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Periodical volume 13. September 1884, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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„Zuvörderst bereite Dich vor, durch heutiges Fasten bis 
Sonnenuntergang und Beten von fünfzig Ave Maria und 
fünfzig Paternoster zu dem großen Unternehmen, das Deiner 
harrt! Man wird Dich unter Geleit des wcltersahrenen Bruders 
Nicasius in ein fernes Land senden, um das Leben und Treiben 
eines der Abtrünnigkeit Verdächtigen zu beobachten und die 
Pläne dieses Verblendeten, der im Rang der Menschen sehr 
hoch steht, zu durchkreuzen! Auf daß Dein Unternehmen ge 
linge! Cum Deo!" — — 
Damit hielt der Prior den Pokal mit dem Tokaier hoch, 
feine Stirn glänzte, seine Wangen glühten, seine kleinen listigen 
Augen funkelten, — darauf leerte er den Pokal bis auf die 
Neige aus. 
„Nun höre weiter, mein Sohn," — fuhr der Prior 
fort, indem er schnalzend mit der Zunge über die weinseuchten 
Lippen fuhr und den Pokal auf einen kleinen neben dem 
Lotterbettlein stehenden Tisch aus der Hand setzte, — „höre, 
merke wohl auf und gehorche! Du bist für diese Mission, 
die eben so viel Gewandtheit und Kenntniste als Klugheit, 
List und Verschlagenheit erfordert, vom Ordenskleide dispensirt, 
so wie überhaupt von jeder Ordensregel, wenn nur der löb 
liche Zweck erreicht wird! Du wirst als Ritter reisen; ein 
Pferd, kostbare Kleider, Waffen und Gold in ausreichender 
Menge werden Dir zur Verfügung stehen! Vor Allem vergiß 
nicht, daß der Dominikanerorden zwei große Zwecke zu ver 
folgen hat, zuerst das Ansehen des Papstes zu erhöhen und 
dann alle Ketzer aufzuspüren und auszurotten! Deine 
Reise mit Bruder Nicasius, der ebenso glänzend ausgerüstet 
werden wird wie Du, geht zunächst nach Prag! Dort triffst 
Du mit Pater Lampertus Aur, außerordentlichem Gesandten 
Seiner Heiligkeit des Papstes zusammen, der Dich mit weiteren 
instructioues versehen wird!" 
Agathon fiel auf die Kniee und berührte mit seiner 
Stirn den Fußboden, als der heilige Vater erwähnt wurde. 
„Du kennst nun Deine Aufgaben und Pflichten, so weit 
Dir selbige hier von mir mitzutheilen sind! — Die Heiligen 
seien mit Dir, mein Sohn!" 
Damit machte er ein Kreuz über den vor ihm am Boden 
Liegenden und streckte ihm dann die Hand zum Handkuß ent 
gegen. — 
Agatbon zog sich in seine Zelle zurück und ohne weiter 
über Grund und Endziel seiner Reise nachzudenken, machte er 
sich gleich an das mechanische Hersagen der vorgeschriebenen 
Gebete. Es war seiner jungen Seele auf das tiefste einge 
prägt, daß Nachdenken oder das geringste Beurtheilen der 
Worte seiner geistlichen Oberen eine ungeheure, nicht wieder 
abzubüßende Versündigung sei. — 
Am Abend dieses TageS reiste Agathon mit dem, um 
vieles älteren Bruder Nicasius ab in nördlicher Richtung, 
zunächst nach Prag. — 
12. 
Ganz Berlin war in Aufregung. 
An einem schönen Sommertage sollte der außerordentliche 
Gesandte des Papstes, Pater Lampertus Aur seinen Einzug 
in Berlin halten. 
Trotzdem das Ansehen des Papstes in Berlin schon be 
deutend gesunken war, war es doch noch immer eine katholische 
Stadt, und ein Theil der Geistlichkeit, nainentlich von der 
Hof- und Domkirche, war dem Legaten vor das Thor hinaus, 
entgegen gezogen, um den Abgesandten des heiligen Vaters 
würdig zu empfangen. 
Lampertus Aur hatte zu seiner Reise von Rom bis 
Berlin mehrere Monate gebraucht. In Wien, in Prag, in 
Dresden, zuletzt in Brandenburg, überall war wochenlanger 
Aufenthalt genommen worden. 
Die Einwohner der kurfürstlichen Residenz, alt und jung, 
reich und arm, drüirgten sich ebenfalls in dichten Schaaren 
vor das Gertraudtenthor, auf welches die Landstraße von 
Brandenburg und vom Teltow mündete, denn die Berliner 
zu Joachims Zeiten liebten eben so sehr Schaugepränge und 
glänzende Aufzüge zu sehen, wie die heutigen. 
Der Abgesandte des Papstes saß in einer offenen, schwer 
fälligen Reisekutsche, welche von einem prächtig arifgezäumten 
Viergespann schneeweißer Pferde gezogen wurde. 
Zwei ähnliche Wagen, von drei Pferden im Spitzgespann 
gezogen, in welchen Herren, ebenfalls in geistlicher Tracht sich 
befanden, folgten dem Gefährt des päpstlichen Legaten. Eine 
Schaar berittener Diener und Trabanten schloß sich der 
Wagenreihe an. 
Vor der Kutsche mit dem Viergespann gingen die roth 
gekleideten Chorknaben aus der Domkirche, von denen einer 
ein hohes rothes Kreuz mit dem päpstlichen Wappen trug. 
Aber keine Deputation des Berliner Rathes war zu sehen, 
eben so wenig waren die Zünfte mit Fahnen und Gewerbs- 
zeichen erschienen, eben nur die hohe Geistlichkeit und die Chor 
knaben, diese Alle freilich im größten Pomp. 
Lampertus Aur saß mit einer so stolzen Haltung und 
Würde in seiner Kutsche, als ob er selbst der Papst gewesen 
wäre; er ertheilte im Vorbeifahren nach rechts und links den 
am Wege stehenden Zuschauern den Segen, der von den 
meisten ziemlich gleichgültig aufgenominen wurde, denn wie 
der Schwanenwirth schon am Fastnachtsabend gesagt hatte: 
— „Die Zeiten waren für Berlin vorbei!" 
Die Chorknaben trugen brennende Kerzen in der Hand 
und sangen eine Litanei, in welche das Geläut der Glocken 
von den Kirchthürmen melancholisch genug hiueinklang, ein 
richtiges Grabgeläute für den Katholizismus in Berlin. 
So ging der Zug durch die Gertraudtenstraße, bog in 
den „Großen Weg" ein, passirte dann Schloßplatz, lange 
Brücke und ging durch die Georgenstraße (jetzige Königsstraße» 
bis nach dem an der Ecke der Klosterstraße gelegenen „Hohen 
Hause", (in den letzten Jahrzehnten: Schwurgerichtsge- 
bäudc), wo für den päpstlichen Gesandten eine Reihe Zimmer 
prächtig eingerichtet worden war. 
Lampertus Aur war schon über eine Woche in Berlin, 
als der Tag herankam, welchen der Kurfürst zur Audienz für 
den päpstlichen Legaten angesetzt hatte. 
Es mochte ungefähr die achte Morgenstunde sein. 
Ein buntes Gewimmel herrschte in den Vorzimmern des 
> Legaten, sowohl von seinen eigenen Schreibern und Dienern, 
wie auch von den wenigen brandenburgischcn Edelleuten, den 
Grafen Hohenstein an der Spitze, welche noch dem katholischen 
Glauben zugethan, gekommen waren, um dem Papste in der 
Person seines Gesandten ihre Ehrfurcht zu beweisen. 
Durch die Spandauer Straße, vom Spandauer Thor 
herkommend, schritten Severin und sein Begleiter, jetzt beide 
in der Herrentracht, in welche sie auch gekleidet gewesen waren.
        
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