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Volume 27. October 1883, Nr. 5

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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königlichen Familie in die Erinnerung zurück. Die Figuren be 
fanden sich früher aus der Kunstkammer. Vornehmlich möchten die 
drei ältesten Enkel König Friedrichs I. das Interesse erregen, die 
schon als progenies regia geboren worden waren. Er sind dies 
der erste als Prinz von Oranien geborene Enkel des Königs, ! 
Friedrich Ludwig, der aber nur ein Jahr alt geworden war. Wie j 
die Tradition lautet, habe man ihm bei der Taufe eine Diamant- ' 
kröne auf's Haupt gesetzt, die mit ihrer Schwere das zarte Gehirn j 
des Kindes gedrückt und so dessen Tod herbeigeführt habe. Man 
betrachte den Kopf mit den ausgebildeten geistigen Zügen der Fi- j 
gur in rothem Damastklcide mit goldener Passamentric, der äl 
testen Tochter des Königs Friedrich Wilhelms I. Sophie Friederike 
Wilhelmine, die schon die geistige Bedeutung der späteren Mark 
gräfin von Bayreuth erkennen lassen. Die Figur mag noch zu 
Lebzeiten König Friedrichs I. gemacht worden sein, wogegen die 
ihres um drei Jahre jüngeren Bruders, des späteren Königs Fried 
richs des Großen, erst nach dem Tode des königlichen Großvaters 
hergestellt worden sein mag. Der älteste Prinz der unmittelbaren 
Descendenz des brandenburg-preußischen Hauses führte wegen der 
Ansprüche Preußens auf das Fürstenthum Orange den Titel eines 
Prinzen von Oranien, ein Titel, der nach dem Utrcchter Frieden, 
wo Preußen seine Ansprüche an Frankreich überließ, wegfiel, ob 
gleich die Krone Preußens Titel und Wappen von Oranien aus 
der Erbschaft der Kurfürstin Louise, ersten Gemahlin des Großen 
Kurfürsten, beibehielt. Was von dem Gesichtsausdruck der Schwester 
oben gesagt, kann auch von dem des Bruders, des späteren Großen 
Königs wiederholt werden. Noch sind aus dieser Zeit herrührend 
zwei Schiffsmodelle bemerkenswerth. Das eine ist das Modell 
eines armirten Orlogschiffes zu 74 Kanonen und wahrscheinlich 
ein Geschenk der Königin Anna von England an König Fried 
rich I. Das andere, wahrscheinlich aus der oranischen Erbschaft 
stammend, wohin auch das Naffau-oranische Wappen zeigt, ist das 
Modell eines armirten holländischen Linienschiffes. 
Jener Contrast, dem wir in den Neigungen der Herrscher des , 
brandenburg-preußischen Hauses zwischen Vorgänger und Nachfolger 
begegnen, ist hier mehr als je zwischen dem Zimmer Friedrichs I. 
und der dem Andenken seines Vaters gewidmeten Abtheilung des 
Kursürstensaales zu finden. Dieser Contrast zeigt sich selbst in dem 
Rollwagen, welcher dem Könige Friedrich Wilhelm I. diente, wenn 
er, von Gichtschmerzcn geplagt, im Freien frische Luft schöpfen 
wollte. Wie schmucklos und auf das Praktische berechnet ist diese 
Fortbewcgungsmaschine gegenüber dem zierlichen Gartenwagen, in 
welchem sich der König Friedrich I. zwischen den verschnittenen 
Wände», Hecken und Bäumen seiner Gärten spazieren fahren ließ! 
Während bei dem ersten Rollwagen der Kasten einfach lackirt ist 
der Sitz mit einem starken Seidenstoff überzogen, ist er bei letzterem 
grün lackirt, bunt bemalt, mit Brokat überzogen und von einem 
Baldachin überdeckt. In die Zeit König Friedrichs I. gehört auch 
die Gruppe von Schlitten mit phantastischen mythisch-allegorischen 
Ornamenten, zu welchen die Kunst des Bildhauers und Vergolders 
wie der in Allegorien sich bewegende Sinn der Zeit gleich thätig | 
Untren. Pferde, Hirsche, Löwen, Adler, Schwäne müffen ihre 
Leiber darbieten, um für den Leiter des Schlittens einen Sitzplatz 
zu gewinnen, selbst das Gewölk des Himmels wird in Anspruch 
genommen, um den Insassen oder die Insassin als auf Wolken 
thronend darzustellen. Jagd- und Kriegsembleme, Amoren und 
andere Mohren, Genien und Heroen, Adler und Wappen mußten 
den Schmuck liefem für diese Fahrzeuge, mit denen der Hof Fried 
richs I. seine winterlichen Maskeraden in Scene setzte. Solch ein 
Schlitten mit den angeschirrten Pferden und den mit der Aus 
stattung des Schlittens harmonirenden Kummeten, die an der 
Wand angebracht sind, muß ganz stattlich ausgesehen haben, wenn 
er auf der schneeigen Bahn mit dem Herrn oder Dame in einem 
glänzenden Maskenkostüm durch die Straßen der Residenz fuhr. 
Den König selbst in ganzer Figur, Gesicht und Hände in 
Wachs nachgeformt, angethan mit einem rothsammetenen silberge- 
sticktcn Gewände, mit Kniebeinkleidern deffelben Stoffes, rothseidenen 
Strümpfen, in Allongeperrücke, mit Stern, Kette und Band des 
Schwarzen Adlerordens, mit dem Knieband des Hosenbandordens, 
sehen wir auf seinem Throne sitzend, neben ihm die Königskrone. 
Diese ist selbstverständlich nur eine Copie der echten, tvelche er sich 
in Königsberg ausgesetzt hatte. Letztere erscheint gegen die jetzige 
echte im Krontresor sich befindende darum von so bedeutendem 
Umfange, weil zur Zeit der ersten Krönung die Allongeperrücke für 
den Umfang der Krone in Betracht kommen mußte. Diese Figur 
des Königs befand sich siüher in der königlichen Kunstkammer und 
wurde von dort herübergenommen. Die Baldachine, welche sich 
über den großen Glasbehältniffen wölben, in welche diese Figur 
sowohl als die des Großen Kurfürsten eingeschlossen sind, waren 
dieselben, welche in der Königsberger Schloßkirche bei der Krönung 
18. Oktober 1861 sich über den Thronseffeln des Königs und der 
Königin erhoben. 
Leider sind der Erinnerungen an die erste Gemahlin des 
Königs sehr wenige. Das bedeutendste Stück ist die ver 
goldete mit Malereien verzierte Sänfte der Königin, welche in 
ihrem dekorativen Theile zweifelsohne aus Schlütersche Einflüsse 
zurück zu führen sind. Wie der erste König, so ist auch sein Vater, 
der Große Kurfürst, in ganzer Figur vorhanden. Die Wachs 
maske ist 1694 von dem Hofbildhauer Däbeler gemacht, welcher 
viel für den Großen Kurfürsten gearbeitet und ihn aus persön 
lichem Verkehr gekannt hatte; er hatte auch die Wachshände bossirt. 
Die ganze Figur war aus Veranlaffung des Direktors der Kunst 
akademie Henry im Jahre 1796 hergestellt worden. Für den 
Anzug hatte der bekannte Kupferstecher Chodowiecky die Angaben 
gemacht. Ungleich schöner und lebensvoller freilich ist die an der 
Fenstcrwand gegenüberstehende Kolossalgipsbüste des Großen Kur 
fürsten, ein Abguß nach dem Schlüterschen Meisterwerke, des Denk 
mals auf der Langen Brücke zu Berlin. Die ganze der Fenster 
wand gegenüber gelegene, nur durch eine Mittelthür unterbrochene 
Fläche zeigt die Reihe der Großthaten des Großen Kurfürsten. 
Es sind dies die berühmten Tapeten in Hauteliffe, welche auf Ver 
anlassung seines Sohnes von den Gebrüdern Casteels, die 1688 
darum aus Brabant verschrieben wurden, gezeichnet und in Berlin 
in der Gobelinfabrik von Mercier, der ersten, die Berlin besaß, 
und deren Besitzer, ein Refugie, diese Kunstübung nach Berlin ver 
pflanzt hatte, in dem Gießhause hinter dem Zeughause, wo er 
seine Fabrik etablirt hatte, im Jahre 1693 gewirkt worden waren. 
Sie stellen die Hauptkriegsthaten des Großen Kurfürsten dar. Die 
Bilder selbst umgiebt eine Bordüre mit kriegerischen Emblemen und 
dem Kurbrandenburgischen Wappen, dem goldenen Scepter, welches 
die Kurfürsten von Brandenburg als Erzkämmercr des heiligen 
römischen Reiches deutscher Nation führten, auf blauem Grunde. 
Die Reihenfolge der kostbaren Teppiche ist historisch folgende: Die 
Schlacht von Fehrbellin 1675, die Eroberung Wolgast's 1675, die 
Belagerung von Stettin 1677, (wohl der farbensrischeste der Go 
belins), die Unterwerfung von Stralsund 1678, die Landung auf 
Rügen 1678, die Fahrt über das Kurische Haff 1679. Von dieser 
Expedition ist in dieser Sammlung noch der Kriegsschlittcn vor 
handen, in welchem der Große Kur- und Kriegsfürst diese denk- 
würdige Fahrt gemacht hat. Das Fahrzeug ist zweisitzig, aus 
wendig roth angestrichen, inwendig mit jetzt verschoffcnem Sammet 
bezogen; am Rücktheil befindet sich das kurfürstliche Wappen. 
(Schluß folgt).
	        
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