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Volume 10. November 1883, Nr. 7

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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nicht selbst zu dem Freunde gehen, da er Wehlen erwarten 
mußte. Aus seinem Tische lag die Einladungskarte der Frau 
v. Wehlen. Das Bild Gertrud's tauchte vor seiner Seele 
auf. Unter den obwaltenden Umständen mußte er die Ein 
ladung für alle Fälle ablehnen, er konnte das Haus nicht 
betreten, seit er der erklärte Feind des Verlobten der ältesten 
Tochter der Familie geworden, er mußte darauf verzichten, 
Gertrud wiederzusehen, von ihr zu Horen, ob sie ihn wirklich 
nicht habe kränken wollen. Sein Herz entschuldigte sie, auch 
wenn sie das gethan. Er traute es ihr nicht zu, daß sie im 
Hochmuth gehandelt, er zweifelte nicht, daß Rittling auch hier 
die Hand im Spiele gehabt. Die Art, wie Max ihin begegnet, 
hatte ihm ja bewiesen, daß nicht alle Glieder der Familie 
Wehlen so dachten, wie General v. I. es angedeutet. Er 
war heute nahe daran gewesen, daß der Sinnenrausch ihn zu 
Füßen einer Sirene gezogen. Es war ihm jetzt, als habe er 
sich an Gertrud versündigt, als hätte der Gedanke an sie ihn 
panzern müßen gegen die Zauber Nanons. War auch zwischen 
ihm und Gertrud eine unübersteigliche Kluft schon durch Ritt 
ling gesetzt — durfte er diesem reinen Bilde deshalb grollen, 
daß sie ihm seine Annäherung erschwert? 
Max v- Wehlen ließ nicht lange aus sich warten, er kam 
pünktlich zur verabredeten Zeit. Georg hatte Max schon fast 
lieb gewonnen durch die Haltung, die derselbe heute gezeigt, 
er war der Bruder Gertruds, Georg wünschte nichts sehnlicher 
als ihm die Freundeshand bieten zu können. Er kam ihm 
herzlich entgegen. Ich wäre Ihrem Besuche zuvorgekomincn, 
sagte er, aber trotz der Einladung Ihrer Frau Mutter weiß 
ich, daß ich nicht Jedem in Ihrem Hause willkommen wäre. 
Leider steht es so, antwortete Max, der sich in sichtlich großer 
Erregung befand. Aber vor allen Dingen, was ist zwischen 
Rittling und Ihnen vorgefallen? Ich höre, er hat Sie fordern 
müssen, Sie wollen keinen Vergleich. Wissen Sie auch, daß 
die Duelle sehr hart bestraft werden, daß der König nie den 
Duellanten begnadigt, der den Sühncversuch zurückgewiesen. 
Das Gesetz der Ehre verbietet, vor einem Duell über den 
Gegner und die Ursache des Streites zu Dritten zu sprechen, 
antwortete Georg, von wem haben Sie das Geheimniß 
erfahren? 
Von Rittling selbst. Er hat mich ins Vertrauen gezogen, 
weil er hofft, Sie durch mich noch umstimmen zu könnön. 
Er betheuert, daß er keinen Streit gewollt. Er ist bereit, 
Ihnen, so weit es ihm möglich, entgegenzukommen. Wie er 
die Sache darstellt, trifft Sic die ganze Strenge des Gesetzes, 
Sie haben ihn in einer Weise provocirt, die ihn zur Forderung 
gezwungen. 
Und er ist so großmüthig, mir die Strafe ersparen zu 
wollen? versetzte Georg mit bitterem Lächeln. Ob ich dann 
für feige gelte, ist gleichgültig. 
Wer sollte sie für feige halten?! Rittling will seine Worte 
zurücknehmen, sobald Sic erklären, daß Sie sich in gereiztem 
Zustande befunden. 
Das Letztere gebe ich zu, aber ich war durch ihn gereizt, 
nicht ein, sondern zehn Mal, zuletzt heute durch die verächt 
liche Art, mit der er in der Weinstube meinen Gruß beant 
wortete. 
Das ist so seine Art, antwortete Max. Er denkt sich dabei 
nichts Böses, er grüßt mich auch legöre. Er sagt, daß er meine 
Schwester bei Ihnen entschuldigt, daß er Ihnen seine Freund 
schaft angeboten, Ihre Zurückhaltung hätte ihn verletzen können. 
Er meint, der Herr v. Wulffen habe Sie gegen ihi, gereizt. 
Mein Gefühl sagt mir, antwortete Georg, daß Sie Herrn 
v. Rittling zu günstig beurtheilen, Sie hätten sonst wohl auch 
bemerkt, wie es ihn reizte, als ich ihm heute in Ihrer Gegen 
wart widersprechen mußte. 
Das habe ich bemerkt, aber ich trage die Schuld. Ich 
habe mich inzwischen davon überzeugen müssen, daß meine 
Mutter Rittling ein Vertrauen geschenkt, von dem ich nichts 
wußte. Mir ist dieser Herr v. Padillon eine widerwärtige 
Persönlichkeit, es empörte mich, daß er sich angemaßt, von 
Wünschen meiner Mutter zu sprechen; ich habe leider erfahren 
müssen, daß Rittling ein Recht gehabt, ihn dazu zu autorisiren. 
Es war Rittling peinlich, die Sache in dem Lokal zu erörtern, 
er war erregt — ich bin überzeugt, Sie verkennen ihn- Er 
hat in seinem Wesen etwas Hochmüthiges, für Viele Ab 
stoßendes, aber er hat ein ehrliches, braves Herz und wo er 
Jemand die Hand reicht, da erwartet er Vertrauen. Der Herr 
v. Wulffen hat einen tiefen Haß gegen ihn, Rittling schreibt 
es seinem Einflüsse zu, daß Sie gegen ihn so empfindlich sind. 
Wie er sein Zerwürfniß mit Wulffen, den er für todt gehalten, 
schildert, ist der Mann zu beklagen, aber Rittling hat sich 
nichts vorzuwerfen. 
Herr v. Wehlen, antwortete Georg, über die Angelegen 
heit des Herrn v- Wulffen ist mir die Zunge gebunden, aber 
ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Urtheil über Herrn v. Rittling 
sich niemals ändere, daß er Ihrer Freundschaft und der Hoff 
nungen, die Ihre Fanülie auf ihn setzt, sich würdig zeigt. 
Gestatten Sic aber mir, daß ich, ohne Sie kränken zu wollen, 
an meinen Ueberzeugungen festhalte. Ich gebe Ihnen mein 
Wort, daß ich, um mir Ihre Freundschaft zu ertverben, Alles 
thun würde, was nicht gegen mein innerstes Gefühl. Ich bin 
überzeugt, daß Herr v. Rittling, wenn er glaubte, daß Sie 
mich umstimmen könnten, gewiß keine versöhnliche Stimmung 
zur Schau getragen hätte. 
Das ist ein Argwohn — wollte Max auffahren, aber 
Georg unterbrach ihn. Ich bitte Sie, sagte er, fällen Sie 
kein Urtheil. Schon aus dem, was Herr v. Rittling mir 
durch Herrn v- Padillon zumuthen ließ, ersehe ich zur Genüge, 
welchen Character er besitzt, oder doch mir gegenüber zur 
Geltung bringt. 
Max erhob sich, es war ihm anzusehen, daß er ungern 
die Bemühung aufgab, um deretwillen er gekommen, daß ihn 
aber dieser hartnäckige Widerstand Georgs bitter stimmte. Herr 
Albert, sagte er, die besten Absichten führten mich her, aber 
ich sehe, daß Ihr Haß gegen Herrn v. Rittling Sie taub gegen 
wohlmeinende Vorstellungen macht und ich bedaure das um so 
mehr, weil Rittling, wenn er Ihrer Ansicht nach einen zweifel 
haften Character gezeigt, nur in dem Eifer, den Interessen 
meiner Familie zu dienen, sich vergessen haben kann. Ich darf 
über meinen Freund und zukünftigen Schwager keine schroffen 
Aeußerungen anhören, ich bedaure, daß Sie mir nicht das 
Vertrauen schenken, ein richtiges Urtheil über Jemand zu fällen, 
mit dein ich seit langer Zeit intim verkehre, aber ich habe 
gethan, was mir die Pflicht gebot und trage keine Schuld 
daran, wenn mein versöhnlicher Schritt ein vergeblicher gewesen- 
Es lag in diesen Worten ausgesprochen, daß Max v. Wehlen 
seine Beziehungen zu Georg als abgebrochen ansehe und Albert, 
der ihn in dieser Stunde hochachten gelernt, hätte viel darum
	        
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