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Volume 6. September 1884, Nr. 50

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Martin ließ den Kopf sinken. Er fühlte, daß bei dieser ! 
Frau das Anführen aller Vernunftsgründe vergeblich war, 
und daß er, wenn Elsbeth starb, allein und einsam stehen 
würde am Abend seines Lebens. 
Je mehr die Zeit über Mitternacht hinausrückte, je mehr 
ließ die Heftigkeit des Fiebers bei der Kranken nach. Sie 
verharrte im Halbschlummer, aus welchem sie nur bisweilen 
ängstlich aufschreckte, den Rest der Nacht und den größten 
Theil des nächsten Tages, bis sich dann gegen Abend die 
Fieberphantasicn bei ihr wieder heftiger einstellten. 
So, zwischen theilweiscr Ruhe und dann wieder heftig 
auftretenden Fieberanfällen wechselte der besorgnißerregende 
Zustand der Kranken auch während der nächsten Tage. 
Die Kurfürstin Elisabeth, welche von der schlimmen 
Krankheit des jungen Mädchens gehört hatte, schickte wiedcr- 
hvlcntlich ihren Lcibmedikus zur Hülfereichung in das Gärtner 
haus. Die greise Fürstin wußte, wessen Tochter Elsbeth war 
und der Name „Martin Straube" hatte für sie seit der letzten 
Fastnacht einen guten Klang als Namen eines Berliner Bür 
gers, der durch seinen Handel mit Luthers Schriften der Aus 
breitung des Luthcrthums in der Mark Brandenburg die 
Wege ebnen half. 
Am Abend des neunten Tages trat Elsbeths Krankheit 
in ein sehr beunruhigendes Stadium. 
Martin und Klaus kamen nicht vom Bett der Irrereden- > 
den fort. 
Auch Barbara hielt es für ihre Pflicht, das Zimmer 
nicht zu verlaßen; aber mit starrer Hartnäckigkeit setzte sie nur 
das Hersagen ihrer lateinischen Gebete fort, schlug ihre Kreuze 
und murmelte die Namen ihrer Schutzheiligen. Die heilige 
Veronika und der heilige Crhsosthomus schienen ihr wirksamere 
Macht gegen das Umsichgreifen der Krankheit und selbst gegen 
den Tod zu haben als persönliche Pflege der Kranken oder 
Darreichung des vom fürstlichen Medikus gespendeten Tränk 
leins. 
Die Kranke war kaum noch auf ihrem Lager festzuhalten. 
Es bedurfte Martins ganzer Muskelkraft, um zu verhindern, 
daß sie nicht aus dem Bette sprang; wild ächzend hatte sie 
das ihr nach dem Rath des Medikus auf die Stirn gelegte, 
in kaltes Wasicr getauchte Leintuch sich abgerisien und fort- j 
geschleudert. 
„Da öffnet er die Thür," — rief sie, sich fortwährend i 
gegen das Festhalten ihres Vaters sträubend, — „er winkt, 
— haltet mich nicht — ich muß ihm folgen — denn ich ge 
höre zu ihm — zu ihm!" — 
Plötzlich ließ sie den Arm ihres Vaters frei und sank 
lautlos in die Kiffen zurück. 
Eine Todtenstille herrschte während mehrerer Minuten in 
dem kleinen Krankenzimmer. Weder Klaus noch Martin oder 
Barbara wußten, welch ein Geist seine Fittige über das Mäd- j 
chen gebreitet hatte. 
Da schlug die Uhr auf dem Schloßthurm Mitternacht. 
Unmittelbar darauf — so wie der zwölfte Schlag ver 
klungen war, — tönte es kaum vernehmbar, wie ein Hauch 
aus einer anderen Welt, sanft und leise durch das Gemach: — 
„Ein" feste Burg ist unser Gott, 
Ein' gute Wehr und Waffen; 
Er hilft uns ftei aus aller Roth, 
Die uns jetzt hat betroffen!" — 
Dieser Vers aus dem von Doktor Martin Luther ver 
faßten schönen Liede, welches Martin Straube seiner Tochter 
wiederholt aus einem jener winzigen Büchlein vorgelesen, mit 
welchen er geheimnißvollen Handel trieb, kam jetzt von den 
bleichen Lippen der Kranken, welche die Krisis ihres bösen 
Fiebers glücklich überstanden hatte. 
Ein guter Geist war durch das kleine Gemach geschwebt, 
der Engel des Lebens und der Genesung. 
Martin und Klaus knieten, vor Rührung überwältigt, 
an Elsbeths Lager nieder, um im brünstigen Gebet Gott für 
den Hoffnungsstrahl, der in dem sanften Erklingen des Lied 
verses für Elsbeths Genesung lag, zu danken. 
Aber Barbara erhob sich, als sie das deutsche Lied 
hörte, mit Ungestüm und verließ das Zimmer; das Erklingen 
des Lutherlicdes vertrieb sie; nur in dem Anhören deffelben 
witterte sie eine Gefahr für ihr Seelenheil. 
„Wo bin ich? — Was ist mit mir?" — fragte die 
Kranke matt, indem sie die Augen aufschlug. Ihr dann 
folgender, ebenso verwunderter wie freudiger Ausruf: — 
„Mein Vater, wo kommt Ihr plötzlich her?" bewies, daß sie 
zum völligen Bewußtsein zurückgekehrt war. Martin konnte 
vor Freude und Rührung, seinen Liebling gerettet zu sehen, 
Elsbeths leise Frage nicht beantworten, Thränen erstickten seine 
Stimme; er beugte sich über seine Tochter, schloß sie in seine 
Arme und küßte sie auf die bleiche Stirn. 
Sie lächelte ihm zu, wandte ihren Kopf zur Seite und 
schlief ein. 
Am andern Morgen erwachte sie, von dem stärkenden 
ruhigen Schlummer erquickt, vollständig fieberfrei. Es zeigte 
sich nun, daß sie kein Wort von dem wußte, was sie während 
ihrer Geistesabwesenheit gesprochen hatte. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Berlins Wohlthäter. 
i. 
Severin Schindler. 
(Mit Portrait. Seite 708.) 
„Neigung zum Wohlthun war von jeher een hervor 
stehender Zug in dem Charakter der Berliner." 
Dieser Ausspruch der verewigten Königin Luise ruft vor 
Allem die Erinnerung wach an jene Männer, deren Gedächtniß in 
ihren inilden Stiftungen fortleben wird von Generation zu 
Generation. 
Zu diesen Männern gehört der Geheimrath Severin 
Schindler, dessen Erziehungs- und Schulanstalt für verwaiste 
Knaben — bekannt unter den Namen des „Schindler'schen Waisen 
hauses"— bereits am 16. Mai 1880 auf ihr 150jähriges Be 
stehen zurückblicken konnte. 
Schindler war ein geborener Berliner, und erblickte am 
18. Januar 1671 das Licht der Welt. Von seinen sonstigen 
Lebensverhältniffen erfahren wir nur, daß er mit seiner Gattin 
Marie Rosine Bose, welche zu Leipzig am 15. August 1688 
geboren war, in einer sehr glücklichen, doch kinderlosen Ehe gelebt, 
und daß Beide im Jahre 1725 das bei Berlin gelegene Rittergut 
Schöneiche angekauft, woselbst sie abwechselnd ihren Aufenthalt 
nahmen. 
Ihre erste Sorge war es nun, die in Unwiffenheit heran 
wachsenden Kinder ihrer Untergebenen in Zucht und Sitte zu er 
ziehen. Da in Schöneiche keine Schule existirte, so ließen sie eine 
solche aus eigenen Mitteln errichten; gleichzeitig aber auch aus
	        
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