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Periodical volume 3. November 1883, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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mußte etwas Ungewöhnliches sein, das den Vicomte nicht blos ; 
zu einem Morgenbesuche bei seiner Frau veranlaßte, sondern 
ihm auch die Formen der höflichen Rücksicht vergcsien ließ und 
die Verletzung dieser letzteren war es vorzüglich, was Ranon 
vor Unmuth errölhen machte. Das junge Weib fühlte instinct- 
mäßig, daß sie ihre Rechte beim ersten Angriff derselben wahren 
mttffc und als die ersten Worte des Vicomte ihr verriethen, 
daß kein außerordentlicher Vorfall ihn entschuldige, daß er 
nur ein Gespräch mit ihr wünsche, unterbrach sie ihn mit der 
Frage, ob ihre Zofe ihm nicht den Eintritt verwehrt, ihm 
nicht gesagt habe, daß sie noch Niemand empfangen wolle. 
Das bleiche, hagere Antlitz des Vicomte röthete sich, es 
schien, als ob die Backenknochen noch mehr hervortraten, sein 
schwarzes Auge erhielt einen stechenden Glanz. Madame, er 
widerte er in gereiztem, strengen: Tone, Betty sagte mir, daß 
Sie allein zu sein wünschen, aber der Portier hat Befehl, eine ge- 
wiffe Person zu Ihnen zu lasten, für diese wollen Sie allein 
sein und ich erachte es für nothwendig, mit Ihnen zu sprechen, 
ehe Sie den Lieutenant Herrn Albert empfangen. 
Eine dunkle Blutwelle stieg Ranon ins Antlitz und ließ 
sie gleichzeitig bis zum Nacken herab erglühen. Seit wann 
hat der Portier Auftrag, Ihnen über Befehle, die ich ihm 
sende, Bericht zu erstatten? fragte sie in erregtem Tone, bin 
ich Ihre Gefangene oder Ihre Gemahlin? 
Theure Nanon, Ihr Mißtrauen ist mir unerklärlich. Ich 
erfuhr die Sache durch eine zufällige Frage und mir lag der 
Argwohn fern, daß Ihre Aufträge an den Portier Geheimniffe 
für mich sein sollen. 
Nanon erröthete heftiger, der versteckte Hieb in diesen 
Worten erbitterte sie noch n:ehr. Sie verrathen Mißtrauen, 
entgegnete sie heftig, indem Sie meinen Wunsch nicht respec- 
tiren, Herr Vicomte. 
Würde ich Mißtrauen hegen, versetzte er, so hätte ich 
das Anmelden des Besuchs untersagt, aber ich habe keinen 
Anlaß dazu. Ich wollte Ihnen nur einige Notizen geben, ehe 
Sie den Herrn empfangen. 
Und ich habe keine Lust, solche jetzt zu hören, gab Nanon 
zurück, führen Sie Ihre unerhörte Drohung aus, Herr Vicomte, 
weisen Sie Besuche ab, die ich erwarte, verschließen Sie die 
Thüren, dringen Sie mit Gewalt bei mir ein, behandeln Sie i 
mich wie eine Sclavin, nehmen Sie nur die Maske ab, ich 
ahnte es längst, daß man mich verkauft. 
Nanon verhüllte ihr Antlitz mit den Händen und Thränen 
entströmten ihren Augen. 
Der Vicomte biß sich vor Aerger auf die Lippen. Er 
durchschaute die Komödie, er knirschte darüber, daß Nanon 
eine Haltung annahm, die cs ihm unniöglich machte, eine für 
ihn sehr ernste Angelegenheit mit ihr in ruhiger, vernünftiger 
Weise zu besprechen. 
Sie wollen mich nicht verstehen, rief er ungeduldig, Sie 
spielen die Beleidigte ohne alle Ursache. Ich habe inich darein 
gefunden, daß Sie mir eine fast abstoßende Kälte gezeigt, ich 
hoffte mit der Zeit mir Ihre Freundschaft, Ihr Vertrauen zu 
erwerben, ich ließ Ihnen jede Freiheit, aber obwohl wir erst 
kurze Zeit zusammen wohnen, scheint es, als sei ich Ihnen in 
derselben schon verhaßt geworden, denn Sie legen Alles, was 
ich sage, mit Bitterkeit aus, Sie greifen sich Anklagen gegen 
mich aus der Luft. Wir sind mit einander unauflöslich ver 
eint und da dächte ich, müßten wir wenigstens unsere Jntereffcn 
gemeinsam verfolgen. Ich bescheide mich, von Ihrem Herzen 
verbannt zu sein, ich bin ein alter Mann, aber ich wollte eher 
als Ihr Sclave um Ihre Gunst buhlen, als einem so schönen 
Auge Thränen entlocken. Ich weiß ineine Ehre sicher in Ihren 
Händen, Biadame, und werde Sie nie durch Eifersucht be 
leidigen. Es handelt sich heute allein um unsere beiderseitigen 
Jntereffen, um das Vermögei:, Madame, das ich einmal meiner 
Wittwe hinterlasse. 
Nanon schaute auf und ihr Auge lächelte spöttisch in Thränen. 
Sie scherzen, Herr Vicomte, versetzte sie, an mich denken Sie 
dabei wohl am wenigsten. Sie lasten mich zwar, da ich Ihre 
Gattin bin, in glänzender Ausstattung leben, aber ich muß 
zusehei:, wie mein Bruder verhungert. Oder hätten Sie ohne 
mein Misten etwas für denselben gethan? 
Nanon, Sie sind sehr bosbaft. Sie wisten, daß das 
Vermögen, welches Sie mir zugebracht, stark zusammenge 
schmolzen ist, daß ich es verwende, um in den Besitz meines 
Fainilienerbes zu gelangen, daß ich also unmöglich davon 
Jeinand erhalten kann, der eine Jahresrente in wenig Wochen 
verpraßt. Aber gerade von Ihren: Bruder wollte ich reden. 
Herr de Padillon, für den ich mich durchaus interessircn soll, 
hat sich, wie ich aus sicherer Quelle erfahren, mit meinen 
Gegnern vereint. Er unterhält einen intimen Verkehr mit dem 
Baron v. Rittling, den Sie, Madaine, für einen Ihrer Ver 
ehrer halten, der aber der Verlobte einer Tochter der Frau 
v. Wehlen ist und ich argwöhne stark, daß Herr de Padillon 
von demselben durch Versprechungen bestochen ist, gegen mich 
zu intriguiren. Man will entdeckt haben, daß der Herr Albert, 
den Sie heute erwarten, der Sohn der verschollenen Comtesse 
Alibert sei, Sie begreifen, daß durch diese raffinirte Intrigue 
mir das Anhängigmachen eines Prozesses gegen die Familie 
Wehlen erschwert, wo nicht unmöglich gemacht wird, denn ich 
kann nur Erbansprüche erheben, wenn kein näherer Erbe der 
Verschollenen existirt. Tritt dieser Herr Albert als Erbe auf, 
so kann er, selbst wenn er nur haltlose Ansprüche erhebt, den 
Prozeß Jahre hindurch aufhalten und inzwischen gehen mir 
die Mittel aus, ihn zu führen. Das wollte, das mußte ich 
Ihnen sagen, Madame. Ihr Scharfblick wird es nun durch 
schauen, ob Herr Albert Jhi:cn ehrliche Huldigungen darbringt, 
oder ob ihn andere Zwecke veranlassen, Ihre Bekanntschaft zu 
suchen. Es handelt sich um ein bedeutendes Vermögen; will 
der junge Mann seine Rolle als auftauchender Erbe der ver 
schollenen Alibert mit Erfolg spielen, so muß ihn: jede Notiz 
über meine Familie willkonnncn sein, er kann bannt Jugend- 
erinnerungen auffrischen. 
Nanon war nachdenklich geworden, die letzten in satiri 
schem Tone gesprochci:en Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, 
sie ließen die Saat des Argwohns keimen, die Alibert in das 
Herz der jungen Frau gestreut. Und es gab andere Moinente, 
den Argwohn, wo er erwachen wollte, zu schüren. Nanon 
hatte schon bei der ersten Begegnung ein warmes lebhaftes 
Interesse für Albert empfunden, sie hatte die Wirkung ihrer 
Reize bemerkt und es hatte sie cinpfindlich berührt, daß der 
junge Mann sich dem Einfluß ihres Zaubers entzogen und 
das Innere des Postwagens verlassen, als sei ihm ein besserer 
Platz lieber als ihre Nähe. Gestern hatte er sich zugänglicher 
gezeigt, da hatte ihr sogar ein heißer Blick verrathen, daß ihr 
Zauber gezündet. Jetzt erweckte ihr Gatte den Argwohn, daß 
er eine Intrigue verfolge und empfindlicher noch als der Ge-
        
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