiere des Marschalls Noailles wurden vorgezogen, 
um die Spanier aus ihrer Vortheilhaften Stellung zu vertreiben, 
welche bis jetzt noch die Einschließung von Gerona zu einer Un 
möglichkeit gemacht hatte. Wir marschirten die ganze Nacht durch 
und kamen bei Tagesanbruch vor den feindlichen Verschanzungen an. 
Der General-Lieutenant Du Plessis-PrLlin war unser Führer. 
Wir fanden freilich einen überaus hartnäckigen Widerstand. Drei- 
mal wurden wir von den Spaniern unter schweren Verlusten zurück 
geschlagen; ganz besonders hatten die Grenadiere zu leiden. End 
lich, — aber erst nach furchtbarer Mühsal, errangen wir den Sieg. 
So war Gerona nun also cernirt; wenige Tage darauf mußte 
sich die Festung ergeben. Ihre Garnison erhielt bessere Bedingungen 
als die von Palamos. Denn die letztere kam in Kriegsgefangen 
schaft, die Geronesen aber durften mit klingendem Spiele abziehen. 
Ich hatte bei diesen letzten Aktionen keinen Blutstropfen vergossen; 
ein Ehrenhandel aber sollte mich gleichwohl ernstlich in Anspruch 
nehmen. Ich darf mit dem Geständniffe nicht zurückhalten, daß 
ich damals leidenschaftlich spielte. Wann aber fehlen beim Spiel 
Zwistigkeiten? Ich gerieth leider mit einem Kameraden in dergleichen! 
Es ist wahr; — er hatte sich unedel gegen mich benommen; den 
noch wollte ich ihm die Gelegenheit, sich zu rächen, nicht entziehen. 
Wir schlugen uns in der Umgebung des Hauptquartiers; mein 
Gegner strauchelte, nachdem er einen Stoß erhalten hatte, und 
siel. Ich suchte ihm zu Hülfe zu kommen; allein, da brachte er 
mir statt des Dankes eine Stichwunde bei! Auch ich sank auf den 
vom Nachtthaue befeuchteten Nasen nieder; mein Gegner schleppte 
sich zu mir, um mich zu erdrosseln. Mit aller mir gebliebenen 
Kraft wehrte ich mich; unser Kampf war heftig und währte lange 
Zeit. Er hätte vielleicht für uns beide tödtliche Folgen gehabt, 
wenn uns nicht vorübcrschreitende Offiziere bemerkt und getrennt 
hätten. So ward ich in mein Zelt getragen. 
Dort erfuhr ich, mit wem ich mich geschlagen hatte. „Es 
ist ein Capitain vom Regimente „Picardie" ", sagten mir die Offi 
ziere, „ein tapfrer Mann, aber ein unangenehmer und verdächtiger 
Spieler! Wir haben es ihm bereits seit langer Zeit prophezeit, 
daß er durch seine Weise zu spielen, einmal schlimm endigen werde." 
Doch der Wundarzt, nach welchem wir gesendet hatten, erschien 
nicht. So verband mich denn mein Kammerdiener, ein geschickter 
Mensch. Als er sein Geschäft beendigt hatte, erschien der Chirurgus. 
„Vergebung," sprach er, „ich war zu einem Kapitain vom Re-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.