Path:
Periodical volume 27. October 1883, Nr. 5

Full text: Der Bär Issue 10.1884

67 
schrieben, ist — dem Inhalte nach zu urtheilen — wahrscheinlich 
an den König von Schweden gerichtet. Nicht übersehen soll werden 
ein an der Seite der Statue befindlicher Armstuhl von Eichen ge 
schnitzt, früher vergoldet und mit rothem Sammet überzogen. Es 
ist der Sterbestuhl des Königs, in welchem er in seinen Zimmern 
des Stadtschlosscs zu Potsdam Tage und Nächte „in tormentis“ 
zugebracht hatte und in welchem er in seiner Sterbestunde von den 
ihn umgebenden Mitgliedern seiner Familie Abschied genommen 
hatte. Der König als Familicnhaupt ist in voller Lebensgröße 
auf einem der Bilder dargestellt, welche die Wände schmücken. Er 
ist hier so zu sagen in Familie, denn um ihn reihen sich seine Ge 
mahlin, die Königin Sophie Dorothea, der Kronprinz, seine sechs 
Töchter und seine drei übrigen Söhne, eine gar stattliche Descendenz, 
mit deren Regenten-Kriegsthaten und Geistesleben die Geschichte 
des achtzehnten Jahrhunderts ihre Bände hat füllen können. 
Der Kursürsten-Saal. 
Wenngleich in diesem von Knobelsdorff erbauten Raume, in 
dessen Style die architektonische Reinheit der Linien des Opernhauses 
wiederkehren, die Andenken an den Kurfürsten Friedrich HI. aus 
dessen späterer Königszeit herrühren, so muß der erste König, um hier 
eine gemeinsame Gruppe zu bilden, doch noch als in die Reihe 
der durch ihn abgeschlossenen Kurfürstenzeit gehörend betrachtet 
werden. Rechts und links des Eingangs in diesen Saal sind die 
lebensgroßen Bilder des Königs und seiner Gemahlin Sophie 
Charlotte von Hannover aufgestellt. Unter dem Bilde des Königs 
befindet sich eine große eiserne Kiste, grün lackirt mit reicher Ver 
goldung und der Königschiffre Friedrich I. auf dem Deckel. Eine 
Familieneigenthümlichkeit ist die Vorliebe der Hohenzollern für 
die Juwelen. In dieser Kiste, die früher in einem der Wohnge- 
mächer des Königs im Berliner Schlosse stand, hatte Friedrich I. 
die Familienjuwelen aufbewahrt. Gegenwärtig ist die Kiste 
aber leer. Die Kleinodien des königlichen Hauses würden darin 
auch nicht mehr Platz haben; sie sind jetzt im Krontresor im könig 
lichen Berliner Schlosse untergebracht. Das durch Eosander von 
Göthe erbaute große Portal des königlichen Schlosses in der Ge 
stalt, wie es vor König Friedrich Wilhelm IV. war, der die Kuppel 
der Kapelle darauf setzen ließ, ist in einem Modelle aus Lindcn- 
holz reproduzirt. Dieses dient zugleich als Stellage für eine 
Gruppe von weißem, blau gemalten glasirten Thongeschirr aus der 
Kurfürstenzeit des Königs. Die Einfachheit des Services weist 
zugleich auf seine Bestimmung zurück. Es war ein Jagdservice, 
von welchem nach den großen Jagden im Lustschloß Stern gegeffen 
wurde. Den ersten der mit reichen vergoldeten Schnitzereien ge 
schmückten Schränke krönt ein Gipsmodell des Reiterstandbildes 
des Großen Kurfürsten auf der Langen Brücke in Berlin. Von 
dem Inhalte der Vitrine möchte zunächst Alles dasjenige hervor 
gehoben sein, welches den auf die äußeren Grandeurs des König 
thumes gerichteten Sinn des Königs charakterisirt. Da sind ver 
schiedene Bände, welche das Ceremoniell des preußischen Hofes be 
handeln, das Traureglement für die dritte Gemahlin des Königs. 
Cin Kupferstichwerk behandelt die Krönung zu Königsberg i. Pr., 
ein anderes die Trauerfcierlichkeiten für die Königin Sophie Char 
lotte, ein drittes endlich das Trauer- und Ehrengedächtniß für 
den König selbst. Seinen frommen Sinn thut ein Ledcreinband 
wit Vergoldung dar. Inhalt: Allerhand schöne und einbrünstige 
Gebethe zusammengetragen. Vor. dem Titel hat der König eigen 
händig ein Gebet eingeschrieben mit dem Vermerke: „Ein Morgen 
und Königlich Gebeht So Ich alß König zu Königsberg selbst ge- 
wachet habe nach vollendeter Krönung." 
Auch Kuriositäten, wie sie diese Zeit liebte, sind vorhanden, 
10 f ’ ne Wünschelruthe für Bergleute, ein Hirschrus von Elfenbein, 
^tne Jaspiskugel mit planetarischen Zeichen, ein Nagel halb Eisen 
^ alb Gold, an dem der naive Glaube der Zeit die Verwandlung 
des Eisens in Gold zur That geworden sah u. A. m. Ein zin 
nerner Deckelkrug erinnert an die Stiftung der Universität Halle 
die daraus befindliche Inschrift besagt, daß er von einem Zinn- 
gießer zur Feier des Ereigniffes vom Thurme geworfen worden 
sei. Die Erinnerung an einen Zeitgenossen des Königs, an König 
Karl XII. von Schweden, wird durch einen Degen wachgerufen, 
aus dessen Klinge unter der gekrönten Chiffre des Königs die 
Worte zu lesen sind: Vivut 6-,r<>Ius Ilex Sweciae. Bei einem 
zweiten daneben befindlichen mit ornamentirtem Gefäße ist die 
Thatsache, daß er einst im Besitze des Königs gewesen sei, nicht 
so beglaubigt als bei dem ersteren. Der künstlerische Schmuck 
dieses Glasbehälters sind zwei Schatullen oder Kassetten. Die 
eine von Stahl mit Bronzeverzierung gehört in die Zeit des 
Königs, wenn auch nicht festgestellt werden kann, daß sic sein Eigen 
thum gewesen war. Sie gehörte später zum Inventar des Schreib 
kabinettes der Königin Louise. Von der zweiten Schatulle, einem 
sogenannten Kabincttchen, steht es fest, daß sie im Eigcnthume 
und Gebrauche des Königs war. Sie ist aus Stahl gearbeitet 
mit reichem Bronzerahmen und mit einem sehr kunstvollen Schlosse. 
Beide Gegenstände sind auch als kunstgewerbliche Erzeugnisse von 
Werth. 
Vier Meisterstücke der Kleinkunst jener Zeit birgt der nächste 
Behälter. Es sind dies zwei in Elfenbein geschnittene Stockknöpfe 
des Königs von dem trefflichen Bildhauer Däbeler, in Zeichnung 
wie in Ausführung gleich vollendet, dann zwei Uhren in Emaille 
malerei auf der innern und äußern Kapsel wie am Rande. Die 
Meister dieser äußerst graziösen Emailleminiaturen waren zwei 
Bruder Huault. Der König liebte die Pracht und zur Entfaltung 
derselben boten die Künste ihre Hand. Zu seiner Zeit war in 
Berlin schon ein reges Kunstleben entfaltet. Allerdings waren es 
meistens Ausländer und von einem solchen Namens Chevalier 
rührt auch das treffliche Elfenbeinrelief mit den Köpfen des Kur 
fürsten Friedrich III. und seiner Gemahlin Sophie Charlotte her. 
Es liegen deren noch mehrere daneben, eines, welches den Kron 
prinzen späteren König Friedrich Wilhelm I. darstellt. 
Das große Ereigniß, um das sich das Leben des Königs 
krystallisirte, war die Erwerbung der Königskrone. Von der 
Krönung datirt der in Holz geschnittene vergoldete Heroldstab. 
Die Ceremonie ist ferner in einer allerliebsten kleinen aus Holz 
geschnitzten Gruppe dargestellt, ebenso in einem Stiche, welchen 
man wohl irrthümlicher Weise Meister Chodowiecky zutheilt. Ein 
kleines Oelbild, eine Copie nach dem im Kapitelsaale des könig 
lichen Schlosses befindlichen lebensgroßen Oelbilde, stellt den König 
Friedrich I. im Kostüme des Schwarzen Adlcrordens dar. Nach 
den Spazierstöcken von Schildpatt, die hier ebenfalls aufbewahrt 
sind, nach dem Galanteriedegen mit ciselirtcr und vergoldeter 
Klinge mit dem in Stahl geschnittenen reich ornamentirten Gefäße 
und mit dem Kopf des Königs in rother Emaille auf Knauf und 
Griff, erscheint der König an Gestalt Wohl als der Kleinste seines 
Hauses. War die Jagdpassion in ihm auch keine hervorragende 
Eigenthümlichkeit, so lag er dem Vergnügen der Jagd doch ob, 
vielleicht schon darum, weil ein großer Jagdtroß damals zum 
Glanze eines Hofes gehörte. Hier ist eine Büchse aufbewahrt 
mit Inschrift und Abbildung eines sitzenden Rothhirsches von 
66 Enden, den der Kurfürst am 18. Septeinber 1666 in der 
Obersörsterei Neubrück Kreis Lübben erlegt hatte. An den Jagd 
train seines Hofes erinnert der große in Eisen geschnittene Schlüssel 
zum Jagdschloß vom Grunewald bei Berlin. 
Manche in diesem Kurfürstensaale noch aufbewahrten Gegen 
stände gehören noch in die Zeit Königs Friedrich !., so der präch 
tige Kinder-Galawagen, der wahrscheinlich noch aus der Kürfürsten 
zeit des Königs stammt und für seinen Sohn, den späteren König 
Friedrich Wilhelm I. gebaut worden sein mag. Eine Mode da 
maliger Zeit bringen die in Wachs bossirten Kindergestalten der
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.