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Periodical volume 13. September 1884, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Das mit rothem Wachs wohlversiegelte Schreiben trug I 
die Aufschrift: - 
„Dem edelgeborenen Herrn Eustachius von Schlieben, 
Stallmeister seiner Kurfürstlichen Durchlaucht, im Schlosse zu 
Cölln an der Spree." — 
11. 
An jenem lustigen Vorabend des Aschermittwochs, als 
der Bischof von Lebus für sein eigenmächtiges, feindliches 
Vorgehen gegen Martin Straube von dem Kurfürsten aii§ 
Berlin verbannt worden war, hatte der Bischof die Residenz 
nicht gleich verlassen. 
Erst am nächsten Vormittage zog er mit einem großen 
Gefolge von Dienern und Trabanten durch das Georgcntbor 
hinaus, um sich auf der großen Heerstraße über Frankfurt au 
der Oder nach seinem Schlosse in Lebus zu begeben. 
Fast gleichzeitig verließ in gerade entgegengesetzter Rich- 
tung ein unscheinbar gekleideter Mann das Weichbild der 
beiden Städte Berlin und Köln durch das Gcrtraudtenthor. 
Dieser einzelne Fußgänger war ein Bote des Bischofs 
von Lebus, der ein in lateinischer Sprache abgefaßtes Schrei 
ben des Bischofs an den Prior des Dominikanerklosters in 
Brandenburg zu überbringen hatte. Der Brief enthielt an 
den Prior nur den Befehl, das eingeschlossene Schreiben 
durch einen reitenden Boten unverzüglich weiter zu senden. 
Von Berlin aus hatte der Bischof für die erste Strecke 
des weiten Weges, den der geheimnißvolle Brief zu durch 
laufen hatte, als Träger desselben den unscheinbaren Fuß 
gänger gewählt, um jedes Aufsehen zu vermeiden. Das dem 
Briefe eingeschlossene Schreiben war an die päpstliche Kanzlei 
im Vatikan nach Rom gerichtet und enthielt einen genauen 
Bericht über die Vorgänge am Fastnachtsdienstage in Berlin. 
Konnte man bis damals über die Absichten des Kurfürsten 
Joachim des Zweiten noch zweifelhaft gewesen sein, so hatte 
seine Schutznahme des Berliner Handelsmannes Martin 
Straube, der die ketzerischen Traktate Luthers verbreitete, 
deutlich bewiesen, was die katholische Kirche von dem Kur 
fürsten Joachim zu fürchten hatte. Der dem Martin Straube 
gewährte Schutz war zugleich ein Angriff gegen den Papst. 
Der Bericht des Bischofs von Lebus nach Rom hatte zwei 
Thatsachen zur Folge, eine öffentliche und eine geheime. 
Die erstere war die außerordentliche Gesandtschaft eines 
päpstlichen Nuntius, des Paters Lampertus Aur an den Kur 
fürsten Joachim von Brandenburg, welche mit großem Ge 
pränge ins Werk gesetzt wurde. Der päpstliche Legat reiste 
mit fürstlicher Pracht nach Berlin, überall auf seinem Wege 
von städtischen und geistlichen Behörden mit dem Pompe und 
der Unterwürfigkeit empfangen, welche einem Vertreter des 
heiligen Vaters gebührte. 
Die zweite Thatsache war eine geheime Mission, welche 
zur Verherrlichung des Papstthums und zur Bekämpfung der 
Ketzerei ihren Ausgang von Salzburg haben sollte. 
Das alte düstere, in hohe Mauern eingeschlossene Salz 
burg, mit seinen vielen Thürmen und Klöstern, rings um 
geben von Weingeländen und schönen Gebirgszügen, im An 
gesicht der Tyroler Alpen mit ihren wie Silber blitzenden 
Schneekuppen, war damals eine echte Priesterstadt, der Sitz 
eines streng katholischen Erzbischofs, vieler Domherren, Prä 
laten, Dominikaner- und Franziskaner-Bettelmönche. 
In der päpstlichen Geheim-Kanzlei zu Rom befanden sich 
Namens-Verzeichnisse von Mönchen aus allen europäischen 
Landen, nach Berichten ihrer Oberen zusainmcngestellt. 
Nachdem das Schreiben des Bischofs von Lebus im 
Vatikan angekommen, wurden diese Namens-Archive einer 
durchgehenden Prüfung unterworfen. 
Noch an demselben Tage ging ein reitender Bote mit 
einem lateinischen Sendschreiben an den Prior des Domini 
kanerklosters nach Salzburg zurück. 
In diesem Kloster hatte vor wenigen Monaten ein junger 
Maun die Weihen erhalten, welchen seine Oberen einer ganz 
besonderen Beachtung werth hielten. Bruder Agathon, 
— das war sein Name, — vereinigte alle Gaben des Körpers 
und Geistes in sich, die ihn unter allen Verhältnissen zu einem 
bedeutenden Menschen gemacht haben würden. Von dunkler 
Abkunft, ohne jede Familienverbindung, war er ein echter 
Diener der Kirche, die ihm Alles, Hcimath, Familie, Existenz 
mittel ersetzte und ihm Befriedigung seines glühenden Ehr 
geizes verhieß. 
Agathon war schon als kleiner Knabe in das Kloster 
aufgenommen worden. Die Erinnerungen aus seiner frühesten 
Kindheit zeigten ihm eine ältliche Frau, welche seine ersten 
Schritte bewacht und mit ihm in einem einsamen Garten 
kindliche Spiele getrieben hatte. Oft war er von dieser Alten 
zu einer schönen jungen Dame gebracht worden, welche ihn 
geliebkost und geküßt hatte und die er „Mutter" nennen 
durfte. Seine Erinnerung zeigte ihm seine jugendschöne 
Mutter aber stets nur in Kerzenbelcuchtung, ein Beweis, daß 
er nur während der Nacht und heimlich zu ihr gebracht sein 
i mußte. Ost war bei seiner Mutter auch ein Herr gewesen, 
vor welchem er sich immer gefürchtet, nicht etwa, weil er von 
demselben rauh und unfreundlich behandelt worden, sondern 
weil jener stets düstere Kleidung und eine schwarze Halbmaske 
vor dem Gesicht getragen hatte. Doch lebten alle diese Ein 
drücke nur unbestimmt und halb verschwommen in der Er 
innerung Agathons. Sein klares Bewußtsein knüpfte erst an 
die Zeit, als er sich, sechs- oder siebenjährig, in dem Domini 
kanerkloster zu Salzburg fand. 
Er hatte in dem Kloster viel gelernt lind zwar in erster 
Reihe „Gehorchen." Ueberall fand er Beweise von den 
furchtbaren Folgen des Ungehorsams, sowohl gegen Gott, 
wie gegen die Menschen. Er kannte aus den Lehren seiner 
Klosterobcren den schrecklichen, unversöhnlichen Zorn Gottes 
gegen die, welche ihm ungehorsam und abtrünnig geworden 
I waren; zugleich hatte er die fürchterlichen Schicksale derjenigen 
vor Augen, welche sich gegen die irdischen Machthaber auf 
lehnten. Scheiterhaufen rauchten in allen Landen, Henker 
arbeiteten auf den Marktplätzen der Städte, ihre Knechte in 
den Folterkamiirern lind Kelleril der Justizgebäude und allen 
dieseir Schrecknissen koirnte der einzelne nur entgeheil dlirch — 
Gehorsam. 
Mit Grauseil und Entsetzen erfüllten Agathon die alten 
Geschichten von Adams Sündenfall, von der Vertreibung des 
ersten Mcnschenpaarcs aus dem Paradiese, von dem Fluche 
der Erbsünde, von der Sündfluth, den Strafgerichten Gottes 
über Sodom und Gomorrha, — überall nur Strafe, Rache, 
! Zorn für verletzten Gehorsam. 
Wie alle kräftigen und ursprünglich edlen Gemüther, die, 
abgetrenilt von allen Familienverbindungen, nur im Schooße
        
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