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Volume 13. September 1884, Nr. 51

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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die Rosen jetzt in ihrer vollsten Blüthenpracht und mischten 
ihre süßen Düfte mit denen der weißen Lilien und Nacht 
violen, welche nach dem warmen Regen ein Aroina aus 
strömten, so köstlich, daß es gewiß mit dem der seltensten Ge 
würze des Orients wetteifern konnte, die durch den noch nicht 
lange entdeckten Seeweg nach Indien in Europa und auch in 
den deutschen Norden eingeführt worden waren. 
Die Natur hatte ihr schönstes Festkleid eines Sommer- j 
abends angelegt, das die in den letzten Sonnenstrahlen funkeln- ! 
den Regentropfen an Baum und Strauch wie kostbare Juwelen 
schmückten. 
„Komm, mein Vater," — sagte Elsbeth, — „laß uns ' 
hinausgehen; ich habe Dir vor Deiner Abreise noch eine ! 
Mittheilung zu machen, die mir seit langer Zeit das Herz ! 
bedrückt; hier in der dumpfen Schwüle des Zimmers würde ! 
mir das Geständniß noch schwerer werden; Luft, Luft!" 
— fügte sie, angstvoll athmend, hinzu, — „damit ich nicht 
ersticke!" 
Martin betrachtete seine Tochter mit schnell erwachter 
Aengstlichkeit. 
„Kind, was fehlt Dir?" 
Statt jeder Antwort nahm Elsbeth den Arm ihres 
Vaters und zog ihn mit sich hinaus. 
Willenlos ließ sich Martin von dem jungen Mädchen 
führen. 
Elsbeth war seit jener Nacht, in welcher sie die furcht 
bare Entdeckung über Severin gemacht hatte, noch nicht wieder 
an dem Stcinsitz unter den Lindenbäumcn gctvesen. 
Als sie diesen Ort jetzt wieder sah, brach sie in Thränen j 
aus, aber sie ermannte sich und führte ihren Vater zu der 
Steiubank, auf welcher sie die glücklichste und schrcckenvollste 
Stunde ihres Daseins verlebt hatte. 
„Fort mit den Thränen," — begann sie mit nervöser 
Heftigkeit, die Martin bange machte, denn er fürchtete noch 
immer einen Rückfall ihrer Krankheit, — „ich darf ja nicht 
an mich denken, meine Zukunft ist dahin, und ich will Gottes 
Gnade preisen, wenn ich nur nökh das Werkzeug zur Rettung 
Anderer tverdcn kann! Vater, kehrt nicht ohne mich nach Berlin 
zurück. Euch droht Gefahr!" — 
„Mir Gefahr?" — fragte er ungläubig. 
„Laßt mich in Euerer Nähe; ich fühle, daß ich jetzt jeden 
Augenblick für Euer Leben zittern würde!" 
„Kind, Du sprichst im Fieber!" 
„Ihr werdet das nicht voraussetzen, wenn Ihr Alles 
wißt!" 
Mit sich überstürzender Hast, unter dem Eindruck der Er 
innerung bald erbleichend, bald mit dunkler Nöthe übergössen, 
theilte sic ihm nun Alles mit, was seit seiner Abreise im 
Frühjahr hier geschehen war unter welchen verschiedenen Ge 
stalten sic ihren Retter und dcffen Begleiter wiedergesehen und 
wen sie endlich in Severin erkannt hatte. Martin hatte mit 
unbeschreiblicher Gemüthsbetvegung den Mittheilungen seiner 
Tochter gelauscht. Zuerst war die Ueberraschung, dann Zorn 
und schmerzliche Theilnahme ftrr seine Tochter bei ihm domi- 
nircnd, aber zuletzt wurde er von jähem Schreck erfaßt; der 
erfahrene ältere Mann sah weiter rvie das junge Mädchen. 
Dieser Schreck war so groß, daß bei Martin selbst das Mit 
leid für die attsgestandenen Leiden seiner Tochter in den 
Hintergrund gedrängt wurden. 
„Mir ist klar geworden," — schloß sie ihre Mittheilung, 
— „daß dieser Mann mich nicht meiner selbst wegen aufge 
sucht hat, sondern um durch mich einen Zweck zu erreichen, 
und zwar nicht einen persönlichen, sondern für die Kirche, 
deren blindes Werkzeug er ist! Ich irre nicht, mein Vater, 
wenn ich annehme, daß Dir ein zweiter Ueberfall, wie am 
letzten Fastnachtsfcste, droht! Dieser Mensch hätte leine Ab 
sichten gegen mich vielleicht mehr verrathen, wenn ich nicht 
vorzeitig in ihm den Mönch entdeckt hätte, aber so viel steht 
fest, daß eine neue Unthat geplant wird!" 
„Du hast Recht," — sagte Martin mit vor Aufregung 
zitternder Stimme, — „eine Unthat ist geplant, aber nicht 
gegen mich! Durch Dich hat man den Weg nicht finden 
können, den man gesucht hat, man wird sich also bemühen, 
eine andere Seitenthür zu entdecken, durch welche das erstrebte 
Ziel erreicht werden kann! Der Blitz, den dieser Mönch schleu 
dern soll, ist gewiß nicht gegen mich gerichtet!" 
„Gegen wen denn sonst, Vater?" 
„Im Schloßgarten von Spandau," — fuhr Martin 
Straube fort, — „sucht man nur denjenigen, der in Berlin 
zu gut bewacht ist, um erreicht werden zu können, den Kur 
fürsten!" — 
Vater und Tochter erhoben sich gleichzeitig, als ob die 
Erwähnung des Landesherrn sie empor geschnellt hätte und 
zum unverzüglichen Handeln triebe. 
„Noch ist glücklicherweise nichts geschehen," — sprach 
Martin hastig weiter, — „was nach Deinen Mittheilungen 
jeden Tag zu fürchten ist! Was jene beabsichtigten, wollen 
wir selbst zu erreichen suchen, wir müssen so schnell wie mög 
lich den Weg zum Kurfürsten finden!" 
Elsbeth legte die Hand über die Augen, als ob sie 
schaudere, in den Abgrund zu blicken, welchen Martins Worte 
ihr gezeigt hatten. 
Martin zog seine Tochter mit sich vom Wall herab, aber 
er führte sie nicht nach dem Gärtnerhause zurück, sondern 
direkt in das Schloß. 
„Die Kurfürstin Mutter," flüsterte er ihr, während sie 
die Laubgänge des Gartens durchschritten, leise zu, — „hat 
Dir während Deiner Krankheit ihren Arzt geschickt. Du hast 
demzufolge nicht nur einen Vorwand, sondern die Verpflich 
tung, der hohen Frau Deinen Dank dafür zu sagen; das 
muß noch in dieser Stunde geschehen und bei dieser Gelegen 
heit muß Jhro Durchlaucht Alles das erfahre», was Du mir 
so eben mitgetheilt hast! Gefahr liegt im Verzug!" 
Martin und seine Tochter begaben sich zunächst zu dem 
Kastellan der Burg. 
Dieser nrcldete das Gesuch des jungen Mädchens weiter 
und bald darauf wurde Elsbeth durch Fräulein Agnes von 
Rochow, der Hofdanie der verwittweten Kurfürstin, in die 
inneren Gemächer derselben geftrhrt. 
Eine Viertelstunde darauf wurde auch Martin, welcher 
die Rückkehr seiner Tochter in der großen Halle erwartete, 
derselben nachgeholt; erst nach langer Zeit verließen beide 
wieder das Schloß. 
Am nächsten Morgen brachte der Leibmcdikus der Kur 
fürstin Elisabeth ein großes Schreiben an Martin Straube 
zur Mitnahme nach Berlin, wohin er unter sicherein Geleit 
voir zwei wohlbcwehrten Trabanten in der siebenten Morgen- 
1 stunde^ zurückkehrte.
	        
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