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Periodical volume 6. September 1884, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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andere Verhältnisse bildeten. Ohne anspruchsvoll zu sein, war 
Elsbeth überzeugt, daß Severins Liebe ihr eine neue Heimath 
geben würde, sie meinte, die Bürgerstochter des alten Berlin 
sei nicht zu schlecht für eines Erbgeseffenen Hausfrau. 
So wie sie von ihrer Liebe ganz erfüllt war, mußte 
Severin es nach ihrer Meinung anch sein. Sie war über 
zeugt, heute wohl zuerst seine Liebe aufs Neue versichern zu 
hören, aber dann auch schon etwas Bestimmtes über die Zu 
kunft zu vernehmen. 
Mit diesen Gedanken, die sie auch während der letzten 
Tage schon unausgesetzt beschäftigt hatten, trat sie auch jetzt 
auf den Wall. 
Im Westen, wo vor einer halben Stunde der Sonnen 
ball unter den Horizont versunken war, hatte sich jetzt eine 
dunkle Wand Gewitterwolken über den Nachthimmel ausge 
breitet und hüllte die weite Gegend in dichte Finsterniß; nur 
die Oberfläche des Flusies hob sich in einer etwas lichteren 
Schattirung hervor. 
Elsbeth strengte sich an, mit dem Blick die Finsterniß zu 
durchdringen; es war nicht möglich, sie unterschied die Dinge 
nur in ihrer nächsten Umgebung von wenigen Schritt. Ihr 
fehlte die Ruhe, sich auf die Steinbank zu setzen; vor Unge 
duld und Erwartung erregt, schritt sie auf und ab. Mehrere 
Male stand sie still, um zu lauschen, aber sie hatte sich immer 
getäuscht, kein Laut verrieth Severins Nähe. Nur aus der 
Tiefe des Schloßgartens tönte das melodische Lied einer 
Nachtigall, bald in melancholischen, langgezogenen Tönen, 
bald in kurzem Geschmetter, jubilirend und herausfordernd. 
Es hatte schon vor mehreren Minuten auf dem Schloß 
thurm halb Zehn geschlagen, als sich in der Ferne ein leises 
Plätschern vernehmen ließ. 
Elsbeth lauschte athemlos. 
Sie unterschied immer deutlicher Ruderschlag. Jetzt ertönte 
er dicht vor ihr in der Tiefe, dann war Alles wieder still- 
Ein Schatten glitt den sanft abschüssigen Wall herauf. 
„Elsbeth!" 
„Severin!" 
Die Namen wurden so leise ausgesprochen, daß sie im 
Gesang der Nachtigall zu verklingen schienen. 
Elsbeth hatte im ersten Augenblick, als sie Severins Ge 
stalt auf der Höhe des Walls erscheinen sah, unwillkürlich die 
Arme nach ihm ausgestreckt, ließ sie aber gleich wieder sinken; 
sie sehnte sich nach ihm und fürchtete ihn zugleich. Sie dachte 
an seinen ersten Kuß; heut würde er sie zum zweiten Mal 
umschlingen. 
In süßem Bangen erwartete sie seine Annäherung. 
„Dank, Mädchen, daß Du mich erwartet hast!" 
Mit diesen, mit ruhiger Freundlichkeit gesprochenen Worten 
reichte er ihr die Hand und führte sie nach der wenige Schritt 
entfernten Steinbank. Er ließ sich auf dieselbe niederfallen, 
fest und schwer, wie Jemand, der sehr ermüdet ist und nun 
sich freut, endlich einen guten Ruheplatz gefunden zu haben. 
Hatte Elsbeth schon das vorige Mal zu ihm gesagt, daß 
sie sich das Wiedersehen mit ihm ganz anders gedacht, so 
hätte sie diesen Ausspruch heute wiederholen können, aber sie 
that es nicht. 
Enttäuscht, verwirrt setzte sie sich neben ihn. 
„Konntet Ihr bezweifeln," — sprach sie sanft, — „daß 
ich Euch vergebens hätte kommen lassen?" 
„Nein, nein, ich weiß, Du bist mir ganz ergeben!" 
Elsbeth kämpfte mit Thränen, sie wollte sich selbst nicht 
eingestehen, warum. 
Eine kurze Pause des Schweigens trat zwischen ihnen ein. 
Dann faßte er ihre Hand. 
„Gelt, Mädchen," — sagte er mit seiner weichen 
Stimme, — „Du wunderst Dich wohl über Deinen kalten 
Freund?" 
Elsbeth athmete auf; ihr war, als ob ein Alp von ihrer 
Brust genommen wurde; er wußte, fühlte also, daß sie eine 
andere Begrüßung zu erwarten berechtigt gewesen war. 
„Ich bin bekümmert," — fuhr er fort, — „denn ich 
kann Recht von Unrecht nicht mehr unterscheiden!" 
„Nennt mir Euren Kummer; kann ich ihn auch nicht 
von Eurer Seele nehmen, so wird die Mittheilung desselben 
Euch schon erleichtern!" 
Er schwieg wieder einige Augenblicke, als ob er über 
legte, wieviel er ihr von seinem Kummer vertrauen könnte. 
In diesem Augenblick zerrissen die Gewitterwolken, die 
den ganzen Himmel bedeckt hatten und in seiner ewigen Klar 
heit brach der Vollmond durch das sich theilende Gewölk und 
erhellte die schöne Gruppe des jugendlichen Paares. 
„Sieh', es wird Licht," — rief Elsbeth, als er erste 
Mondstrahl den Geliebten an ihrer Seite traf, — „Licht am 
Himmel, laß es auch Licht in Deiner Seele werden; ich sehe, 
daß Du kämpfest, leidest, noch einmal, erleichtere gegen mich 
Dein Herz!" — 
„Ich kann nicht zu Dir sprechen," — brach er im wilden 
i Schmerze aus, — „ich kann Dich nicht betrügen, Du Arglose, 
die mir vertraut!" 
„Betrügen?" — fuhr sie zusammen; bebend setzte sie 
hinzu: — „Ihr liebt mich also nicht?" 
„Mehr als mein Leben, mehr als meinen Schwur!" 
Zu ihren Füßen sinkend schlug er verzweifelnd die Hände 
vor das Gesicht und senkte den Kopf auf ihren Schooß. 
Tief ergriffen von dem Altsbruch seines Schmerzes, dessen 
Grund sie nicht kannte, und welcher sie deshalb nur noch 
mehr für ihn erzittern ließ, schlang sie ihren Arm unl seinen 
Hals. Sie hatte für ihn ein zärtliches Trostwort auf den 
Lippen, aber es erstarb in einem Schrei des Entsetzens. 
Indem sie ihren Arm um seinen Nacken legte, berührte 
sie die Krempe seines Hutes, der bei dieser Bewegung von 
seinem Kopfe siel. 
Elsbeth erblickte auf seinem Scheitel — die Tonsur; 
ein Mönch lag zu ihren Füßen- 
Sie stieß beit Knienden von sich und sprang allf. 
„Ha! Du bist ein Mönch!" — 
Fast im gleichen Augenblick hatte auch er sich aufge 
richtet. 
Aug' in Auge standen sie sich gegenüber. Wie am 
Himmel das Gewölk sich getheilt, war auch der Schleier des 
Geheimnisses, der Severin bis jetzt verhüllt, plötzlich zerrissen. 
Er streckte ihr die Hand entgegen, liebeflehend, versöhnung 
bittend für ein Unrecht, das nicht das Seine war- Er hatte 
das dreifache Gelübde der Armuth, Keuschheit und des Gehor 
sams abgelegt. 
In der Erfüllung des Dritten stand er hier vor Elsbeth. 
Die Entdeckung, daß Severin ein Verbannter, Geächteter, 
l ein von den Schergen gesuchter Verbrecher gewesen wäre.
        
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