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Volume 13. September 1884, Nr. 51

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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(russisch Adler) der Stammvater — — des Fürsten Or- 
low ist. 
Und so wären wir — von dem ältesten ausgehend — glücklich 
bei dem jüngsten russischen Botschafter angelangt. Jener Ivan 
Orel wurde vom Czaren wegen seiner wüthigen Antwort begnadigt 
und in ein Linienregiment gesteckt. Dort that er sich durch seine 
Tapferkeit sehr hervor und avancirte schnell bis zu den höchsten 
militärischen Chargen. Sein Sohn Gregor Jwanowitsch war eben 
falls Generalmajor und hatte fünf Söhne, von denen Katharina II. 
— trotzdem keiner derselben Französisch sprechen konnte — doch an 
Voltaire schrieb: „Es ist schwer zu sagen, welcher von ihnen mehr 
Verdienst hat, sowie eine Familie zu finden, in der größere Einig 
keit herrscht. Einer von diesen Fürsten sollte der Kaiserin selbst 
gefährlich werden — es war der Günstling Gregor, dem sie am 
längsten die Treue hielt und vielleicht gar die Ehe versprochen 
hätte, wenn nicht Potemkin rechtzeitig auf dem Schauplatz der Be 
gebenheiten erschienen wäre. 
Die inzwischen gefürstete Familie erhielt sich auch unter den 
folgenden Regierungen in der Gunst der Czaren. Sie tvar eine 
der vornehmsten und feinsten in Rußland, und ist cs geblieben. 
Wie jede fürstliche russische Familie hat sie neben Diplomaten und 
Militairs auch einen Literaten aufzuweisen, Gregor Wladimirowitsch 
Orlow, der aber in Neapel lebte und dort eine „Geschichte der 
Musik" und eine „Geschichte der Malerei" geschrieben hat. Eines 
der bekanntesten Mitglieder der.Familie ist jener Alexei Feodoro- 
witsch, der der Begleiter und Retter des Czaren Nikolaus wurde. 
Und eines der bedeutendsten ist ftaglos Fürst Orlow, der jetzt 
als Botscha'ter des „Selbstherrschers aller Reußen" an unserem 
Hose accreditirt ist. 
Kaum zwei Jahrhunderte trennen uns von jener Zeit, da ein 
russischer Botschafter in Berlin „accomodos sibos" eines Fasten 
gelübdes wegen verlangte und sich mit Pelz und Stiefeln im Bette 
liegend zur Audienz begeben wollte. Sollte man dies für möglich 
halten! 
Die Russen hatten damals überhaupt wenig Glück mit ihren 
Botschaftern. Noch nicht ein halbes Jahr war seit der Rückkehr 
jenes „barocken Gesandten" verflosien, als auch aus Konstantino- 
pel ein moskowitischer Gesandter „mit Protest" zurückkam. Er 
hatte sich nicht tief genug vor dem Sultan Mohamed IV. verbeugt. 
Die Begleiter des Sultan's drückten ihm den Kopf vorschrifts 
mäßig nieder; der wilde Moskowiter stemmt sich dagegen; die 
Türken drücken immer stärker; der Gesandte fällt zu Boden. Schließ 
lich wird der Sultan ungeduldig und befiehlt den Kaimaken, ihn 
von der Gesellschaft der Ungläubigen zu befreien. Der Minister 
gehorcht schleunigst, und mit Stockschlägen wird der Gesandte des 
Czaren aus dem Audienzsaal des Sultans Hinausgetrieben. 
So schlimm war es in Berlin nun allerdings nicht, wie in 
Konstantinopel. Daß aber jener Botschafter, der durchaus „seine 
Rechte mit dem Kurfürsten rechter Hand verbinden wollte," auch 
in Berlin der Eventualität des Berhauens leicht hätte ausgesetzt 
werden können, ist bei der nach den Chroniken damals hier gegen 
ihn herrschenden Stimmung gar nicht so absolut ausgeschlossen. 
Und so hat Kaiser Lothar I., oder wer immer den Vers gedichtet, 
wiederum einmal Recht behalten: Tempora mutantur, et nos 
mutamur in illis! 
Mrstenwalde. 
Von fl. äriiiius. 
(Mit einer Illustration.) 
So recht am „grünen Strand der Spree," inmitten blühender 
Gärten und wogender Kornfelder, liegt der alte, ehemalige Bischofs 
sitz Fürstenwalde. Die Lage der Stadt, besonders wenn man 
von der Hochebene Beeskow - Storkow in das Spreethal hernieder 
! steigt, ist von einer so herzgewinnenden Anmuth, welche schon im 
j Voraus unsere Erwartungen mit den freundlichsten Bildern erfüllt. 
Aber auch wer vom Bahnhof her seinen Einzug hält, empfängt 
bald den Eindruck des Heiteren und Angenehmen. Eine schmucke 
Villenstraße leitet an dem Schützenhaus vorüber nach dem Städtchen, 
von dessen wehrhaften Befestigungen allerdings kaum noch etwas 
zu finden ist. Die Wälle haben längst schattigen Promenaden 
Platz gemacht; Thore und Ringmauern sind gefallen, nur hier 
und da zeigt sich noch ein einzelner Wartthurm, ein Stück zer 
bröckeltes Mauerwerk, durch eingebaute Baracken verdeckt und ent 
stellt, oder als Grenze sich zwischen Hof und Garten der Grund 
stücke hinziehend. Auch das prächtige Schloß der Bischöfe spiegelt 
sich nicht mehr in den blauen Fluthen der Spree. 
Alles was uns Urkunden und Historien von vergangener Jahr 
hunderte Glanz und Macht erzählen, das künden uns allein noch 
heute die langen Reihen schöner Epitaphien und kunstvoller Denk 
male des ehrwürdigen Domes, der hoch über das rothe Dächer- 
meer der Stadt seinen weithin grüßenden Thurm in die Lüste reckt. 
Doch auch das alte, thurmgekrönte Rathhaus am Markte, mit 
seinen vergitterten Fenstern; der prächtigen, gothisch gewölbten 
Laube, welche als Durchgang dient; der wappengeschmückten, ver- 
wetterten Fronten, athmet noch ganz die Zeit mittelalterlichen 
Bürgerthums und Bürgerstolzes. 
Auch der kulturhistorische Bader fehlt nicht darinnen. Im 
Anschluß an die vergilbten Urkunden und verstaubten Stadtarchive 
hat man dieser ebenso zuverlässigen als originellen Stadtchronik 
eine der beiden im Erdgeschoß eingebauten Ladenhöhlen überlassen. 
Schon von weitem blitzen die blankgeputzten, messingnen Wahr 
zeichen über den Marktplatz, an denen kein Chronist von Fürsten- 
walde's Gegenwart mit Achselzucken vorübergehen sollte. Daneben 
aber, gewiß nur eine Huldigung an die seit vielen Jahrzehnten 
in der Stadt als Garnison liegenden Ulanenschwadronen, haben die 
Rathmannen von Fürstenwalde, dankbar und weise zugleich,« zu 
dem Bader noch den Roßschlächter gesellt. Eine Stadtchronik 
fürwahr im Lapidarstile! Gegenüber diesen merkwürdigen Rath 
hauspensionären leitet eine schmale Gasse uns bald zu dem stillen 
Kirchplatze hin, auf dem die ehemalige bischöfliche Kathedralkirchc 
sich erhebt. 
Nur noch die Außenseite läßt hier und da in schönen Ueber- 
resten den einstigen gothischen Bau erkennen, dessen Grundstein, 
nachdem die Hussiten das ehemalige Gotteshaus fast unbrauchbar 
gemacht hatten, am Mittwoch vor dem Palmsonntag 1446 unter 
großem Schaugepränge gelegt wurde. Bischof Johann VII., 
(von Dehr) vollzog persönlich diesen Festakt, indem er drei Hammer- 
schläge auf den Stein ausführte und dann einen rheinischen Gold 
gulden darauf legte. Zum Andenken an diese bedeutsame Feier 
ward ein Monument errichtet, das ehemals an der Nordseite der 
Kirche angebracht war, jetzt aber im hohen Chor hinter dem Hoch 
altar steht. Es zeigt den Gründer im vollen Bischofsornat mit 
dem Bischofs- sowie seinem Familienwappen. Die Inschrift lautet: 
„Primarius lapis hujus lubucencis ecclesiae hie sub secunda 
columpna presenti positus et consecratus est una cum toto 
fundamento maxime pro summo altari bic in Fürstenwaldis per 
reverendum in Christo patrem dominum Johannen) de Dehr 
episcopum lubicensem anno CCCCXLVI. 12. Aprilis“ — Schon 
am Sonntag nach Michaelis 1447 konnte das Gotteshaus ein 
geweiht werden. 
Verheerende, sich rasch wiederholende Brände hatten in späteren 
Jahrhunderten diesen ehrwürdigen Zeugen von Fürstenwalde's ein 
stiger Bedeutung bis auf die Mauern endlich vernichtet. Thurm und 
Gewölbe waren eingestürzt, so daß endlich Friedrich der Große 1769 
den Befehl gab, nachdem drei Jahre vorher abermals das kaum 
neu errichtete Gotteshaus durch einen Brand zerstört war, dasselbe 
nun neu und prächtig aufzuführen. Oberlandesbaudirektor Boumann
	        
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