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Periodical volume 27. October 1883, Nr. 5

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Mükkendaini». Die lang ersehnte Vorlage des Magistrats über die 
Beseitigung des Mühlendamms d. d. 4. Oktober ist endlich der Stadtver- , 
ordneten-Versammlung zugegangen, und somit gegründete Hoffnung, daß ! 
dies Verkehrshinderniß, welches zugleich eine „Barackenpassage" ist und jede i 
Entfaltung der alten Stadt Berlin — Cölln hemmte, entfernt werde. 
Der Magistrat schlägt den Ankauf der 15 südlichen Häuser, sowie der j 
mit Eigenthümerrechtcn versehenen 5 Läden unter dem Polizei- Präsidial- 
gebäude, MUHlendamm 32a. vis-a-vis der Poststraße, vor. Jene 15 Häuser ! 
sollen 855 000 Mark, die 6 Läden 230 000 Mark, zusammen beide Posi- j 
tionen I 088 000 Mark kosten. Da die Große Berliner Pferdebahn ! 
600 000 Mark als Zuschuß offerirt, so bleiben Mark 480 000. Hierzu j 
kommen pp. 150 000 Mark Herstellungskosten der neuen Passage; es würden ! 
demnach für das ganze Project c. 600 000 Mark erforderlich sein. Eine ! 
Bagatelle für den städtischen Etat, und welche große Wohlthat für jene ; 
Stadttheile! Wenn wir von jenen 6 Läden, die aus Buden, welche auf 
dem Amts hos standen, entsprungen sind, und jetzt ein gewaltiges Stück ! 
Geld kosten sollen, absehen, so find von den Häusern das relativ billigste I 
das des Kaufmanns Vater Nr. 28 das bei 33 700 Mark Feuerkaffe 75 000, 
kosten soll, und das theuerste das des Kaufmann Loewenheim Nr. 12/13, für 1 
welches bei 28 400 Feuerkaffe, 120 000 Mark gefordert werden. Genaue 
Vergleiche lassen sich indeffen schwer ziehn, da einzelne der Häuser nur 
auf Pfeilern, andere wieder auf eigner Bodenfläche stehen. M. F. 
Akt-Werkin. Bisher fanden wir die Ansicht allgemein vertreten, daß 
das alte Berlin im Osten auf einem allmählich bis zum Windmühlen- ! 
berge von der Spree aus ansteigenden Höhenzug gelegen habe. ! 
Allerdings wurde diese Ost- und Nordostseite von den alten Stadtgräben ! 
und dem späteren Festungs- (Königs) Graben durschnitten, indessen hielt 
man diese nur für künstliche, durch das weit höhere Land geführte Gräben. ' 
Bei Gelegenheit der Fundamentirung der Markthalle, zwischen Neue ! 
Friedrichsstraße und Stadtbahn, ist man indeffen in erheblicher Tiefe ! 
unter dem Füllsande der dortigen alten Häuserfundamente auf ein ver- i 
schüttetes Wasierterrain, das nicht zu jenen Gräben gehört, gestoßen, und 
das Vorkommen äußerst zahlreicher Miesmuscheln und Schnecken in diesen 
Schichten läßt darauf schließen, daß, wie Cölln, so auch das alte Berlin ! 
ursprünglich ringsherum von natürlichen Wasserflächen umgeben war. 
M. F. 
Kack Aickard Aöckljs ftatiftisdicm Aahrvuck befanden sich unter 
den bei der Zählung von 1880 gezählten 1 123333 Bewohnern Berlins ! 
nur 486 784 geborene Berliner, 575202 aus den preußischen Provinzen 
Gebürtige, 46356 aus den übrigen Staaten des Deutschen Reichs, 13734 j 
aus dem Auslande und 234, deren Geburtsort unbekannt war. Aus 
den preußischen Provinzen waren in Berlin 213927 Brandenburger, 
87 259 Schlesier, 67435 Pommern, 64644 Preußen, 63513 Sachsen, 
48769 Posener, 8136 Rheinländer, 7541 Hanoveraner, 5834 Westfalen, 
3955 Hessen-Nassauer, 3069 Schleswig-Holsteiner, 129 Hohenzollern. 
Bemerkenswerth ist, daß die aus den westlichen Provinzen Hannover und 
Schleswig- Holstein Gezählten zusammen (29664) noch lange nicht soviel ! 
ausmachen, )vie die von den anderen Provinzen am geringste» gezählte 
Provinz Posen allein. 
In Sacke» der Kanke-Rrgukirung hat das Polizeipräsidium dem 
Magistrat geantwortet, daß es seinerseits gegen dieZuschüttungdes 
südlichen Pankearmes, welcher zur Zeit von der Dalldorfer 
Schleuse bis zur Chausseestraße trocken liegt, nichts einzu- j 
wenden habe und damit einverstanden sei, daß das gesammte 
Pankewasser durch den Schönhauser Graben abgeführt werde. Mit 
Genugthuung wird ferner die Bürgerschaft vernehmen, wie das Polizei 
präsidium unsere neuerdings geäußerte Meinung, daß fortan bei den 
Räumungen der Panke nach einem bestimmten, die Vorsluth regelnden 
Nivellement verfahren werden müsse, vollständig theilt, und daß bei j 
der jetzt im Werke befindlichen Räumung auf möglichste Jnnchaltung 
des Nivellements Bedacht genommen werden wird. Mit der Ab 
sperrung des Pankewassers vom südlchen Pankearm (sogenannte Stadt- 
panke) ist das Präsidium bis auf Weiteres einverstanden. Außerdem 
läßt auf besonderen Wunsch der Bauverwaltung die städtische Kanalisations 
verwaltung int Norden größere Quantitäten von filtrirtem, also völlig j 
gereinigtem Rieselwasser in die Oberpanke. Alle diese Maßregeln haben 
zur Folge, daß die Wasserverhältniss« der beiden Unter-Pankearme bester 
wie je sind, namentlich von üblem Geruch kaum eine Spur mehr vor 
handen ist, während auch bei der Oberpanke, soweit dies Angesichts des 
Guhrauer'schen Bauwerks überhaupl möglich, ein leidlicherer Zustand ein 
getreten ist. — Wir hören schließlich, daß die Tiefbau-Verwaltung von 
ihrem speziellen Standpunkt ebenfalls kein erhebliches Bedenken gegen die 
Verschüttung der südlichen Panke hat und daß das Schicksal dieses südlichen 
Armes nur noch von der Entscheidung der Kanalisations- Deputation ab- ! 
hängt. Selbst wenn letztere Behörde sich für Anlegung eines Nothaus 
lasses im Pankefließ aussprechen sollte, wird die Panke überdeckt und in 
einen gemauerten Kanal verwandelt werden. B. Tagebl. 
Das Stadtgebiet Berlins ist, wie wir dem soeben erschienenen Ver- , 
waltungsberichl des Magistrats (1877—81) entnehmen, durch die im Osten 
und Westen in einer Ausdehnung von zusammen 378 Hektaren eingetre 
tene Vergrößerung auf ungefähr 6310 .Hektare angewachsen. Von dieser 
Gesammtfläche werden eingenommen durch öffentliche Wafferläufe 2,85 
pCt. — 180 Hekt., durch öffentliche Parks und Gärten mit den darin 
enthaltenen Wegen 6,52 pCt. — 411 Hekt., durch Friedhöfe 1,90 PCt. 
— 120 Hekt., durch Eisenbahnanlagen 5,15 pCt. — 325 Hekt., durch öffent 
liche Straßen, Plätze und Chausseen incl. Bürgersteige re. 12,75 pCt. 
— 805 Hekt., durch bebaute Flächen incl. der Höfe und Gärten 28,75 
— 1814 Hekt., so daß zur Zeit noch etwa 42,08 PCt. oder 2655 Hekt. 
des gesammten städttfchen Grund und Bodens ihrer Verwendung zu 
Zwecken des städtischen Lebens noch entgegensehen. Von den älteren 
Stadttheilen konnte Köln aus seine „Breite Straße (mit 17 bis 31 Met. 
Breite), der Werder auf seine Jägerstraße (mit einer Breite von 20 bis 
36 Meter), vor allem aber die Dorotheenstadt auf ihre Straße „Unter 
den Linden" (mit 60,4 Riet. Breite) stolz sein. Aber die Breitenmaße 
dieser Straßen werden jetzt von den vielen peripherischen Straßen weit 
übertroffen. Für die neuen Stadttheile, welche nach dem seit dem Jahre 
1861 geltenden Bebauungsplan entstanden sind, war als Minimalbreite 
für Straßen ohne Vorgärten das Maß von 19 Met. überall festgehalten 
worden. Dies Maß wurde aber weit überschritten bei alle» durchgehenden 
Straßenzügen, in welchem ein lebhafter Verkehr zu erwarten war, ja 
selbst in vielen anderen Straßen von geringer Bedeutung. Neben-Straßen 
von 22 Met. sind nicht wenige mit 26, 30, 34, 38 Met. angelegt worden. 
Ja, selbst über 38 Met. ist noch in vielen Fällen hinausgegangen worden, 
so daß einzelne dieser Straßen — so z. B. die äußere Gürtelstraße mit 
einer Breite von 68 Met. in einigen ihrer Abschnitte, die Straße Alt- 
Moabit mit 67,80, die Alsenstraße mit 77,20 Met. — die Straße „Un 
ter den Linden" an Breite weit übertreffen. Das Centrum ist mich in 
dieser Beziehung in der Entwickelung stark zurückgeblieben, aber nach 
Ausführung der vielen jetzt dort projectirten Straßendurchbrüche darf auch 
dem alten Berlin ein mächtiger Aufschwung prognosticirt werden. 
Der Dindenkkub an Kranzlers Ecke und der „Lindenmüfler". 
Von einem der ältesten Bürger Berlins erhält die Berl. Zeitung einige 
„Episoden aus dem tollen Jahre 1848," die für unsere Leser nicht ohne 
Interesse sein dürften. Gründer und Präsident des oben genannten Klubs 
war der frühere Eisenwaarenhändlcr Müller, dessen Geschäft in Konkurs 
gerathen war. Das Haus Marienstraße 1 gehörte seiner Frau, einer an 
gesehenen Schneiderin für die feinere Damenwelt, die ihrem beschäftigungs 
losen Herrn Gemahl jeden Morgen zwei belegte Dreierschrippen und einen 
Thaler gab, unter der Bedingung, daß er sich den ganzen Tag im Hause 
nicht sehen lasse, um die Nähterinnen nicht in ihrer Arbeit zu stören. 
Müller legte sich nun voll und ganz in die „Revolution," indem er An 
führer der Berliner Bummler wurde, die ihm auf seinen Wink gehorchten. 
Abends mußten sich „seine Leute" Unter den Linden, an Kranzlers Ecke 
um ihn versammeln, wodurch der „Lindenklub" gebildet wurde, der seinem 
Stifter den Namen „Lindenmüller" eintrug. Eines Abends befahl er: 
„Morgen bringt Jeder von Euch eenen Topp voll rother Farbe mit. 
Wir werden nach dem Kreuzberg marschiren und das Monument roth an 
streichen!" Dieser Befehl wurde mit lautem Hurrah begrüßt. Als Linden 
müller mit seiner Rotte aber den Weg zum Denkmal durch Schutzleute 
abgesperrt fand, sah er sich das Terrain eine Weile an, sagte dann nur 
die drei Worte: „Na, denn nich!" und kommandirte daraus zum Rück 
zug. Als das Schlohportal durch neue Eisengitter geschlossen wurde, ge- 
rieth Lindenmüller in Hitze, ließ ohne Weiteres die schweren Gitter aus 
heben und bei der Kurfürstenbrücke in die Spree versenken. „Der Frei 
heit soll man nicht die Gassen verlegen!" rief er, wie Ulrich Hutten, 
dann ging er frühstücken. Für diesen kühnen Streich, bei dem er merk 
würdiger Weise durch keinen Schutzmann behindert wurde, mußte er die 
Stadtvoigtei als Untersuchungsgefangener beziehen. Hier befand er sich 
noch im Monat März 1849. Am 18. genannten Monats schnitzte Müller, 
der sich allein in seiner Zelle befand, Leuchter aus rohen Kartoffeln, steckte 
in jeden derselben ein Licht und illuminirte damit, nach Finsterwerden, 
das eisenvergitterte Fenster seiner Zelle, welches nach dem Hose hinaus 
ging. Mau kann sich den Schrecken des Stadtvoigteibeamten und den 
Jubel der übrigen Gefangenen denken. Einige hundert rauhe Kehlen 
schrieen unaufhörlich: „Hurrah Lindenmüller! Es lebe der 18. März!" 
Der Direktor der Anstalt, Herr von Rohr, ein äußerst humaner Beaniter, 
stürzte wüthend in die Zelle zu Müller und fand ihn bei Punsch und 
Pfannkuchen, die ihm seine Frau hatte schicken müssen. „Was treiben 
Sie hier wieder für Unfug, Müller?" schrie ihn der Direktor an. Der 
Gefragte antwortete mit der größten Gemüthsruhe: „Et is ja heute der 
erste Geburtstag von de Revolution, Herr Direktor, da wollt' ick doch 
een bisken illuminiren." Natürlich wurden die Kartvffelleuchter schleunigst 
entfernt, und Lindenniüller mußt« auf vierundzwanzig Stunden in die 
„finstere Nummer" spazieren. „Det schad't nischt," lächelte Lindenmüller, 
„et is ja doch Allens vor die Freiheit!" Als er aber einige Monate 
später merkte, daß das Spaßen der Behörden mit ihm aufgehört hatte 
— er war nämlich der Schloßgitter-Astaire wegen zu sechs Monat Ge 
fängnißhaft verurtheilt worden, — da machte er sich heimlich übers 
Wasser, und beschloß in Rew-Dork als Bierwirth sein thatenreiches Leben. 
Berliner Korellen. Aus der Gesellschaft. Von Arthur 
v. Loy. Berlin, Kogge und Fritze. Das zierlich ausgestattete Büch 
lein ist mit glücklicher Laune und anmuthiger Natürlichkeit geschrieben. 
Die Spiegelbilder der Gesellschaft sind von überraschender Portait-Aehn- 
lichkeit. 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin 54'. — Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. — 
Truck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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